Schlaglicht

Kampf um Bewertungsreserven: Wenn der Kunde nicht immer König ist

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Heute Punkt 12 Uhr verkündet der BGH sein Urteil zur Überschussbeteiligung in der Lebensversicherung. Im Kern geht es darum, in wie weit die Lebensversicherer ihre Kunden an den Bewertungsreserven beteiligen müssen. Geklagt hatte der Bund der Versicherten (BdV) gegen die Victoria Lebensversicherung, doch das Ziel ist die ganze Branche.
Der Prozess behandelt nur einen Fall, doch die dahinterstehende Praxis wenden die Versicherer millionenfach an, dementsprechend wichtig ist das Urteil um die Bewertungsreserven. Hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich ein milliardenschwerer Schatz, der entsteht, wenn der Marktwert eines Wertpapiers über dessen ursprünglichem Kaufpreis liegt.
Durch die Niedrigzinsära ist das in vielen Fällen geschehen, denn viele Versicherer haben in langlaufende, hochverzinste Papiere investiert, die in Zeiten niedriger Zinsen massiv an Wert gewonnen haben, sodass die Versicherer nun über Milliarden an diesen Reserven verfügen.
Vor dem Inkrafttreten des LVRG im Jahr 2014 wurden Kunden zur Hälfte an diesen Reserven beteiligt, das hat sich geändert. Die Versicherer nutzen die Reserven nun verstärkt, um die Garantiezusagen an die Kunden zu sichern, dabei berufen sie sich auf das neue LV-Gesetz.
Die Branche bestätigt, dass durch die Niedrigzinsphase milliardenschwere Reserven entstanden sind, doch um diese den Versicherten zugänglich zu machen, müsste man langfristige und hochverzinsliche Zinstitel verkaufen, wodurch auf lange Sicht das ganze Kollektiv leiden würde.
Gegen die Verfassung?
Die Verbraucherschützer sehen das anders. Sie argumentieren nicht nur, dass die angewandte Praxis die Kunden benachteilige, sondern das Gesetz als Ganzes verfassungswidrig sei. Das hat nebenbei den Vorteil, dass bei einem Urteil zu Ungunsten des Klagenden der Weg zum Verfassungsgericht offenbliebe, den der BdV für den Fall der Fälle auch bereits angekündigt hat.
Der BGH hatte das Urteil im Juni bereits einmal vertagt, eine weitere Verschiebung ist möglich. "Wir können uns ein Unentschieden mit Verlängerung vorstellen", erklärt BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein. Damit meint er, dass der BGH das LVRG als verfassungskonform klassifizieren wird, allerdings die Versicherer zur Erklärung auffordern wird, warum eine Kürzung der Bewertungsreserven vorgenommen werden musste.
Wenn es so kommt, müssten die Versicherer möglicherweise mehr an Zahlen offenlegen als gewünscht. Doch der Branche könnte es sogar nützlich sein, wenn mehr Transparenz Einzug hielte. Müssten die Versicherer auf Zahlenbasis begründen, warum ein Festhalten an den langlaufenden Wertpapieren für das Kollektiv besser wäre, als kurzfristige Gewinne zu erzielen, könnte das Vertrauen in die LV gestärkt werden. Das es um selbiges nicht optimal bestellt ist, damit beschäftigt sich VWheute heute in Unternehmen & Management.
Da sagt der Experte
Hermann Weinmann von der Universität Ludwigshafen und ausgewiesener Lebensversicherungsexperte erwartet eine Beibehaltung der bisherigen Praxis: "Bei der Entscheidung zu den Bewertungsreserven erwarte ich eine Bestätigung der bisherigen Praxis, alles andere würde mich überraschen. Mit einiger Sicherheit kommt es zu einer besseren Erläuterung der Verkürzung durch den Sicherungsbedarf, aber mehr erwarte ich von dem Urteil nicht."
Welche Auswirkungen ein Urteil zu Gunsten des BdV haben würde, ist schwer zu prognostizieren. Die Versicherer müssten die Kunden stärker an den Überschüssen beteiligen, was einen enormen Geldbedarf mit sich bringen würde. Das würde nicht gehen, ohne auf Reserven zurückzugreifen, was wiederum die Bafin als Herrin über Solvency II auf den Plan rufen würde.
Ein Verkauf langfristiger, gutverzinster Papiere würde den Nachteil mit sich bringen, einen gewissen Teil des erzielten Gewinnes wieder genauso gewinnbringend und sicher zu reinvestieren. Das ist schwierig, denn das der Markt derzeit keine Fülle festverzinslicher Wertpapiere aufweist, ist keine neue Erkenntnis.
Blieben Aktien, doch das bringt andere Nachteile mit sich, denn Aktienkapital muss speziell mit Reserven gesichert werden. Das ist natürlich schwierig, wenn die Reserven zuvor aufgelöst wurden, um die Kunden an den Bewertungsreserven zu beteiligen.
Das Urteil besitzt Sprengkraft, die Branche schaut ängstlich auf den Minutenzeiger, der sich langsam Richtung High Noon bewegt. (vwh/mv)
Bild: Kurz vor Zwölf (Quelle: Berwis / www.pixelio.de / PIXELIO)
Lebensversicherung · BGH · Bund der Versicherten · Bewertungsreserven
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