Märkte & Vertrieb

Blockchain: Wissenschaft und Praxis bündeln ihre Kräfte

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Schlagzeilen zu Datenlecks und unerlaubtem Datensammeln bilden eine starke Motivation, die Möglichkeiten der Datenselbstverwaltung und dem nutzerbestimmten, selektiven Teilen von Daten mit Hilfe der Blockchain wahrzunehmen. Auf Blockchain-Technologien basierende Applikationen werden die Eintrittsbarrieren von Kunden zu diesen Anwendungen durch das gesteigerte Vertrauen senken und zudem deren Anbietern Marktvorteile in einem von erhöhtem Misstrauen geprägten Umfeld verschaffen.
Vertrauen in die Sicherheit der Daten ist die entscheidende Voraussetzung sowohl bei der absehbaren erweiterten Digitalisierung von Prozessen als auch bei der Verbreitung von neuen Funktionalitäten, auch und insbesondere auf mobilen Endgeräten. Zu denken ist hierbei z.B. an appbasierte In- und Exkassofunktionalitäten, wie TWINT, WeChatPay oder Alipay, Verbindungen zwischen Krankenversicherern und digitalisierten Patientenakten, wie sie von e-health Protagonisten entwickelt werden, sowie – last but not least – dem einfachen Abschluss von neuen Versicherungsprodukten, welche sich an den Bedürfnissen und Gepflogenheiten der Generation Y orientieren.
Das sog. Internet der Dinge und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten und Herausforderungen für die Versicherungswirtschaft sowie die damit einhergehenden, abermals erweiterten Ansprüche an die Sicherheit der Daten, sei hier nur erwähnt. Neben der erhöhten Sicherheit sind eine generell höhere Abwicklungsgeschwindigkeit sowie die Möglichkeit einer weitergehenden Automatisierung, z.B. durch Smart-Contracts, als Vorteile zu erwähnen.  Diese Vorteile führen zu sinkenden Transaktionskosten sowie einer Steigerung der Effizienz.

"Blockchain-by-Design"-Denkweise

Blockchain-Technologien werden heute häufig mit dem Internet der 90er Jahre verglichen. Wie damals die Internetphilosophie eine völlig andere Denkweise erforderte, verlangt heute die technisch auf Protokollebene dezentral organisierte Blockchain-Architektur eine komplett neue "Blockchain-by-Design"-Denkweise. Der Paradigmenwechsel der dezentralen Blockchain-Technologien bietet einen offenen Horizont, dessen Grenzen sich aus der heutigen Sicht nur schwer abschätzen lassen. Die Zukunft dieses neuen Ansatzes lässt sich aus der Gegenwart nicht wirklich beurteilen.
Die eine Blockchain gibt es nicht. Blockchain-Technologien lassen sich in vielen verschiedenen Ausprägungen, Implementierungen und konkreten Umsetzungen entwickeln. Jede Variante bietet ganz unterschiedliche Vor- und Nachteile. Es muss daher systematisch analysiert werden, ob überhaupt – und wenn ja, wie – für einen speziellen Anwendungsfall der Einsatz von Blockchain-Technologien sinnvoll ist, welche Vorteile den Einsatz rechtfertigen und ob man adäquat mit den Nachteilen umgehen kann.
Aus diesem Grund ist das Sammeln von Erfahrungen in einem gesicherten Rahmen notwendig. Im Versicherungswesen wird dies bereits in einigen eng begrenzten Bereichen gemacht. Beispielsweise hat sich eine Gruppe größerer Gesellschaften zur B3i Initiativezusammengeschlossen, um gemeinsam Blockchain-Technologien zu testen. Als erstes lauffähiges Projekt wurde ein dezentrales Vertragsverwaltungssystem für von Rückversicherern aufgelegten Katastrophen Bonds  (Property Cat XOL-Verträge) entwickelt, welches die Geschwindigkeit der Platzierung und die Abwicklung dieser Bonds am Kapitalmarkt stark erhöhen soll. Die AXA-Versicherung testet eine Flugverspätungsversicherung, mit der man derzeit ausgewählte Flüge zwischen Paris und den USA versichern kann. Im Laufe des Jahres 2018 soll diese Versicherungsmöglichkeit deutlich ausgeweitet werden.

Blockchain praxisnah erproben

Die Forschungsinstitute für Software-Technologie der Universität Duisburg-Essen (paluno) sowie die  Versicherungsinformatik am Institut für Informatik der Universität Leipzig bieten anhand der prototypischen Umsetzung eines neuen Produktes auch mittelgroßen und  kleinen Versicherungsunternehmen die Möglichkeit, unter fachkundiger Führung einige wesentliche Aspekte der Blockchain-Technologie praxisnah zu erproben. So können ganz konkret eigene Erfahrungen gesammelt werden.
Dabei geht es darum, die neue Technologie anhand einer angepassten Methode kennenzulernen. Prototypisch umgesetzt werden app- und blockchainbasierte Funktionalitäten für In- und Exkasso,  Bestands- und Partnerverwaltung sowie eine dynamische Prämienermittlung. Darin eingeschlossen ist das Gewinnen von Erfahrungen im Umgang mit Smart-Contracts und parametrierbaren Schadentriggern. Letztlich geht es um eine vollautomatische Abwicklung einer neuen Form eines  Versicherungsvertrages, bei der die Sicherheit der verwendeten Daten gewährleistet ist. All das soll an einem durchgängigen Beispiel erprobt werden, weshalb das IGUA-Konzept einer fiktiven Urlaubswetter-Versicherung konzipiert wurde.
Bei IGUA wird beispielhaft davon ausgegangen, dass ein VU flexibel Produkte definiert und diese den Kunden zur Auswahl anbietet. Ein potentieller VN kann nun eine App herunterladen, ein Produkt wählen und seine Versicherung in vorgegebenen Grenzen konfigurieren. Im Beispiel der Urlaubswetter-Versicherung würde er den Reisezeitraum, das Reiseziel, die Entschädigungssumme sowie den Schadentrigger wählen. Die Prämie wird dynamisch berechnet.
Der Kunde hat die Möglichkeit durch eine Veränderung der Entschädigungssumme und/oder des Schadentriggers die Prämienhöhe iterativ seinen Wünschen entsprechend anzupassen. Über die App hat er darüber hinaus die Möglichkeit, die Prämie zu zahlen und den Versicherungsvertrag als Smart-Contract auf der Blockchain zu speichern. Ebenfalls über die App würde ggf. eine Entschädigungszahlung abgewickelt. Alle Prozesse würden somit vollautomatisch ausgeführt werden.
Interessenten, die sich im Rahmen einer gemeinsamen Workshop-Serie an der prototypischen Entwicklung beteiligen möchten, erhalten weitere Informationen und Kontaktdaten auf der folgenden Webseite: https://se.wiwi.uni-due.de/igua/
Autoren: Prof. Dr. Volker Gruhn (Universität Duisburg-Essen), Prof. Dr. Gottfried Koch (Universität Leipzig), M.Sc. Florian Wessling Universität Duisburg-Essen).
Bildquelle: GDV
Blockchain