Ersetzen Rober bald den Vertriebsmitarbeiter?
Ersetzen Rober bald den Vertriebsmitarbeiter?Quelle: Dieter Schütz / PIXELIO (www.pixelio.de)
Schlaglicht

Automatisierung in der Versicherungsbranche: Mehr Umsatz und weniger Jobs?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Prozessautomation durch Roboter: Was einst als Zukunftsmusik in die Welt von Star Trek & Co. verbannt wurde, scheint nun Realität zu werden. Unternehmerisch könnte sich dies gerade für die Finanzdienstleister rund um den Globus durchaus lohnen - versprechen sich die Entscheider neben mehr Effizienz vor allem ein sattes Umsatzplus. Rund 512 Mrd. US-Dollar könnte der Einsatz intelligenter Automatisierungsmaschinen bis zum Jahr 2020 einbringen, konstatiert eine aktuelle Studie von Capgemini. Allein die deutschen Versicherer rechnen dabei mit einem satten Plus von 6,11 Prozent bzw. 21,42 Mrd. US-Dollar mehr in den eigenen Kassen. Droht dadurch nun der große Jobabbau?
Automation, Roboter, Künstliche Intelligenz sind längst geflügelte Worte in den Chefetagen der deutschen Versicherungskonzerne. Was manch Entscheider als neue digitale Errungenschaft zur Effizienzsteigerung - ganz im Sinne des Kunden übrigens - öffentlich in höchsten Tönen preist, dürften die betroffenen Mitarbeiter und vor allem die Vermittler mit einegm gewissen Argwohn betrachten. Die Managementberatung Horváth & Partners hat nun eine Studie über den Einsatz und die Auswirkungen der neuen Technologien veröffentlicht. Ein zentrales Ergebnis: Drei Viertel der Unternehmen lassen einfache, sich wiederholende Datenverarbeitungsprozesse bereits von Roboterprogrammen erledigen. "Robotic Process Automation, kurz RPA, hat sich in rasantem Tempo etabliert", sagt Sebastian Ostrowicz, Automationsexperte bei Horváth & Partners. Ein Grund dafür dürfte die hohe Zufriedenheit mit dieser Technologie sein: 93 Prozent der befragten Entscheider geben laut Studie an, ihre Effizienzziele voll erreicht oder sogar übertroffen zu haben.
"Im Vier-Stufen-Modell auf dem Weg zur intelligenten Prozessautomation ist RPA allerdings nur die Einstiegstechnologie", ergänzt der Automationsexperte von Horváth & Partners. So dürften sich die Technologien der Cognitive Automation und Digital Assistants in den kommenden zwei bis drei Jahren ebenfalls Einzug in die Unternehmen halten. Derzeit sind sie in etwa jedem dritten Unternehmen im Piloteinsatz oder in Planung. "Die verschiedenen Ausbaustufen von Prozessautomation lösen sich dabei nicht gegenseitig ab, sondern werden in verschiedenen Bereichen eingesetzt", so Ostrowicz. Aber: Die Mehrheit der befragten Manager rechnet bei der Einführung entsprechender Systeme mit einem deutlichen Widerstand aus der Belegschaft. Für 55 Prozent der Befragten ist mangelnde Akzeptanz der Mitarbeiter laut Studie die größte Herausforderung beim verstärkten Einsatz von Automationslösungen. Dennoch hält die Mehrheit an ihren Plänen fest, Prozessautomation der ersten bis dritten Stufe weiter auszubauen. "In den nächsten Jahren werden die Unternehmen Prozessautomation hauptsächlich dazu nutzen, Personallücken zu füllen, die durch den Fachkräftemangel und den demografischen Wandel entstehen. Erst danach wird es spannend, in welchem Ausmaß die Digitalisierung, wie von vielen Experten prophezeit, tatsächlich neue Jobs schafft und ob diese dann auch durch Mitarbeiter ohne Studium oder IT-Kenntnisse übernommen werden können" , prognostiziert Ostrowicz.
"Versicherungen, Banken, Finanzdienstleister wird es so, wie wir sie heute kennen, in zehn bis 15 Jahren schon nicht mehr geben."
Christian Rieck, Professor für Finance und Wirtschaftstheorie an der Frankfurt University of Applied Sciences

Droht den Versicherern der radikale Umbruch?

Und was bedeutet dies für die Versicherungsbranche? "Versicherungen, Banken, Finanzdienstleister wird es so, wie wir sie heute kennen, in zehn bis 15 Jahren schon nicht mehr geben", konstatiert Christian Rieck, Professor für Finance und Wirtschaftstheorie an der Frankfurt University of Applied Sciences, in seinem Buch " Können Roboter mit Geld umgehen?" Seine These: Die aktiven Denkroboter, welche nicht mehr auf menschlichen Input warten müssten, stünden in den Startlöchern. "Wer jetzt nicht aufwacht, wird verdrängt", warnt der Finanzexperte. Dabei zeigt das US-Versicherungs-Start-up Lemonade bereits, wie es geht: So wirbt das Insurtech aus New York, damit, dass ein Vertragsabschluss bei ihr unter einer Minute und eine Schadensregulierung in wenigen Sekunden möglich ist.
Dabei gehören Roboter beim Thema Geldanlage zu den absoluten Gewinnern der vergangenen Jahre: Sie arbeiten emotionslos und günstiger als Banken, Vermögenswverwalter oder Fondsgesellschaften. Allein Marktführer Scalable verwaltet damit mittlerweile eine Milliarde Kundengelder. Allein in Deutschland sind mehr als 20 Player aktiv, die bewusst auf Roboter bei der Geldanlage setzen. Etwa die Hälfte davon brachte die ING-Diba pber entsprechende Kooperationen auf den Markt. Auf den weiteren Plätzen rangieren Unternehmen wie Liwid (250 Mio. Euro), Cominvest (120 Mio.) und Quinion (100 Mio.). Nach aktuellem Stand dürften die Roboadvisor derzeit Kundengelder in einem Volumen von mehr als zwei Mrd. Euro verwalten.
In der Versicherungsbranche dürften die Vermittler diese Entwicklung hingegen mit Argwohn beobachten - mit allem Grund. "Mehr als 50 Prozent der Bundesbürger können sich vorstellen, eine Versicherung komplett online abzuschließen ohne persönliche Beratung", konstatiert Holger Rommel, COO der Adcubum AG. Immerhin setzt die Allianz bereits bereits Roboter ein, um Dateneingaben in Systeme durchzuführen. Zudem testet sie sogenannte "Bots", die die eingehende Briefpost, E-Mails oder auch Anrufe automatisch klassifizieren und weiterbearbeiten. "KI hat enormes Potenzial für Versicherer", wird Michael Bruch von Allianz Global Corporate & Specialty, im Handelsblatt zitiert.
Zudem arbeitet die Allianz beim Thema Geldanlageseit kurzem mit dem digitalen Vermögensverwalter Moneyfarm zusammen. "Wir wollen die digitale Vermögensverwaltung für Sparer und Anleger in einigen Märkten breiter verfügbar machen. Wir sehen eine steigende Kundennachfrage nach intelligenten und einfachen digitalen Lösungen, insbesondere wenn es um ein ganzheitliches Management der Geldanlage geht", glaubt Jackie Hunt, Vorstand der Allianz SE und verantwortlich für Asset Management und US Life Insurance Die Versicherungskammer Bayern fühlt sich auf diesem Feld sogar als digitaler Vorreiter in Deutschland: So bearbeite die Watson, eine künstliche Intelligenz von IBM, schon heute Kundenbeschwerden automatisiert und sol dabei sogar bayerische Sprachelemente verstehen. Dabei soll die Software "Unmutsäußerungen in Kundenschreiben erkennen und in verschiedene Kategorien sortieren", erläutert VKB-Managerin Isabella Martorell Naßl.

Künstliche Intelligenz wird zum Milliardengeschäft

Aktuellen Prognosen zufolge hat die Technologie der künstlichen Intelligenz jedenfalls das Potenzial, sich zu einem Milliardengeschäft zu entwickeln. So taxiert allein das IT-Unternehmen Tractica den weltweiten Umsatz mit KI allein in diesem Jahr auf rund 7,3 Mrd. US-Dollar. Bis 2025 soll der KI-Umsatz laut Prognose gar auf rund 90 Mrd. US-Dollar steigen. Allein 47 Prozent davon sollen dabei durch nordamerikanische Firmen generiert werden.
Das Milliardengeschäft mit der künstlichen Intelligenz.
Das Milliardengeschäft mit der künstlichen Intelligenz.Quelle: Statista
Laut einer Studie des Digital Transformation Institute von Capgemini könnte allein die Finanzbranche weltweit mit einem Umsatzplus von 512 Milliarden US-Dollar rechnen. Allein in Deutschland könnten demnach im gleichen Zeitraum Banken und Kapitalmarktunternehmen mit einem zusätzlichen Umsatz von 13,38 Mrd. US-Dollar (plus 6,56 Prozent) und Versicherungen mit 21,42 Mrd. US-Dollar (plus 6,11 Prozent) mehr rechnen. Dabei nutzen viele Dienstleister die neue Technologie nicht nur um Kosten einzusparen, sondern auch um Umsatz zu generieren. Im Durchschnitt konnten mehr als ein Drittel der befragten Finanzdienstleister (35 Prozent) weltweit ihren Umsatz durch Automatisierung um zwei bis fünf Prozent steigern, so die Capgemini-Studie. Dies betreffe vor allem 34 Prozent der Banken, 33 Prozent der Versicherer und 37 Prozent der Kapitalmarktunternehmen.
Ein weiterer Grund für den Einsatz der neuen Technologie ist zudem auch die wachsende Konkurrenz durch nicht-traditionelle Akteure im Finanzdienstleistungsmarkt. So glauben immerhin 45 Prozent der befragten Unternehmen, dass BigTechs wie Amazon und Alphabet in den nächsten fünf Jahren ihre Konkurrenten sein werden. Allerdings haben derzeit nur etwa zehn Prozent der befragten Unternehmen weltweit die Technologie bereits skalierbar implementiert. Während in Indien (17 Prozent), Großbritannien und Schweden (jeweils 13 Prozent) die meisten Unternehmen umfassend Automatisierungstechniken eingeführt haben, sind in Deutschland nur fünf Prozent bereits dabei. Die Mehrheit aller Unternehmen hat mit geschäftlichen, technologischen und personellen Herausforderungen zu kämpfen.
Immerhin: "Nur die fortschrittlichsten Unternehmen unter den Finanzdienstleistern haben Führungskräfte mit einer genauen Vorstellung davon, welche Möglichkeiten sich durch Automatisierung für ihr gesamtes Geschäft ergeben könnten", konstatiert Joerg Becker, Senior Manager von Capgemini Consulting in Deutschland. Dennoch glaubt Jose Ordinas Lewis, Leiter des Robotic Automation Center der Swiss Re, dass die Entwicklung der Automatisierung im Bereich der Finanzdienstleistungen der Revolution der Automobilindustrie in den 1970er- und 1980er-Jahren sehr ähnlich sein wird: "Die Rolle des Menschen in Prozessen wird sich dramatisch verändern und sich auf Dinge konzentrieren, die der Mensch viel besser kann – in Bezug auf Design und Problemlösung. Die die sich wiederholenden, regelbasierten Dinge werden den Robotern überlassen. Auch wenn es nicht in zwei Jahren passieren wird, weiß ich, dass es keine 20 Jahre mehr dauert".
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