19.07.2018Politik & Regulierung

Kommt die verpflichtende Elementarschadenversicherung?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Debatte um eine verpflichtende Elementarschadenversicherung in Deutschland geht in eine neue Runde. Nach den jüngsten Starkregenereignissen im Saarland will Verbraucherschutzminister Reinhold Jost (SPD) laut einem Bericht das Saarländischen Rundfunks nun eine bundesweit verpflichtende Elementarschadenversicherung einführen.
"Je mehr in einer solchen Versicherungsgemeinschaft drin sind, umso geringer ist das Risiko sowohl für die Einzelnen als auch für die Versicherer. Es gibt dann auch keine Möglichkeit, jemanden durch die Hintertür hinauszukomplimentieren, weil man sagt: Der wird uns zu teuer", konstatiert der Landespolitiker laut Saarbrücker Zeitung. Sollte es allerdings keine Pflichtversicherung geben, verlangt Jost zumindest eine Basisversicherung für alle Bürger, die bislang aufgrund ihrer Wohnlage in einem Risikogebiet keine Versicherung abschließen konnten.
Ziel sei es aus Sicht des saarländischen Ministers vor allem, das Risiko auf mehreren Schultern verteilt werden. Zudem sollten Bürger, die aufgrund ihrer Wohnlage bislang keine Versicherung abschließen können, zumindest eine Grundabsicherung erhalten. Bundesweit waren im vergangenen Jahr im Schnitt 41 Prozent der deutschen Häuser gegen Wetterphänomene wie Starkregen und Hochwasser versichert. Im Saarland waren es nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherer (GDV) sogar nur 25 Prozent.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV) lehnt hingegen entsprechende Forderungen nach einer Pflichtversicherung ab. "Eine Pflichtversicherung gegen Naturgefahren wäre der falsche Weg. Sie bringt nicht mehr, sondern weniger Sicherheit. Staatliche und persönliche Schutzmaßnahmen würden unterbleiben, weil die Versicherung sowieso alle Schäden zahlt. Dann käme eine Spirale aus steigenden Schäden und höheren Prämien in Gang. Aus gutem Grund hat die Politik eine Pflicht nach wiederholter und eingehender Prüfung verworfen", betont der Branchenverband auf Anfrage von VWheute.
Dennoch verlangt der Staat laut Branchenverband mehr Eigenvorsorge. So hat der Freistaat Bayern beschlossen, ab 1. Juli 2019 keine Soforthilfe mehr an Hochwasseropfer zu zahlen, wenn die Schäden versicherbar gewesen wären. Damit folgt die bayerische Landesregierung vom Vorbild Sachsens, wo eine ähnliche gesetzliche Regelung bereits seit 2011 existiert. Damit reagiert die Politik auf die immer stärker steigenden Nothilfen nach Starkregen oder Unwetter-Ereignissen. So zahlte der Bund allein für die Beseitigung der Schäden nach der Flut 2013 nach Angaben des Bundesfinanzministeriums bis Ende 2017 rund 3,4 Mrd. Euro aus, die vor allem in den Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur, in die Instandsetzung von Hochwasserschutzanlagen sowie für die Beseitigung von Schäden an landwirtschaftlichen Flächen und kommunalen Eigentum.

SPD-Landesminister ärgert sich über Schadendregulierung der Versicherer

Grund für die Forderung nach einer entsprechenden Pflichtversicherung ist die vermeintliche Verärgerung Josts über der aktuelle Schadensregulierung nach den jüngsten Unwettern im Saarland So habe er in den vergangenen Tagen mehrere Informationen darüber bekommen, dass Schäden von der Versicherung nicht anerkannt wurden, berichtet der SR weiter. "Es kann nicht sein, dass wir seit Jahren gemeinsam – meine Person, mein Haus mit dem Gesamtverband der Versicherungswirtschaft – dazu aufrufen, dass die Menschen Elementarschaden-Versicherungen abschließen, um dann, wenn der Fall der Fälle eingetreten ist, vermehrt festzustellen, dass die Leute im Regen stehen bleiben, weil man ihnen die Auszahlung der entsprechenden Versicherungssumme verweigert", kritisiert Jost laut Saarbrücker Zeitung.
"Da heißt es etwa, das Oberflächenwasser sei nicht vom Garten, sondern von der Dachterrasse ins Haus eingedrungen", moniert Jost weiter. Ein weiteres Argument sei, dass mit der Schadensbehebung zu früh begonnen worden sei, so der saarländische SPD-Minister weiter. Der Verband selbst wollte sich jedoch auf Anfrage von VWheute zur Schadenregulierung nach den Starkregenereignissen im Saarland "nicht äußern, da dem Verband dazu keine Daten vorliegen", betonte ein Sprecher.
Die Forderung nach einer entsprechenden Pflichtversicherung ist jedenfalls nicht neu. "Eine Versicherungspflicht ist der einzig richtige Weg zu einer flächendeckenden Versicherung gegen Naturgefahren. Der Staat kann und wird nämlich Geschädigten nicht immer wieder mit Finanzhilfen unter die Arme greifen", forderte jüngst Sachsens Verbraucherschützerin Andrea Heyer gegenüber SZ-online: "Mit Kampagnen erreichen wir das Ziel auf freiwilligem Weg nicht. Das haben die letzten zehn Jahre gezeigt."
Bei den Versicherern selbst scheint das Geschäft mit dem Elementarschutz gegen Unwetter und Naturkatastrophen dennoch nur schleppend voranzukommen. So leisten sich derzeit elf Millionen Häuslebesitzer (von insgesamt 17,5 Millionen) den "Luxus", ihr Hab und Gut unversichert zu lassen. Obwohl laut GDV fast 99 Prozent davon "problemlos gegen Überschwemmungen und Starkregen" versicherbar seien. Vertriebe müssen also weiterhin viel Überzeugungsarbeit bei Kunden leisten. (vwh/td)
Bildquelle: Stefan Heerdegen / PIXELIO (www.pixelio.de)
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