Der 51-jährige Torsten Leue, den Herbert Haas vor sieben Jahren von der Allianz abwarb, soll sich gegen Finanzchef Immo Querner (54) und den für das Privatkundengeschäft verantwortlichen Jan Wicke (49) in der Position als neuer CEO bei Talanx durchgesetzt haben.
Der 51-jährige Torsten Leue, den Herbert Haas vor sieben Jahren von der Allianz abwarb, soll sich gegen Finanzchef Immo Querner (54) und den für das Privatkundengeschäft verantwortlichen Jan Wicke (49) in der Position als neuer CEO bei Talanx durchgesetzt haben.Quelle: Talanx
Unternehmen & Management

Talanx nach dem Machtwechsel: Leue muss liefern

Von Alexander KasparTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Heute sind alle Augen auf Torsten Leue gerichtet. Erstmals präsentiert er die Zahlen der Talanx. Er will den Konzern internationaler aufstellen. Vieles spricht dafür, dass ihm das gelingt. Wie so vieles in seiner bisherigen beeindruckenden Laufbahn. Dank seiner Mentoren, wie Leue zugibt.
Torsten Leue ist schon viel rumgekommen in seiner Karriere. Um den halben Erdball, vielleicht sogar um den gesamten, haben die Reisen den Manager, der am 7. Juni seinen 52. Geburtstag feierte, in Diensten der Versicherungswirtschaft geführt und damit für eine internationale Grundierung in der Persönlichkeit des Managers gesorgt. Davon will man in Hannover nun verstärkt profieren. Seit 8. Mai leitet Leue als Vorstandsvorsitzender die Geschäfte der Talanx – zuständig u.a. für die Ressorts Auditing, Communications, Corporate Development, Human Resources und nicht zuletzt für den Bereich Investor Relations. Auf die Frage, wo er denn nach zwölf Jahren Herbert Haas, den er als erst neunten Vorstandsvorsitzender an der Konzernspitze beerbt, neue Akzente setzten wolle, antwortete Leue: „Zunächst ist mir einmal sehr wichtig, gut zuzuhören. Ich werde im zweiten Halbjahr 2018 mehr sagen können, wo ich andere Akzente setzen will“, um aber dann doch auf Nachfrage zu konkretisieren: „Grundsätzlich sehe ich, dass der Konzern mit seiner kundenorientierten Holdingstruktur und mit seiner dezentralen Ausrichtung gut positioniert ist. Schließlich müssen wir schneller agieren in dieser von Digitalisierung und Verdrängungswettbewerb geprägten Welt. Die Voraussetzungen, dem zu begegnen, sehe ich grundsätzlich als gut an.“

Auf der Überholspur

Leue muss es wissen, denn nach seiner Lehre zum Bankkaufmann 1987 bei der Deutschen Bank und anschließendem BWL-Studium in Berlin und Montpellier mit den Schwerpunkten Finanzen und Personal, wechselte der damals 27-jährige schnell auf die Überholspur und qualifizierte sich über das Fast-Track-Programm der Allianz so schon früh für höhere Aufgaben. „Das Programm ist die hausinterne Ausbildung zum IT-Consultant. Für das Programm, welches mehrmals im Jahr startet, werden engagierte Personen gesucht, die sich insbesondere durch ihre Kommunikationsstärke und IT-Affinität auszeichnen. Im Anschluss folgt ein „Training on the Job“ in Form eines Einsatzes in der Abteilung „Organisation & Planung der Allianz oder im hauseigenen IT-Tochterunternehmen“, wie es in der Selbstauskunft der Allianz zum Thema heißt. Damit sind auch schon die Leitplanken beschrieben innerhalb derer sich die Karriere Leues abspielen wird: IT und HR. Es folgten ein Jahr als Assistent des Regional-Managers der Allianz SE Berlin, ein weiteres Jahr als Regionalvertriebsleiter ebenfalls in Berlin, dem sich ein fünfjähriges Engagement als Regional-Manager für Mittel- und Osteuropa im Hauptquartier in München anschloss. Über diese, ihn prägende Zeit sagt Leue heute im Rückblick: „Ich hatte sehr gute Mentoren.

Meine Erfahrung ist, dass eine faire, offene sowie konsequente Führung enorm wichtig ist für die eigene Leistungsbereitschaft.“ Ab 2004 dann der erste Einsatz im Ausland als Präsident des slowakischen Kfz-Geschäfts der Allianz und noch im selben Jahr die Übernahme für das Gesamtgeschäft in der Slowakei, nun als Vorstandsvorsitzender der Allianz Slowakei. In dieser Funktion renovierte Leue das darbende Geschäft in dem osteuropäischen Land so erfolgreich, dass der Manager ab 2008 als Deutscher sogar die Präsidentschaft des slowakischen Versicherungsverbandes übernahm. Als Bonus gab es die Mitgliedschaft im Strategieausschuss des Comité Européen des Assurances (CEA, heute unter dem Label Insurance Europe – Europäischer Versicherungsdachverband) oben drauf. Spätestens zu dieser Zeit muss der polyglotte Manager, der fließend in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Slowakisch parliert, Herbert Haas, der damals bereits im vierten Jahr die Geschicke der Talanx AG als Vorstandsvorsitzenden leitete, aufgefallen sein. 

Effizienzgewinne durch KI

Einer ersten Kontaktaufnahme folgte alsbald ein Treffen in Wien, bei dem Haas versuchte, Leue für sein Unternehmen zu gewinnen. Doch letzterer ließ sich nicht in die Karten schauen – wie sich das für einen Vertreter der Versicherungsindustrie gehört. In dem Gefühl, mit der Akquise gescheitert zu sein, dachte Haas „der kommt nicht. Er war so zurückhaltend“. Doch Leue sagte zu und verließ als Allianz-Eigengewächs sein Mutterhaus. Haas muss mit seinen Argumenten und Perspektiven überzeugt haben, denn schon im September 2010 kam Leue als Vorstand für das internationale RetailGeschäft zur Talanx-Gruppe, dem inzwischen mit mehr als 8.000 Mitarbeitern personalstärksten Geschäftsbereich im Konzern. In dieser Zeit hat der Manager das Prämienvolumen und die Profitabilität des Geschäftsbereichs kontinuierlich durch organisches und anorganisches Wachstum ausgebaut. Dabei konnten die Prämieneinnahmen in Leues Verantwortung von 2,2 Mrd. Euro im Jahr 2010 innerhalb von sechs Jahren auf fast fünf Mrd. Euro hochgeschraubt werden. Das operative Ergebnis (EBIT) stieg im gleichen Zeitraum von 27 Mio. Euro auf 212 Mio. Euro 2016. Schreiben konnte Leue diese Erfolgsgeschichte dank seiner Osteuropakompetenz. Nur zwei Jahre nach seinem Wechsel von der Isar an die Leine zog er für Talanx mit der Übernahme des polnischen Versicherers TUiR Warta SA einen weiteren dicken Fisch an Land und eroberte so für die Talanx Platz zwei in Polen. „In dieser Funktion hat er die Transformation hin zu agilen Arbeitswelten mit eingeleitet, um künftig die Umsetzungsgeschwindigkeit im Konzern weiter zu erhöhen“, wie dazu die Talanx-Kommunikation auf der Unternehmenswebseite schrieb und dazu ein Leue-Zitat angehängt hatte: „Unternehmen werden von Menschen geführt, nicht von Strukturen. Der Mensch steht immer im Mittelpunkt“. Das hört sich schön an, muss aber mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen im Feld der Digitalisierung etwas relativiert werden: „Versicherer Talanx setzt bei der Personalauswahl auf Computer.“ Diese Schlagzeile Anfang des Jahres schreckte die Konkurrenz, Personalchefs, Mitarbeiter und solche, die es werden wollen auf. Denn ab sofort verzichtet das Unternehmen auf sogenannte Assessment Center, bei denen Kandidaten für Führungspositionen, psychologisch begleitet, in tagelanger Detailarbeit analysiert und bewertet werden. Zukünftig reicht ein Telefonat mit einem Computer, der im Hintergrund dem Algorithmus des „Precire“-Programms gehorcht um mit 90-prozentiger Sicherheit feststellt, ob ein Bewerber für die Position in der Company geeignet ist. Mögliche Fragen der Maschine an Führungskräfte lauten: „Auf wieviel Prozent schätzen Sie Ihr Management-Talent in Ihrem Skilltree?“ „Wann haben Sie das letzte Mal ein Update in Sachen Social-Media-Competence gemacht?“ oder „Wie lange haben Sie Ihren Führungsstil nicht mehr gelevelt?“ Das ganze Gespräch dauere etwa eine halbe Stunde, koste etwa 1.000 Euro und wird vom Computer geführt – ein Assessment Center dagegen dauert ein bis zwei Tage und koste meist fünfstellige Beträge, erläutert Leue in diesem Zusammenhang. „Ich habe mich auch diesem Instrument gestellt und war begeistert.“ Effizienzgewinne durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz und mehr Digitalisierung, lautet das Ziel. 

Mut wird Leue brauchen, um die großen Schuhe, die Vorgänger Herbert K. Haas in zwölf Jahren an der Spitze der Talanx hinterlassen hat, auszufüllen. Trotz Naturkatastrophen, trotz Niedrigzinspolitik, trotz kritischer Begleitmusik zum Börsengang und trotz immer neuer Aufsichtsregimes konnte Haas liefern: Im Schnitt 16 Prozent Return on Invest pro Jahr, inklusive Kursanstieg und Dividende. Heute ist Leue dran.
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