Schlaglicht

Kommt Agenturleiterin mit Schadenersatz-Klage gegen Allianz durch?

Von Alexander KasparTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Vor dem Landgericht München I ist zur Zeit eine Klage einer ehemalige Agenturvertreterin der Allianz am Standort Augsburg gegen die Allianz Beratungs- und Vertriebs-AG anhängig. Dabei fordert die Klägerin, eine Top-Verkäuferin im internen Ranking, eine Korrektur ihrer unverfallbaren Rentenansprüche an das Vertreter Versorgungswerk (VVW) der Allianz. Hat sie Chancen auf Erfolg?
Nach deren Aussage seien Verträge, die sie mit Kunden abgeschlossen habe, falsch erfasst oder bei der manuellen Eingabe nicht korrekt gebucht worden oder zum Teil sogar gänzlich aus der Berechnung gefallen, etwa bei einem Wechsel des Agenten. Die Forderungen belaufen sich auf mehr als 400.000 Euro. Der Fall hat Präzedenzcharakter.
Waren es nur "manuelle Eingabefehler" wie die Allianz behauptet oder steckt doch System dahinter wie die Klageseite vermutet? Konkret geht es um die Berechnung der jeweiligen Rentenansprüche an das Allianz Vertreter Versorgungswerk. Die Klägerin hatte im Laufe ihrer Arbeit festgestellt, dass selbstvermittelte Verträge, die sie mit Kunden abgeschlossen hatte, fehlerhaft oder teilweise gar nicht in den Unterlagen, dem sogenannten Buch, auftauchten.
Dabei bilden diese, nach einem internen Berechnungsschlüssel der Allianz, die Grundlage für die Berechnung der späteren Alters-, gegebenenfalls auch Berufsunfähigkeits- oder Hinterbliebenenrente der zwar selbständigen, jedoch an das Unternehmen gebundenen Vertreter. Auf Nachfrage der Klägerin hin wurden diese sogar schon zu ihren Gunsten angehoben, doch es wurden immer neue Ungereimtheiten bekannt, was die Klageseite nun zur Ausweitung ihrer Ansprüche gebracht hat. In Summe sollen, laut Klage, mehr als 1.000 Verträge aus den Bereichen Lebens- und Sachversicherung, mit Auswirkung auf die Altersvorsorge falsch verbucht worden sein.
Die Allianz beruft sich auf individuelle Fehler die bei der manuellen Eingabe entstanden sein sollen. Und das in Zeiten der von allen Marktteilnehmern so fokussierten Digitalisierung? Auch Konzernchef Oliver Bäte hat wohl Kenntnis von dem Vorgang. Geändert hat sich nichts, denn die Fehler seien in diesem Fall "jahrelang ignoriert, verleugnet und vertuscht worden", wie die Klägerin in einer Mail an den Konzern beklagte.
Stand im Oktober 2017 in dieser Causa noch eine außergerichtliche Einigung im Raum, hatte sich nun das Gericht sogar mit einer Klageerweiterung zu befassen. 312.000 Euro fordert nun die Klägerin allein als Schadenersatz für ihren Arbeitseinsatz und für die Korrekturen der Fehler. Dazu kommen noch 80.000 Euro geforderte Freistellungsentschädigungen. Außerdem verlangt die Klägerin auf die betreffenden Jahre rückwirkend, umfangreichen Einblick in "das Buch" und eine umfassende Überprüfung aller Bestände, was die Allianz jedoch aus Kapazitätsgründen ablehnt. Ihr seien von Ernst & Young geprüfte Buchauszüge von November 2017 bis Februar 2018 zur Verfügung gestellt worden.
Die von der Klageseite geforderte Kammerentscheidung hat die Vorsitzende Richterin am Landgericht München, Reiter, für den 19. September 2018 terminiert. Eine Fortsetzung des Rechtsstreites vor der nächsten Instanz am Oberlandesgericht München ist mehr als wahrscheinlich. Die Klageseite vermutet auf Seiten der Allianz ein jahrelanges System, welches bis heute nicht korrigiert wurde und sieht auch für die mehr als 8.000 Allianz-Vertreter einen Präzedenzfall. Für den Versicherer geht es neben Imagefragen im Höchstfall um einen dreistelligen Millionenbetrag sollten sich weitere oder gar alle Vetreter für eine Überprüfung ihrer Rentenansprüche an das VVW wenden.
Ob das Urteil tatsächlich durchkommt, bleibt fraglich. Die Richterin hat an einigen Stellen sichtbare Zweifel geäußert, ob das Rechenwerk der Klägerin tatsächlich belastbar ist. Zwischen den Zeilen ließ sich  heraushören, dass sie der Klage nicht folgen wird. (vwh/ak)
Allianz · Agenturleiterin
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