Märkte & Vertrieb

"W&I ist eine Versicherung für unbekannte Risiken"

Von Tobias DanielTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Nachfrage nach sogenannten W&I-Versicherungen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Allein 2017 wurden weltweit 28 Prozent mehr Transaktionsversicherungen platziert als noch 2016, konstatiert der Versicherungsmakler Marsh in einer aktuellen Studie. VWheute hat exklusiv mit Marian Joraschkewitz über die aktuellen Marktentwicklungen gesprochen.
VWheute: Laut aktuellem Report "Transactional Risk 2017" von Marsh wurden im vergangenen Jahr global rund 28 Prozent mehr Transaktionsversicherungen platziert als noch 2016. Erläutern Sie uns doch bitte die Gründe für diese Entwicklung?
Marian Joraschkewitz: Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Zum einen liegt dies zunächst am M&A-Markt selbst. Dieser ist in Deutschland nach wie vor sehr stabil, sowohl was deutsche Käufer und Übernahmeziele angeht, als auch die Übernahmeangebote und die Nachfrage aus dem Ausland. Das heißt, es bieten sich mehr Möglichkeiten für den Einsatz einer Versicherung.
Den zweiten Grund, den halte ich sogar für noch wichtiger, ist der Markt für Warranty & Indemnity (W&I-) Versicherungen. Seit der Einführung des Produktes in Deutschland vor ein paar Jahren wurde die Durchdringung insgesamt gesteigert. Dies liegt vor allem daran, dass es einen hohen Wettbewerb auf Versichererseite gibt, die Preise niedrig sind und inzwischen auch die Corporates dieses Thema für sich entdeckt haben bzw. weiter für sich entdecken.
Innerhalb von drei bis vier Jahren hat sich die Transaktionsversicherung von einem Produkt für Private Equity Unternehmen auch zu einem Corporates-Produkt entwickelt, die jetzt die Hälfte der Einkäufer ausmachen.
VWheute: Gibt es bestimmte Branchen, für die sich das Thema besonders oder gar nicht eignet?
Marian Joraschkewitz: Die Immobilienbranche ist prädestiniert für die Nutzung von Transaktionsversicherungen. Dies liegt vor allem daran, dass die Markteilnehmer in der Immobilienbranche überwiegend in Vehikel-Form agieren. Sie sind dabei insbesondere mit dem Thema konfrontiert, kein Treuhandkonto haben zu wollen, und diese Vehikel-Form zu gegebener Zeit auflösen zu können.
Branchenbeschränkungen gibt es nicht, aber für manche ist es schwieriger, Deckung zu bekommen. Die Versicherer tun sich beispielsweise mit der Finanzbranche etwas schwer. Aber auch da ist es möglich, entsprechende Kapazitäten an den Märkten bereit zu stellen.
VWheute: Von welchen Risiken sprechen wir hier und in welcher Größenordnung erfolgt die Absicherung?
Marian Joraschkewitz: Zunächst ist eine W&I eine Versicherung für unbekannte Risiken. Abgesichert wird das Haftungslimit, das aus den Garantien und der Freistellung im Kaufvertrag resultiert. Das heißt, der Investor schaut sich im Rahmen einer Due Dilligence die Risiken an und alles was nicht identifiziert wird – also die unbekannten Risiken – wird über eine W&I- Police abgesichert. Wenn ein Risiko identifiziert ist, führt das in der Regel zu einem Ausschluss oder es muss in einer separaten Police versichert werden.
VWheute: Welche sind das typischerweise?
Marian Joraschkewitz: Bei den identifizierten Risiken sprechen wir in erster Linie von Steuerrisiken. Dazu zählen allerdings auch Rechtsstreitigkeiten und Umweltrisiken. Bei letzteren unterscheidet man immer zwischen der Compliance mit den Umweltgesetzen und den Altlasten, die wiederum standardmäßig ausgeschlossen sind.
VWheute: Nicht alle Übernahmen und Fusionen sind ja bekanntlich erfolgreich – Beispiel: Allianz und Dresdner Bank. Worin sehen Sie derzeit die größten Risiken für ein Scheitern und welche Rolle spielen dabei die Versicherer?
Marian Joraschkewitz: Ich glaube, dies sind zwei Fragen, die man unabhängig voneinander beantworten muss. Wenn man sich den M&A-Markt ganz grundsätzlich anschaut, ist erkennbar, dass die Kaufpreise insgesamt stark gestiegen sind, was insbesondere dem Niedrigzins geschuldet ist. Hinzu kommt, dass sich viele Corporates verändern wollen – Stichwort: Industrie 4.0 – und entsprechend viel kaufen und verkaufen wollen.
Die Rolle der Versicherer bei der Kaufpreisfindung ist eher indirekt. Es geht primär darum, dass die Haftung vom Versicherer getragen wird und nicht vom Verkäufer. Wenn eine Transaktion nicht erfolgreich ist, kann man jedoch vermuten, dass der Druck etwas größer wird, bei den abgegebenen Garantien nach einem Bruch zu suchen.
VWheute: Fusionen sind ja auch in der Versicherungsbranche selbst durchaus ein Thema – Stichwort: Provinzial. Welche Entwicklung sehen Sie speziell mit Blick auf die eigene Branche?
Marian Joraschkewitz: Wenn wir auf die Versicherungsbranche speziell schauen, kann man dies aus zwei Blickwinkeln tun. Zum einen sind es die Versicherer selbst, die kaufen und verkaufen. Zum anderen sind es die Versicherer als Kapazitätsgeber. Die Versicherer als Verkäufer und Käufer sind für uns als Marsh allerdings nicht so relevant, weil die Transaktionen in diesem Segment nicht so ausgeprägt sind.
Wenn man auf die Versicherer als Kapazitätsgeber schaut, könnte man sich die Frage stellen, ob es zu einer Verknappung kommen wird, weil es aufgrund von Übernahmen weniger Anbieter gibt. Dies würde ich jedoch verneinen. Zwar konsolidiert sich der Versicherungsmarkt, allerdings handelt es sich gerade bei den Transaktionsversicherern um einen Nischenmarkt, in den weiterhin neue Versicherer eintreten.
Zudem haben wir eine klare Sonderspezifikation: Ein großer Anteil der Marktteilnehmer sind sogenannte MGAs, die eine Underwriting-Vollmacht erhalten vom Kapazitätsgeber und die von der Konsolidierung des Versicherungsmarktes nicht betroffen sind.
VWheute: Werfen wir einen kurzen Blick in die berühmte Glaskugel von VWheute: Wo sehen sie den Markt in den kommenden fünf Jahren?
Marian Joraschkewitz: Ich glaube, dass sich dieser Markt in den nächsten Jahren weiter etablieren wird. Die Frage wird sicherlich sein: Wie viele Schäden treten auf und in welcher Größenordnung? Daraus ergibt sich dann wiederum die Frage: Ist das Pricing für diese Versicherungen angemessen oder müsste dieses überprüft werden?
Persönlich gehe ich davon aus, dass die Preise in Europa derzeit recht knapp bemessen sind. Die Versicherungseinkäufer sollten weniger preissensitiv agieren, sondern mehr darauf achten, was für sie wirklich wichtig ist und was die Police umfasst. Dann müsste man jedoch auch dem Versicherer zugestehen, dass dafür womöglich eine etwas höhere Prämie notwendig ist.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Tobias Daniel.
Bild: Marian Joraschkewitz ist Leiter Private Equity und M&A bei Marsh Deutschland. (Quelle: Marsh)
Marsh · Marian Joraschkewitz · Warranty & Indemnity
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