Schlaglicht

Generali Leben ist verkauft: Durchbruch für Viridium und den gesamten Run-off-Markt

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Spatzen haben es schon lange von den Dächern gepfiffen: Viridium erhält nun offiziell den Zuschlag für die Bestände der Generali Leben. Die Transaktion umfasst vier Millionen Verträge mit garantierten Kapitalanlagen in Höhe von 37 Mrd. Euro. Der Deal ist der mit Abstand größte Verkauf eines Lebensversicherungs-Portfolios an einen Abwickler. Der Run-off-Markt hat sich etabliert. Politiker und Verbraucherschützer sind alarmiert. Die Bafin greift nicht ein.
Eine Entscheidung falle "sehr wahrscheinlich vor dem Sommer", konstatierte Generali- Deutschland-Chef Giovanni Liverani jüngst im Handelsblatt. Bereits seit März buhlten neben Viridium auch die Frankfurter Leben sowie Athora um Generalis Leben-Bestände. Die damals kolportierte Angebotssumme von einer Mrd. Euro ist nun offiziell bestätigt. "Dies ist der finale Schritt im strategischen Turnaround der Generali in Deutschland, der es uns ermöglicht, in diesem Markt zu wachsen und stärker zu werden", erklärt Liverani.
Insgesamt 89,9 Prozent an der Generali Leben sollen an das Unternehmen aus Neu-Isenburg bei Frankfurt gehen. "Wir freuen uns über dieses starke Signal des Vertrauens in die Viridium-Gruppe und gehen davon aus, dass wir den Kaufvertrag zügig unterzeichnen werden", erklärt Heinz-Peter Roß, Vorsitzender Run-off-Plattform.
Hinter Viridium stehen der Finanzinvestor Cinven und die Hannover Rück. Die Gruppe erwaltet derzeit bereits drei kleinere Bestände. Die Frankfurter Leben verwaltet aktuell die ehemaligen Bestände der Basler (128.000 Verträge) und der Arag Lebensversicherungs AG (322.000 Verträge). Die Übernahmen der Pro bAV Pensionskasse der Axa mit 260.000 Verträgen sowie der Prudentia Pensionskasse AG mit 50.000 Policen bedürfen noch der Genehmigung durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Der Generali-Aufkauf könnte den lang ersehnten Durchbruch für den Run-off-Markt bedeuten, da Viridium mit einem Schlag vier Millionen Verträge hinzugewinnt.
Die Finanzaufsicht selbst hat mit einem Verkauf von Lebensversicherungsbeständen hingegen wenig Bauchschmerzen. Demnach sei ein Run-off "kein Verrat am Kunden, sondern eine legitime unternehmerische Entscheidung", betonte Bafin-Präsident Felix Hufeld. "Durch einen Unternehmensverkauf darf kein Versicherungsnehmer schlechter gestellt werden. Dies stellen wir bei Bedarf durch geeignete Maßnahmen sicher", erläutert der Exekutivdirektor der Versicherungsaufsicht, Frank Grund.
Neben der Generali will die Bafin allerdings auch Viridium genauer unter die Lupe nehmen. "In der aufnehmenden Gruppe liegen in der Regel andere Verhältnisse vor als in der abgebenden Gruppe, was aus Kundensicht ein höheres oder niedrigeres Maß an Sicherheit bedeuten kann. Ist weniger Sicherheit zu befürchten, verlangen wir Absicherungsmaßnahmen", betont Grund. Wie lange das Prüfungsverfahren nun dauert, ist hingegen unklar. "Erfahrungsgemäß müssen – speziell bei größeren Transaktionen – allein für die Vervollständigung der einzureichenden Unterlagen mehrere Monate eingeplant werden", betont der Bafin-Direktor.
Entspannt zeigte man sich auch beim Gesamtverband der Deutschen Versicherer. "Die Unternehmen stehen unter deutscher Aufsicht. An diesem Rahmen ändert sich nichts", betonte Peter Schwark, Mitglied der GDV-Geschäftsführung am Donnerstag auf einer Veranstaltung in Berlin (siehe KÖPFE & POSITIONEN).
Der Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten, Axel Kleinlein, bezeichnete den Deal bereits im Vorfeld als "Sündenfall in der Deutschen Lebensversicherung. Millionenfach werden die Versicherten vom Vertragspartner zur Ware degradiert".
"Wir befürchten, dass die Versicherten zukünftig deutlich schlechter gestellt sind. Alle Generali-Kunden müssen damit rechnen, zukünftig noch spärlicher mit Überschüssen bedient zu werden", kritisiert Kleinlein in einer Stellungnahme zum Run-off. "Es wird noch etwas dauern, bis die genauen Folgen des Generali-Deals deutlich werden. Wir stehen bereit, dann mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln für die Rechte der Betroffenen zu kämpfen", zeigt sich der BdV-Vorstandsprecher kampfeslustig.
Die Konzernmutter aus Triest begründet den Schritt mit den anhaltenden Niedrigzinsen. Für die Tochter muss Generali hohe Summen an Eigenkapital vorhalten, während die Erträge sehr gering sind. Generali Deutschland arbeitet künftig vor allem mit ihrem Lebensversicherer Aachen Münchener in Aachen, der nach dem Verkauf und der Umbenennung der Generali Leben wahrscheinlich deren Namen annimmt.
Laut der Transaktion beträgt die Gesamtbewertung der Generali Leben bis zu einer Mrd. Euro, inklusive 125 Mio. Euro als Earn-out, falls die Regelungen zur Dotierung der Zinszusatzreserve (ZZR) geändert werden. Darüber hinaus wird Viridium Darlehen mit einem Volumen von 882 Mio. Euro an die Generali Group zurückführen. 300 Mitarbeiter, die sich um das 37,1 Mrd. Euro schwere Portfolio kümmern, sollen in eine neue Servicegesellschaft wechseln. Die vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den Kunden bleiben laut Generali unverändert. Privatkunden sollen weiterhin die gewohnten Servicestandards erhalten, die im Rahmen eines mit der Generali Deutschland abgeschlossenen Service-Level-Agreements mittelfristig gesichert werden.
Nicht nur Generali hadert mit den Niedrigzinsen. Das Bundesfinanzministerium sieht mögliche finanzielle Probleme bei 34 Lebensversicherern. Mehr als ein Drittel steht unter verschärfter Beobachtung. Neben der Generali Leben gehört auch die Debeka zu den betroffenen Versicherungskonzernen.
Der Run-off der Generali Leben ist jedenfalls einer der größten Deals in der Geschichte der deutschen Versicherungsbranche und Teil eines umfangreichen Umbauprogramms, welches der Konzern bereits Ende September 2018 bekannt gegeben hat und bei dem nahezu kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Nachdem seit der Fusion der Volksfürsorge Gesellschaften mit denen der Generali-Gesellschaften zum 1. Januar 2009 immer wieder weitestgehend nur an Symptomen herumgedoktert wurde, holte der Diplom-Ingenieur aus Mailand in den vergangenen Monaten zum großen Rundumschlag aus. Man kann sich für alle Beteiligten nur wünschen, dass das Vorhaben am Ende erfolgreich verläuft. (vwh/dg)
Bild: Giovanni Liverani, Vorstandsvorsitzende der Generali Deutschland (Quelle: Ursula Dornberger)
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