Politik & Regulierung

Warum die PKV das deutsche Gesundheitswesen besser macht

Von Dr. Timm GenettTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Deutschlands internationaler Spitzenplatz in der medizinischen Versorgung drückt sich auch im Zugang aller Patienten, egal ob gesetzlich oder privat versichert, zum medizinischen Fortschritt aus. Dafür sorgt wiederum eine spezifische Innovationsmotorik im dualen System von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung (GKV und PKV). Denn der Wettbewerb zwischen einem sozialstaatlichen und einem privatwirtschaftlichen Sicherungssystem führt zu Versorgungsunterschieden.

In einem gemeinsamen Versorgungssystem sind diese Unterschiede ab Entstehungszeitpunkt transparent und damit (gegenüber den Versicherten, der Öffentlichkeit und der Politik) begründungspflichtig. Übernimmt nämlich bei medizinischen Innovationen ein Versicherungssystem eine „Vorreiterrolle“, muss sich im Systemwettbewerb das jeweilig andere Versicherungssystem mit eben dieser Innovation auseinandersetzen und gegebenenfalls reagieren.

 

Die PKV ist dabei ein Innovationsmotor. Denn die schnelle und häufig überproportionale Finanzierung medizinischer Innovationen durch die PKV ist die Regel. In der GKV indes ist der Zugang zu Innovationen häufig langsamer und erfolgt die Finanzierung häufig auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Strukturell lässt sich die PKV-spezifische Innovationsmotorik in zwei Kategorien erfassen:

Abwesenheit von Hürden

in der PKV muss eine Innovation wissenschaftlich anerkannt, zugelassen und medizinisch notwendig sein. Hürden wie den Genehmigungsvorbehalt durch den Gemeinsamen Bundesausschuss in der GKV kennt die PKV nicht. Durch diese Hürden kann sich der Zugang zu einer neuen Behandlungsmethode in der GKV um Jahre verzögern.

Refinanzierungsbasis

Die PKV honoriert Innovationen in der Regel deutlich besser, weil sie höhere Preise nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) und Zahnärzte (GOZ) zahlt beziehungsweise keine Festbetragsregelungen für Medikamente oder Verordnungsrestriktionen kennt. Durch die PKV entsteht damit eine Mischfinanzierung, die den Anbietern von medizinischen Innovationen ein betriebswirtschaftlich vertretbares Investment erleichtert beziehungsweise dieses überhaupt erst ermöglicht. Je nach medizinischem Versorgungsbereich – ambulant, stationär, Arzneimittelbereich – kommen diese beiden Kategorien, der schnelle Zugang der Privatversicherten zu Innovationen und die überproportionale Refinanzierung durch die PKV, unterschiedlich zum Tragen.

„In der PKV ist eine schnelle Finanzierung und Erstattung medizinischer Innovationen die Regel, wenngleich im Einzelfall tarifabhängige Ausnahmen bestehen können.“

Rolle des Arztes

Der Arzt ist in der Privaten Krankenversicherung nicht an Rabattverträge, Richtlinien, Richtgrößen und Rahmenvereinbarungen gebunden, die unter Umständen mit einer Regressgefahr für den verordnenden Arzt verbunden sind. Auch existieren in der PKV keine Verordnungshöchstquoten, die ein rationiertes Verordnungsverhalten der Ärzte nach sich ziehen. Gleichzeitig sind Privatversicherte nicht von Eigenbeteiligungen bei Arzneimittelpreisen über den GKV-Festbeträgen betroffen. Die Kostenerstattung endet in der PKV nicht beim Festbetrag. Folge dieser Systemunterschiede ist, dass Privatversicherte – im Vergleich zu gesetzlich Versicherten – auch nach der AMNOG-Gesetzgebung häufiger innovative Medikamente erhalten. Vor allem Medikamente, denen vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) im Rahmen der Nutzenbewertung ein beträchtlicher Zusatznutzen attestiert wurde, spielen in der PKV eine deutlich größere Rolle als in der GKV.

Wechselseitige Korrektivfunktion

In der PKV ist eine schnelle und häufig überproportionale Finanzierung und Erstattung medizinischer Innovationen die Regel, wenngleich im Einzelfall tarifabhängige Ausnahmen bestehen können. In der Gesetzlichen Krankenversicherung indes gilt die Umkehrung von Regel und Ausnahme. Der verlangsamte Zugang zu Innovationen und das unterproportional niedrige Finanzierungsniveau sind die Regel, die im Ausnahmefall, zum Beispiel durch selektive Verträge, durchbrochen werden kann.  

 

Während die PKV in einem gemeinsamen Versorgungssystem der Innovationsmotor ist, durch den neue Behandlungsmethoden zuweilen zehn Jahre früher als in der GKV erstattet werden, profitiert die PKV wiederum von der im System der GKV implementierten Nutzenbewertung. Die Nachweise zur Evidenz von Innovationen im Rahmen des G-BA-Verfahrens kommen letztendlich auch immer den Privatversicherten zu Gute. Diese Spill-Over-Effekte in Richtung PKV beziehen sich nicht nur auf den zu erwartenden Nutzen einer Innovation, sondern auch auf Qualitäts- und Sicherheitsaspekte. Denn mit einer Nutzenbewertung gehen zumeist auch Qualitätsanforderungen an die Leistungsanbieter einher. Beide Systeme nehmen insofern eine gegenseitige Korrektivfunktion ein.

 

Der Systemwettbewerb innerhalb einer gemeinsamen Versorgungsstruktur ist deshalb nicht nur im Interesse der Patienten und Versicherten, sondern er führt auch im internationalen Vergleich zu einem Mehrwert für das deutsche Gesundheitswesen, den es ohne die fortlaufende Koexistenz von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung nicht gäbe.

 

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