Politik & Regulierung

Private Altersvorsorge: Sollte bis ans Lebensende reichen

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Viel zu wenige Bürger, die private Altersvorsorge betreiben, entscheiden sich in der Auszahlphase für eine lebenslange Rente. Zwei Drittel wählen eine Kapitalzahlung und gehen damit das Risiko ein, ihr Geld unter Umständen lange vor ihrem Lebensende aufbraucht zu haben. Mit den Gründen für diese weitverbreitete, rational falsche Entscheidung befasst sich eine Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft.
Studienautor Jochen Ruß vom Ulmer Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften betonte, dass private Vorsorge anders als früher nicht mehr das "Sahnehäubchen" auf einer auskömmlichen gesetzlichen Rente sei, sondern zunehmend der Sicherung des Lebensstandards im Alter diene. "Daher muss der zweiten Halbzeit des Vorsorgesparens – der Auszahlung – viel mehr Augenmerk als bisher geschenkt werden", ist er überzeugt. Schon allein die Tatsache, dass heute 100 Berufstätige 34 Rentner finanzieren müssen, 2060 dagegen fast doppelt so viele, mache das Problem deutlich.

Langlebigkeit wird als Risiko extrem unterschätzt

Eindeutig unterschätzt werde das Problem der Finanzierung eines womöglich sehr langen Lebens. Niemand – bis auf Menschen mit einer entsprechenden Diagnose – könne wissen, ober er zu den 50 Prozent gehört, die vor Erreichung der durchschnittlichen Lebenserwartung sterben, oder zu denen, die zum Teil deutlich älter werden. Wer das Glück habe alt zu werden, erklärte Ruß, sei daher auf Zahlungen angewiesen, die lebenslang erfolgen – also eine Leibrente.
Diese kollektive Versicherungsform funktioniere nur dadurch, dass der frühe Tod einer Hälfte des Kollektivs die Langlebigkeit der anderen Hälfte finanziert. Das sei für viele Kunden abschreckend. Sie halten eine Versicherung für unattraktiv, bei der sie unter Umständen deutlich weniger Geld erhalten als sie eingezahlt haben. Dabei, so Ruß, funktioniere praktisch jede Versicherung so.

Vertrieb trägt groß Verantwortung

Da Menschen bei ihren Entscheidungen fast nie nur rational vorgehen, müssten bei der Kommunikation mit Kunden – vor allem im Vertrieb – auch psychologische Faktoren beachtet werden. Vor allem müsse eine Rentenversicherung als das kommuniziert werden, was sie ist: eine Versicherung, die das unkalkulierbare Risiko der Langlebigkeit absichern soll. Und nicht vordergründig als Investment mit dem Fokus auf Rendite. "Je nachdem, wie die Erklärung ausfällt, entscheiden sich Menschen für oder gegen eine Sache", fasst er das Phänomen des "Framing" zusammen, das durch viele wissenschaftliche Studie bekannt sei.

Rentenversicherungen attraktiver machen

Zudem empfiehlt Ruß den Kaufanreiz von Rentenversicherungen durch Produktinnovationen zu erhöhen. Es sei wie bei der Entscheidung zwischen leckeren, aber ungesunden Chips und gesunden, aber unbeliebten Karotten: Wenn man handliche Baby-Möhren als Snack anbiete, sei die Akzeptanz höher. Entsprechend sollten die Produktgestalter mehr Highlights wie Todesfallleistungen in der Rentenphase, höhere Renten für Menschen mit nur noch geringer Lebenserwartung, mehr Flexibilität und chancenreichere Anlagebestandteile nach Rentenbeginn. Insgesamt spräche vor allem im Zinstief ohne nennenswerte Chancen bei der persönlichen Anlage noch mehr als ohnehin für die kollektive Form der Rentenversicherung. (epo)
Altersvorsorge