Schlaglicht

Versicherungsmarkt Polen: In Warschau auf Brautschau

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Nach Berechnungen des polnischen Versicherungsverbandes Polska Izba Ubezpieczeń (PIU) führt der polnische Versicherungsmarkt die Liste der aufstrebenden Märkte an. Mit einem Prämienvolumen von umgerechnet 12,3 Mrd. Euro liegt Polen deutlich vor Ländern wie der Türkei (10,9 Mrd. Euro), Tschechien (5,1 Mrd. Euro) oder Rumänien (2,1 Mrd. Euro). Doch was bedeutet das für die deutschen Versicherer?
Statistiken der Swiss Re zeigen, dass Polen in der Versicherungsdurchdringung vor Ländern wie Brasilien, Argentinien oder Mexiko liegt. Die Wirtschaft wächst um zwei bis sieben Prozent jährlich und dadurch ergeben sich Wachstumsmöglichkeiten für Versicherer. Seine Attraktivität hat Polen zu einem der internationalsten Versicherungsmärkte gemacht. Fast alle großen Versicherungs-Gruppen der Welt sind mit einer Tochtergesellschaft in Polen aktiv.
Vor allem deutsche und österreichische Unternehmen haben ein großes Interesse am polnischen Markt. Sogar ansonsten eher national gesinnte Gegenseitigkeitsversicherer wie Inter und Signal Iduna sind dort seit mehr als einem Jahrzehnt aktiv. Ihre Marktanteile sind jedoch vergleichsweise gering. Die Concordia Polen kommt mit etwa 400 Millionen PLN Beitragseinnahmen (umgerechnet ca. 120 Mio. Euro) auf einen Marktanteil von 0,8 Prozent.

Staatsversicherer PZU dominiert den Markt

Die Generali hatte in Polen im vergangenen Jahr starke Einbußen in ihrem Prämienvolumen hinnehmen müssen. Nach Angaben der polnischen Finanzaufsicht Komisja Nadzoru Finansowego (KNF) gingen die Beitragseinnahmen in der Schadenversicherung um mehr als 18 Prozent auf 653,8 Mio. PLN zurück, trotz eines gleichzeitig stark wachsenden Gesamtmarkts. Der Marktanteil der Generali in der Schadenversicherung sank im Jahr 2017 von 3,3 auf 2,3 Prozent, in der Lebensversicherung ging er von 3,9 auf 3,6 Prozent zurück. Generali ist nach eigenen Angaben der achtgrößte Versicherer Polens. Durch den Erwerb der Concordia verkürzt sie wieder ihren Abstand zur Allianz und Axa.
Nur kurze Zeit nach der Bekanntgabe des Verkaufs der Concordia trennte sich die Gothaer von ihrer polnischen Tochtergesellschaft, die sie 2011 übernommen hatte. Die Gothaer TU übernimmt die Vienna Insurance Group, die in Polen mit den Tochtergesellschaften Compensa, Interrisk und Vienna Life tätig ist. Nach den Zahlen der KNF steigt durch die Übernahme der Marktanteil der VIG im polnischen Schadenversicherungsgeschäft um 1,2 Prozentpunkte auf 6,7 Prozent. Bisher war sie im Schadenversicherungsgeschäft nur um eine Nasenlänge vor der Allianz und der Axa.
Jetzt ist der Abstand deutlich. Doch Warta (Talanx) und Ergo Hestia liegen mit Marktanteilen von 13,2 und 15,8 Prozent immer noch weit vor der VIG. Es ist zu erwarten, dass die VIG ihre Politik der Markenvielfalt beibehält und die neue Gesellschaft nicht fusioniert. Das hängt auch davon ab, wie stark man in eine neue Marke zu investieren bereit ist.
Durch die enorme Macht des staatlich kontrollierten Marktführers PZU ist der polnische Markt bereits sehr stark konzentriert. In der Lebensversicherung haben die fünf größten Versicherer einen Marktanteil von 60 Prozent, in der Schadenversicherung sind es sogar 70 Prozent. Allein PZU hat einen Anteil von 35 Prozent. Durch die Modernisierung der vergangenen Jahre gelingt es dem Marktführer immer besser, seine dominierende Rolle zu verteidigen.
Zur Zeit befindet sich der Markt in ausgezeichneter Verfassung. Die Beitragseinnahmen in der Schadenversicherung stiegen um 17,8 Prozent. Nach einem fünfjährigen Preiskrieg war 2017 das zweite Jahr in Folge mit starken Prämienerhöhungen. Die Schadenquote in der Kompositversicherung sank von 64,3 auf 62,2 Prozent, das technische Ergebnis vervierfachte sich. Bei solider Solvenz (240 Prozent des Mindestkapitals) stieg die Eigenkapitalrendite der Versicherer von 12,2 auf 16,1 Prozent.

Der Druck nimmt weiter zu

Doch der Druck durch die Schadenbelastung wird wachsen. Noch ist nicht klar, wie genau die Entschädigungszahlungen im Detail geregelt werden, doch bereits jetzt ist eine weitere reguläre Erhöhung der Entschädigungszahlungen von den Versicherern zu stemmen. Der Polnische Versicherungsverband PIU macht deutlich, dass die neuen Regelungen zur Entschädigung von Angehörigen weitere Prämienerhöhungen nach sich ziehen werden. Doch es ist fraglich, ob die Polen bereit sind, eine weitere drastische Verteuerung der Kfz-Versicherung hinzunehmen.
Aktuelle Marktzahlen zeigen, dass die Preise für Kfz-Versicherungen bereits zurückgehen. Der Fall des dänischen Versicherers Gefion hat jetzt die Aufsicht auf den Plan gerufen. Gefion wächst über Assekuradeure in Polen mit agressiven Preisen, aber der Gesellschaft wird nachgesagt, sie würde bei der Regulierung von Schäden sparen.
Jetzt will die KNF durch die Regierung dazu ermächtigt werden, aufsichtsrechtliche Maßnahmen gegen ausländische Versicherer durchzuführen. Es ist abzusehen, dass die momentan komfortable Lage für die Versicherer nicht auf Dauer so bleiben wird. Nach den schlechten Erfahrungen der Jahre 2012 bis 2015 möchte niemand einen Preiskrieg in der Kfz-Versicherung. Doch es fragt sich, ob die Polen weitere Preisrunden der Versicherer klaglos hinnehmen werden. Die Fusionsgespräche gewinnen durch die Situation an neuer Dynamik.
Autor: Grzegorz Obszański ist Lead Consultant bei Sollers Consulting
Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der aktuellen Juli-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Bildquelle: Steffen Hellwig / PIXELIO (www.pixelio.de)
Versicherungsmarkt · Polen · Sollers · Grzegorz Obszański
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