Joachim Wenning, Vorstandsvorsitzender Munich Re
Joachim Wenning, Vorstandsvorsitzender Munich ReQuelle: Munich Re
01.08.2018Schlaglicht

"Wir können Abläufe vereinfachen oder gar streichen, ohne das Geschäft zu beeinträchtigen"

Von VW heute
Joachim Wenning war es von Anfang wichtig, den Fokus auf das Geschäft zu erhöhen und den Gewinnrückgang der Vorjahre zu stoppen. Nach Meinung des Munich-Re-Vorstandsvorsitzenden sei das bislang gut gelungen. Wie, erklärt der Top-Manager im Interview mit der Versicherungswirtschaft. Darüber hinaus spricht er über das Strategieprogramm der Düsseldorfer Tochter Ergo.

VWheute: Das übergeordnete Ziel bis 2020 besteht darin, die jahrelange Gewinnerosion zu stoppen und die magische Marke von 2,8 Mrd. Euro zu erreichen. Das wäre rund eine halbe Milliarde mehr als sich die Munich Re für das laufende Jahr vornimmt. Ambitioniert, aber wie zu stemmen?

Joachim Wenning: Kurz gesagt: Durch neues Geschäft. Sowohl in der Rück- als auch in der Erstversicherung sehen wir Potenzial für profitables Wachstum – und dieses Potenzial heben wir. Entsprechend werden unsere beiden Geschäftsfelder Rückversicherung und Ergo, den Gewinnzuwachs jeweils zur Hälfte leisten. Was wir übrigens nicht tun werden, ist, das ausgewiesene Ergebnis auf Kosten unserer starken Bilanz zu verschönern. Im Gegenteil. Der Ergebniszuwachs kommt allein aus profitablem Neugeschäft.

VWheute: Weniger Aufwand, mehr Geschäft – Schmerzmittel wie Stellenkürzungen gehören hier wohl untrennbar dazu. Erstmals ist auch das Münchener Headquarter betroffen. Was versprechen Sie sich von dieser Maßnahme und welche Rolle spielt dabei die digitale Transformation?

Joachim Wenning: Wir haben erkannt, dass wir in der Rückversicherung sowie bei Konzernfunktionen Strukturen und Abläufe vereinfachen oder gar streichen können, ohne damit das Geschäft zu beeinträchtigen. Entsprechend sind wir dabei, den Automatisierungsgrad zu erhöhen, Planungsprozesse zu vereinfachen und Strukturen anzupassen. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Zu unserem globalen Transformationsprogramm gehört auch der Aufbau zusätzlicher, digitaler Fähigkeiten. Hier investieren wir in neue Einheiten mit zusätzlichen Mitarbeitern und neuen technischen Fähigkeiten. Datenspezialisten sind für uns inzwischen ebenso wichtig wie Versicherungsmathematiker.

VWheute: Welche unternehmerische Challenge ist anspruchsvoller: die Dauerbelastungen samt Preisproblematik durch „NatCats“, die künftige Ausrichtung der Tochter Ergo oder der Weg zu einem digitalen Rückversicherer?

Joachim Wenning: Wir haben im Vorstand drei strategische Schwerpunkte definiert: Erstens die Steigerung der Ertragskraft. Zweitens die digitale Transformation. Und drittens die Komplexitätsreduktion beziehungsweise Effizienzsteigerung. Hierauf konzentrieren wir unser Handeln.

VWheute: Sie bekennen sich zur Ergo. Ist der Turnaround endgültig geschafft? Haben Sie Ihrem Kollegen Markus Rieß schon auf die Schulter geklopft?

Joachim Wenning: Das Ergo-Strategieprogramm macht gute Fortschritte. Einige wichtige Meilensteine haben wir bereits geschafft, andere liegen zugegebenermaßen noch vor uns. Aber die bisherige Entwicklung gibt Grund zum Optimismus. Im vergangenen Jahr hat Ergo sein Gewinnziel übertroffen. Unser mittelfristiges Ziel bleibt, dass Ergo ab 2021 jährlich mindestens 600 Mio. Euro zum Konzernergebnis beiträgt.

VWheute: Wo sehen Sie weitere Geschäftspotenziale, gerade auf vermeintlich gesättigten Märkten wie den USA?

Joachim Wenning: Das Rückversicherungsgeschäft hat anhaltend Wachstumspotenzial. Dieses sehen wir nicht nur in den Wachstumsmärkten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, sondern auch, wie Sie richtig sagen, in reifen Märkten wie den USA. In Nordamerika werden wir unser Wachstum insbesondere dort vorantreiben, wo unser Marktanteil noch niedrig ist. Unsere Spezialversicherer werden ihr gewerbliches Geschäft ausbauen, etwa mit der Absicherung von Cyberrisiken. Weltweit sehen wir zudem eine steigende Nachfrage nach Lösungen für Kapitalentlastung, Gewinnabsicherung und Wachstumsfinanzierung.