17.07.2018Schlaglicht

"Ständige Nörgeleien über Run-Off verunsichern die Bevölkerung"

Von Maximilian VolzVW heute
Der Run-off bei der Generali hat für erheblichen Wirbel in der Branche geführt. Die generelle Kritik an einem Run-off kann der Versicherungsmathematiker Kurt Wolfsdorf gegenüber VWheute jedoch nicht nachvollziehen: "Den angeblich schlechten Ruf des Run-Off Geschäfts konnte ich bei denen, die davon betroffen sind, unsere Kunden sowie die der veräußernden Gesellschaften, deren Vermittler und unsere Mitarbeiter, nicht ausmachen".
VWheute: Wie bewerten Sie den Verkauf der Generali an Viridium. Ist das der Schritt, der den Run-Off in Deutschland salonfähig gemacht hat?
Kurt Wolfsdorf: Unternehmensverkäufe aus einem Konzern oder einer Unternehmensgruppe sind in der Marktwirtschaft normale Vorgänge. Thyssenkrupp verkauft seine Stahlsparte, die Deutsche Bank veräußert Teile ihrer Investmentgesellschaft DWS, Siemens brachte Osram an die Börse und nun trennt sich die Generali Gruppe von Teilen ihres Lebensversicherungsgeschäfts in Deutschland.
Einflussnahmen seitens des Staates darf es nur in begründeten Fällen geben, etwa wenn die Sicherheitsinteressen von einer Transaktion betroffen sind. Verkäufe von Versicherungen unterliegen einer Kontrolle durch die Bafin nach dem Inhaberkontrollverfahren. Im Rahmen dieses Verfahrens wird geprüft, ob die Belange der Versicherten ausreichend gewahrt sind und ob die neuen Eigentümer zuverlässig sind.
Der Verkauf der Generali Leben an die Viridium Gruppe ist also ein ganz normaler Vorgang, der in Deutschland schon immer salonfähig war (siehe UNTERNEHMEN & MANAGEMENT).
VWheute: Sie als Run-Off-Experte, was spricht für den Verkauf an einen externen Dienstleister, was dagegen?
Kurt Wolfsdorf: Ob es für einen Konzern sinnvoll ist sich von einer Lebensversicherungstochter zu trennen, wird man kaum von außen abschließend beurteilen können. Die Gründe für einen Verkauf können sehr unterschiedlich sein: Einschätzungen über die zukünftige Entwicklung des Marktsegments; mangelndes Vertrauen in die eigenen Produkte oder Vertriebswege im Vergleich zu stärkeren Mitbewerbern; akute oder prognostizierte Kapitalknappheit, die eine wettbewerbsfähige Position nicht mehr erlaubt, um nur einige Gründe zu nennen.
Wenn es eine Entscheidung für die Einstellung des Betriebs der konventionellen Lebensversicherung gegeben hat, dann ist es allemal besser, wenn dieser Betriebsteil mit den Mitarbeitern zu einer Gesellschaft wechselt, die die Zukäufe derartiger Bestände zu ihrem Geschäftsmodell erklärt hat, als nur einen schrumpfenden "Altbestand" mit wachsenden Kostenproblemen in einem auf Wachstum ausgerichteten Konzern zu verwalten.
VWheute: Warum hat das Geschäft in Deutschland einen so schlechten Ruf, Sie haben ja in der Vergangenheit auch die Medien, einschließlich VWheute vorgeworfen, unsachlich zu berichten?
Kurt Wolfsdorf: Den angeblich schlechten Ruf des Run-Off Geschäfts konnte ich bei denen, die davon betroffen sind, unsere Kunden sowie die der veräußernden Gesellschaften, deren Vermittler und unsere Mitarbeiter, nicht ausmachen. Im vergangenen Jahr hat die Frankfurter Leben Gruppe zwei Bestände mit über 400.000 Verträgen übernommen. Nachdem wir unsere Kunden über die Änderungen informierten, hatten wir natürlich wie erwartet deutlich mehr Anrufe als wir sonst verzeichneten.
Beschwerden waren darunter keine, sie fragten nach weiteren Informationen, einige waren sogar erfreut und dankbar, da ihnen die Existenz eines Lebensversicherungsvertrages gar nicht mehr bewusst war. Fakt ist: unsere Beschwerdequote bei der Frankfurter-Münchner Leben hat sich im vergangenen Jahr kaum verändert, die der Frankfurter ist wegen unterschiedlicher Zählweisen im Basler Konzern und bei uns nicht direkt vergleichbar und die Stornoquoten sind sogar leicht gefallen.
Ich frage mich, woher die lautstarken Kritiker unserer Branche, die in der Regel -noch- nicht an dem Run-Off Geschäft teilhaben, ihr Wissen um den angeblich schlechten Ruf dieses Geschäfts haben.
VWheute: Sie betonen, dass der Verkauf der Bestände eine in einer freien Marktwirtschaft normaler Vorgang wäre. Dem könnte man entgegenhalten, dass der Kunde einen Anbieter ausgewählt hat und jetzt über seinen Kopf entschieden wird, wer seine Altersvorsorge weiterführt. Wenn die LV schon einige Jahre läuft, ist die Kündigung ja auch keine gangbare Option mehr.
Kurt Wolfsdorf: Die Kündigung eines bestehenden Lebensversicherungsvertrags ist selten empfehlenswert. Welche Motive einen einzelnen Kunden zum Abschluss eines Versicherungsvertrags bewogen haben, ist im Nachhinein schwer zu ergründen. Die Altersvorsorge wird auch nach einem Verkauf der Gesellschaft an eine auf das Run-Off Geschäft spezialisierte Gruppe von der ursprünglich gewählten Gesellschaft weitergeführt. Die einzige Änderung besteht in der Zusammensetzung der Aktionäre.
Der Wechsel von einer italienischen Versicherungsgruppe, deren Aktien überwiegend von institutionellen Investoren gehalten werden zu einer Gruppe mit zwei Investoren, von denen einer ein respektabler deutscher Rückversicherer ist, dürfte wohl kaum Anlass zu Befürchtungen bei zahlreichen Versicherten sein. Der Verkauf der Volksfürsorge, so hieß die Generali Leben früher, als sie im Besitz der DGB Gewerkschaften war, an die Generali-Gruppe, hätte, wenn die Aktionäre die herausragende Bedeutung für die Kaufentscheidung gehabt hätten, zu deutlich heftigeren Diskussionen führen müssen.
VWheute: Einiger Versicherungskenner glauben, dass ein Run-Off das Vertrauen der Kunden in die LV und/oder die Branche schwächt. Wie sehen Sie das, gibt es dafür Anzeichen oder reagieren die Kunden gelassen?
Kurt Wolfsdorf: Unsere Kunden reagieren, wie ich eben schon ausführte, sehr gelassen. Wenn das Run-Off Geschäft nach Ansicht einiger Versicherungskenner das Vertrauen der Kunden in die Lebensversicherung oder die Branche schwächt, dann sollen sie mal nachprüfbare Belege für ihre Behauptungen beibringen.
Sicher aber führen die ständigen Nörgeleien und substanzlosen Kritteleien über das Run-Off Geschäft zu einer Verunsicherung in der Bevölkerung. Wer die Lebensversicherung weiterhin als eine tragende Säule der Altersvorsorge erhalten will, der sollte sich die Konsequenzen seiner öffentlich geäußerten Ansichten vorab überlegen.
VWheute: "Ich glaube, dass unsere Lösung eine Blaupause für den gesamten Markt werden könnte. Denn das Problem von sinkenden Prämienvolumen und steigenden Verwaltungsgebühren haben viele Versicherer in Deutschland", sagt Generali-Deutschlandchef Giovanni Liverani. Teilen Sie diese Einschätzung?
Kurt Wolfsdorf: Über alle Lebensversicherer sind stagnierende Beitragseinnahmen, sinkendes Neugeschäft und sinkende Kostengewinne leider Realität. Während einige wenige Unternehmen sehr profitabel wachsen, erleiden andere umso deutlichere Beitrags- und Neugeschäftsrückgänge verbunden mit schrumpfenden Gewinnmargen. Jedes vor einer solchen Situation stehendes Management ist aufgerufen eine Lösung zu finden.
Eine neue strategische Ausrichtung, andere Produkte, neue Vertriebswege können eine Antwort auf die Herausforderungen sein. Run-Off, intern wie auch extern, ist bei diesen Überlegungen immer eine Option, immer eine bessere als Protektor. Der Verkauf der Generali Leben an eine Run-Off Plattform ist die erste Transaktion eines sehr großen Versicherers. Die Blaupause dafür aber haben andere gefertigt.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.
Bild: Kurt Wolsdorf (Quelle: privat)
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Maximilian Volz
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