Märkte & Vertrieb

"Solvency II ist ein Flickenteppich von Lehrbüchern entnommener Finanzmathematik"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Vor dem Übergang vom wenig technischen Solvency I auf den aktuariell ausgeprägten Solvency II Standard hieß es, dass das Modell die Ratingagenturen überflüssig machen würde. Hierzu ist es noch nicht gekommen. Die auf die Assekuranz spezialisierte Agentur AM Best setzt sich in einem achteitigen Spezialreport mit den ersten Erfahrungen mit Solvency II anhand der publizierten Abschlüsse der großen EU-Versicherer auseinander. Fazit: Übergangsmaßnahmen konterkarieren den ganzen Ansatz.
"Solvency II - Available Capital Assisted By Unit-Linked and Non-Life", heißt der Bericht, den AM Best nun jedes Jahr veröffentlichen will. AM Best kritisiert den pauschalen Ansatz bei Solvency II im Bereich des Marktrisikos, jedenfalls bei Anwendung der Standardformel statt eines unternehmensinternen Modells. Bei nicht börsengehandelten direkt gewährten Krediten, die ohnehin bis zur Fälligkeit in den Büchern verbleiben sollen, sei zweifelhaft, ob diese wirklich einem Marktrisiko unterliegen. Sinnvoll sei es zwischen dem Markt- und dem Ausfallrisiko zu differenzieren, was im Fall von Hypothekenportefeuilles bereits geschehe.
AM Best bezeichnet den Solvency II Ansatz (Zielrichtung: Konsistenz, Stringenz und auf Markwerten basierend) als den eines Lehrbuchs. Jedoch stellt die Ratingagentur fest, dass der eigentlich richtige Ansatz einer die wirtschaftlichen Verhältnisse spiegelnden Bilanz unter Verwendung von Marktwerten durch allerlei Übergangsmaßnahmen und der Volatilität Rechnung tragende Adjustierungen konterkariert werde. Geliefert habe die EU-Kommission bislang nur einen "patchwork of textbook financial mathematics overlaid with adjustments", also ein von Adjustierungen überlagerten Flickenteppich von Lehrbüchern entnommener Finanzmathematik.
Problematisch sei auch die immer noch fehlende Konsistenz zwischen einzelnen Staaten und die von einigen zugestandene Verwendung von Volatilitätspuffern, die einer wirklichen intra-EU-Konvergenz noch im Wege stünden. Allerdings bedürften Änderungen erst des Vorschlags durch die Versicherungsaufsicht Eiopa im Rahmen von deren jährlichen Reviews. Es wird demnach wohl noch einige Jahre brauchen bis der BCAR (Best’s Capital Adequacy) dank Solvency II obsolet wird. (cpt)
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