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09.08.2018Schlaglicht

"D&O-Versicherung hat schon Existenzen gerettet"

Von Ulrich Kremer und Markus GülichVW heute
Die D&O-Versicherung gilt als wichtigste Versicherung für Unternehmensleiter. Das Schadenaufkommen ist hoch, die Zufriedenheit mit der Schadenbearbeitung aber manchen Stimmen zufolge gering: sperrige Regulierung und Ablehnungen seien an der Tagesordnung. Trifft dies wirklich zu? Harald Köberich, Geschäftsführer der Köberich Financial Lines, Marcus Kuhn, Fachbetreuer Financial Lines Willis Towers Watson und Niels Jöhnk, Leiter Financial Lines und Prokurist Oskar Schunck, sprechen über wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen mit der Managerhaftpflicht.

Ulrich Kremer / Markus Gülich: Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen bei Inanspruchnahmen durch den Insolvenzverwalter die versicherte Person nicht durch die D&O-Versicherung geschützt wurde?

Harald Köberich: Wir hatten noch nie einen Insolvenzfall bei einem unserer direkten Kunden, letztlich bedingt durch unseren Fokus auf Großkunden, die weniger insolvenzgeneigt sind als dies möglicherweise im Mittelstand der Fall ist. Daher ist die Antwort nein.

 

Marcus Kuhn: Angaben zu Ansprüchen durch Insolvenzverwalter kann ich nicht machen, der Makler bekommt hiervon meist nichts mit. Er hat ja weder ein Mandat der versicherten Personen noch des Insolvenzverwalters. Gelegentlich wird er von der Versicherungsnehmerin mit der Klärung von Deckungsschwierigkeiten beauftragt, sofern sie hierzu in der Lage ist.

 

Niels Jöhnk: Als Makler verlieren wir das Mandat mit der Insolvenzeröffnung. Auch als Sachwalter der Versicherungsnehmerin kommt es immer wieder vor, dass man der versicherten Person – ohne gegen Pflichten zu verstoßen – noch zu helfen versucht. Generell stehen wir auf Seite der Versicherungsnehmerin, so dass eine Beratung der versicherten Person ausscheidet. Je nachdem wie der Insolvenzverwalter sich verhält, wird der Kontakt zur Versicherungsnehmerin unterbrochen.

Wurde Deckung je wegen des Ausschlusses von Vorsatz oder wissentlicher Pflichtverletzung versagt?

Harald Köberich: Im Rahmen meiner Maklertätigkeit ist das noch nicht vorgekommen. Ich erinnere mich aber an einen solchen Fall bei einem ehemaligen Arbeitgeber. Zugrunde lag dem ein Sachverhalt, wo der Tatbestand einer wissentlichen Pflichtverletzung im Vorstandsprotokoll festgehalten worden war. Allerdings ist das viele Jahre her. Klar ist, dass mit Blick auf die heute gängigen Formulierungen zum Vorsatzausschluss – dolus directus, Vorsorgedeckung und Beweislast beim Versicherer – der Versicherer kaum eine Chance hat, sich wirksam darauf zu berufen. Damit würde heute wohl auch der zuvor genannte Fall anders ausgehen. Der Vorsatzausschluss ist heute vielfach ein stumpfes Schwert. Häufiger anwendbar wäre er sicher in einer Form, die Versicherungsschutz versagt, wenn die versicherte Person zwar wusste, dass ihr Tun ihr nicht erlaubt ist, dies aber im Unternehmensinteresse dennoch tut, wenn also nicht nur direkter Vorsatz ausgeschlossen ist.

 

Marcus Kuhn: Eine Ablehnung aufgrund Vorsatzausschlusses ist mir noch nicht untergekommen. Hier ist allerdings der Versicherermarkt nach wie vor gefragt, tätig zu werden. Wichtig ist der häufig schon gegebene Feststellungsvorbehalt, d.h. der Versicherer leistet bis zur endgültigen Feststellung der Ausschlussvoraussetzungen. Eine gute Lösung fehlt aber immer noch in Fällen, in denen ein Teil der versicherten Personen Vorsatz vorzuwerfen ist, einem anderen Teil jedoch nicht. Auch eine Standardlösung für die Arglistanfechtung ist notwendig.

 

Niels Jöhnk: Aus dem Bauch: keine erfolgreich. In einem Fall wurde es probiert. In allen anderen Fällen war es so, dass wir als Makler im Grunde genommen schon den Kunden darauf hingewiesen haben, dass es wenig Sinn macht, weil es auf Vorsatz hinausläuft. Einmal war es eindeutig. Der Geschäftsführer wurde in einem parallel laufenden Fall verurteilt, und damit war der Vorsatz so umfassend gegeben, dass wir mit dem Versicherer schnell einig waren, dass wir das nicht weiter verfolgen müssen. Ich kenne wirksame Vorsatzausschlüsse, aber in den Schadenfällen, die ich begleitet habe, spielte das eigentlich keine Rolle; wenn der Versicherer das probiert, haben wir zumeist gute Argumente dagegen. Wir selbst benutzen seit 2014 eine sehr, sehr enge Formulierung – wahrscheinlich die engste am Markt –, die sich nur auf dolus directus bezieht und sogar von einem Großmakler kopiert wurde.

Hat ein Versicherer im Schadenfall schon einmal seine Pflichten gegenüber der versicherten Person – die ähnlich denen eines Rechtsanwalts sind – verletzt?

Harald Köberich: Ja, ich habe Fälle erlebt, in denen sich der Eindruck aufdrängte, dass der Versicherer taktiert, z.B. mit Blick auf Verjährungsfristen Verzögerungen verursacht hat. Dies kann schon dadurch geschehen, dass der Versicherer Thesen aufstellt, die die versicherten Personen erstmal aus dem Raume schaffen müssen. Sicher sind mir auch schon Fälle untergekommen, in denen der Versicherer schlicht aus Unkenntnis und Unerfahrenheit des Schadensachbearbeiters Pflichtverletzungen begangen hat. Das kommt eher bei Versicherern vor, die die Schadenbearbeitung auslagern. Wird an Kanzleien ausgelagert, besteht natürlich ein Interesse an einer möglichst umfangreichen Schadenbearbeitung.

 

Marcus Kuhn: Dass ein Versicherer absichtlich die Regulierung hinauszögert, ist mir noch nicht untergekommen. Häufig findet die Kommunikation mit dem Versicherer aber ausschließlich über den Anwalt der versicherten Person statt, so dass wir davon nichts mitbekommen würden. Im Übrigen habe ich volles Verständnis dafür, dass der Versicherer in diesen häufig komplexen und hohen Schäden erst einmal Ermittlungsarbeit leisten muss. Vereinzelte Verzögerungen gibt es natürlich, doch haben diese meist nachvollziehbare Gründe, wie sie in anderen Versicherungszweigen auch vorkommen.

 

Niels Jöhnk: Nein! Wenn so etwas vorkommt, dann würde ich es immer auf eine mangelnde Qualität des Schadensachbearbeiters beziehen wollen. Ich kenne keinen Problemfall, bei dem der Kunde uns widergespiegelt hat, dass er sich schlecht aufgehoben fühlt. Dies liegt aber natürlich ein Stück weit an unserer Auswahl der Versicherer, mit denen wir zusammenarbeiten.

Hat die D&O-Versicherung schon Existenzen gerettet?

Harald Köberich: Ja, das habe ich schon erlebt. Ist doch banal: wenn der Versicherer Millionen zahlt, für die anderenfalls die versicherte Person haften würde ohne über entsprechendes Vermögen zu verfügen, rettet dies ihre wirtschaftliche Existenz.

 

Marcus Kuhn: Ja, ich habe schon erlebt. Man darf hierbei nicht nur in unmittelbar finanziellen Kategorien, etwa millionenschwere Schadenersatzansprüche oder entsprechend hohe Verteidigungskosten, denken. Vielmehr kann eine erfolgreiche Abwehr häufig auch Karriere und Reputation der versicherten Person retten.

 

Niels Jöhnk: Ja, mindestens zwei Fälle, in denen wir von Existenzrettung sprechen. In allen anderen Fällen würde ich es aber immer aus Versicherungsnehmerin-Sicht sehen. Die D&O sehe ich aus meiner Sicht als Schutz für das Unternehmen. Die versicherten Personen sind an der Stelle die Nutznießer. Bei zwei Fällen würde ich sagen, dass es ohne die Wirksamkeit der D&O für die versicherten Personen schlecht ausgegangen wäre, weil auch die Versicherungsnehmerin sehr erfolgreich prozessiert hat.

Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Magazins Versicherungswirtschaft oder auch be.invalue.de im Bereich Orientierung.

Ulrich Kremer
Ulrich Kremer
Ulrich Kremer, LL.M., Rechtsanwalt
Markus Gülich
Markus Gülich
LL.M., Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle Versicherungsrecht des ivw Köln, Fakultät für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften TH Köln