Schlaglicht

"Vertreter braucht man nur, weil die angebotenen Policen so kompliziert sind"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Stefan M. Knoll, Gründer der Deutschen Familienversicherung, nimmt bekanntlich kein Blatt vor dem Mund. So auch im Interview mit VWheute, wo er verbal in Richtung Versicherungsvertreter und ahnungslose Politiker schießt, die denken, dass "Digitalisierung  primär ein Breitbandversorgungsthema ist". Das Gerede über den individualisierten Versichertenschutz durch die Digitalisierung hält er für "Augenwischerei".
VWheute: Der Verkauf von Lebensversicherungssparten erhitzt derzeit die Gemüter, ist aber letztlich von der Bafin als rechtens erklärt worden. Haben Sie dazu eine Position?
Stefan M. Knoll: Ich kommentiere das Geschäftsgebaren meiner Mitbewerber grundsätzlich nur, soweit es mich oder mein Unternehmen betrifft. Jene Lebensversicherer, die ihre Bestände an einen Dritten verkauft haben, werden dafür Ihre Gründe gehabt haben. Tatsächlich aber fördert die Abgabe deutscher Lebensversicherungsbestände an Dritte, die mit sehr viel Investorengeld ausgestattet sind, meist aus China, nicht das Vertrauen in deutsche und europäische Lebensversicherer.
Ich sage das, weil die Deutsche Familienversicherung Versicherungsprodukte anbietet, die nach Art der Lebensversicherung kalkuliert sind und es wäre mir nicht recht, wenn man uns fragen würde, ob wir denn auch beabsichtigen, wenn die Leistungsfälle gehäuft kommen, die Pflegeversicherungsbestände zu verkaufen. Das werden wir als deutsches Unternehmen natürlich nicht tun. Aber glaubwürdig zu sein, entfaltet nur dann seine Wirkung, wenn man einem auch geglaubt wird. Und das funktioniert nur, wenn man in eine Branche der Glaubwürdigkeit eingebunden ist. Vor diesem Hintergrund empfinde ich es als unglücklich, wenn chinesischen Investoren Teile der Deutschen Altersversorgung anvertraut werden.
VWheute: Der stationäre Vertrieb wirft den digitalen Anbietern immer wieder vor, dass sie ihre Kunden nicht ausreichend beraten und ihnen keine passgenauen Angebote machen. Setzen Sie sich diesen Hut auf?
Stefan M. Knoll: Derartige Behauptungen bewegen sich auf dem Niveau Wilhelminischer Zukunftsprognosen. Der letzte deutsche Kaiser glaubte ja auch, dass das Automobil niemals das Pferd verdrängen kann. Makler und Versicherungsvertreter braucht man im Wesentlichen deshalb, weil die angebotenen Versicherungsprodukte so kompliziert sind, dass man sie ohne Erläuterung gar nicht und selbst nach einer Erläuterung oftmals trotzdem nicht versteht. Die Antwort eines qualifizierten Direktvertriebes ist also nicht weniger Beratung bei gleichbleibend komplizierten Produkten, sondern einfachere Versicherungsprodukte anzubieten, die der Kunde auch ohne Beratung versteht. So leistet unsere Zahnzusatzversicherung bei jeder zahnärztlichen Leistung oder einfach gesagt: Alles drin. Was wollen Sie jetzt noch beraten?
VWheute: Sie kommen ganz ohne Menschen im Vertrieb aus. Machen Sie damit nicht einen ganzen Berufsstand – den des Versicherungsvermittlers – kaputt?
Stefan M. Knoll: Wir haben die Deutsche Familienversicherung doch nicht gegründet, um einen Berufsstand zu erhalten. Wir wollen einfachere und verständlichere Versicherungsprodukte anbieten. Die vielen Titel als Testsieger von Stiftung Warentest geben uns dabei Recht. Wir können doch nichts dafür, wenn Vermittler es vorziehen, ihren Kunden Versicherungsprodukte anzudrehen, die typischerweise schlechter sind, als unsere. Natürlich kann jeder Makler unsere Testsiegerprodukte verkaufen. Das erhöht seine Glaubwürdigkeit und stabilisiert seine Position am Markt.
VWheute: Im Rahmen der Digitalisierung wird viel über indivudelle Absicherungslösungen gesprochen.
Stefan M. Knoll: Solange die Anzahl der Zähne bei allen Menschen nach Konsistenz und Anzahl ebenso ähnlich sind, wie die zahnärztlichen Leistungen und solange die Masse unserer Kunden in Wohnungen mit einer verschließbaren Haustüre leben und jede zweite Frau Pflegefall wird, ist das Gerede nach einer Individualisierung von Versicherungsschutz mindestens übertrieben, regelmäßig aber Augenwischerei. Die Leistungen in jeder unserer Produktfamilien sind dem Grunde nach gleich. Wir differenzieren nur nach der Höhe des gewünschten Versicherungsschutzes. Diese Form der Individualisierung kann dem Kunden zugemutet werden, weil er seine finanziellen Möglichkeiten kennt.
VWheute: Wenn Sie sich an eine Rentenversicherung, eine BU oder eine bAV heranwagen würden, wie würden Sie diese digital verkäuflich machen?
Stefan M. Knoll: Ich halte von der heute angebotenen Berufsunfähigkeitsversicherung gar nichts, weil es sich um eine Anhäufung unbestimmter Rechtsbegriffe handelt, aufgrund derer der Kunde im Leistungsfall das Prozessrisiko trägt. Hinzu kommt, dass diese Art von Versicherung sehr teuer ist und die Schadeneintrittswahrscheinlichkeit gering ist. Wenn wir einen vergleichbaren Schutz anbieten, werden wir die unbestimmten Rechtsbegriffe durch ICD-Codes oder die Feststellung des MDK ersetzen. Dadurch wird die Rechtslage eindeutig und das Versicherungsprodukt erschwinglich, insbesondere für junge Menschen. Und wenn das Versicherungsprodukt so verständlich ist, wie es unsere Produkte sind, kann es auch über digitale Wege verkauft werden.
VWheute: Es gibt bereits viele Ansätze für nachhaltige Versicherungprodukte, die bestimmte ethische und ökologische Bedingungen erfüllen. Was halten Sie davon?
Stefan M. Knoll: Ich halte davon nichts, es ist nur wieder eine Kopfgeburt von Regulierungswahnsinnigen. Wo wollen Sie denn nachhaltig investieren, wenn jeden Tag neue moralische Heckenschützen neue Ziele ausmachen. Wollen Sie in die deutsche Automobilwirtschaft investieren, die sich von einem Betrugsskandal zum nächsten schleppt? Oder in Windkraft und so das Sterben des Rotmilans befördern? Oder in eines der Digitalfirmen, die ganze Wirtschaftszweige zerstören? Und was ist mit der Elektromobilität, die eine grauenhafte Ökobilanz vorlegen wird, wenn es neben der Frage, wo der Strom herkommt, beispielsweise auch um die Entsorgung der Batterien geht?
An was wollen Sie denn Nachhaltigkeit festmachen? Ich glaube, dass es um Moral gehen sollte und das bedeutet, dass wir darüber nachdenken müssen, wie wir unsere gesamte Lebensweise verändern. Das aber ist kein allein die Versicherungswirtschaft betreffendes Thema. Trotzdem oder deswegen ist es richtig, wenn die Allianz aus Investments der Kohleenergie aussteigt. Konsequenterweise müsste dem jetzt eine Diskussion über Massentierhaltung oder über die industrielle Landwirtschaft ebenso folgen, wie über Supermärkte. In diesen sind die Plastiktaschen verschwunden, dennoch wird jede Frucht in einzelnen Plastiktüten verpackt.
Die Fragen stellte VWheute-Korrespondentin Elke Pohl.
Bild: Stefan M. Knoll, Gründer der Deutschen Familienversicherung. (Quelle: DFV)
Vertreter · DFV Deutsche Familienversicherung AG · Stefan M. Knoll
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