Schlaglicht

D&O-Fall Stadler: Was dem Audi-Chef und seinem Versicherer droht

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Audi-Chef Rupert Stadler sitzt in Untersuchungshaft. Damit ist der VW-Abgasskandal auch nach mehreren Milliardenstrafen noch nicht ausgestanden. Der Ton gegen die Wirtschaftsführer wird rauer, Schutz immer wichtiger. VWheute hat bei den D&O-Experten die Sachlage einschätzen lassen. Die übereinstimmende Einschätzung: Es wird sehr schwer für Stadler.
Die USA haben es vorgemacht, als sie einen VW-Manager wegen der Verwicklung in den Abgasskandal zu sieben Jahren Haft verurteilten. Jetzt scheint auch der deutsche Staat von den andauernden Meldungen zu weiteren Abgas-Manipulationen und der Informationsverschleppung der Autokonzerne genug zu haben und verschärft den Ton. Kürzlich wurde VW zu einer Strafzahlung von einer Milliarde Euro verurteilt, jetzt wurde gegen den Audi-Chef Haft beantragt, er kann allerdings Beschwerde einlegen und eine Haftprüfung beantragen.
Dass Mercedes wegen illegaler Abschaltvorrichtungen wahrscheinlich 238.000 Autos zurückrufen muss, passt da ins Bild. Der Konzern will allerdings in Berufung gehen. Eine ähnliche Aktion wegen des neue Audi-Modelles A8 wird offenbar derzeit vom Bundesverkehrsministerium geprüft.
Alles ist möglich
Die Haltung des Staates im Abgasskandal ist neuerdings eindeutig: Der Ton wird schneidend und es werden Strafen verhängt. Zum ersten Mal muss ein aktiver Vorstandschef der deutschen Autoindustrie wohl ins Gefängnis gehen. Die Richterin ordnete die Haft an, da Verdunkelungsgefahr und die Möglichkeit der Beeinflussung von Zeugen oder Mitverdächtigten bestehe. Das klingt eher nach einem Mafiaprozess als nach der Untersuchung gegen einen Top-Manager.
Die Vorwürfe wiegen schwer, "Betrug sowie mittelbare Falschbeurkundung" werden Stadler vorgeworfen, in der letzten Woche wurde deswegen bereits sein Privathaus durchsucht. Der Audi-Chef soll schon vor zweieinhalb Jahren Hinweise auf die Manipulationen gehabt haben und stoppte weder Produktion noch Verkauf, was einen Betrug darstellen würde.
Auch sein Arbeitgeber scheint nicht so ganz an die Unschuld des bereits währende des VW-Skandals verdächtigten Stadlers zu glauben, denn es wurde bereits Audi-Vertriebsvorstand Bram Schot in den Chefsessel gesetzt.
Der Vorgang wurde zwar als "interimsweise" bezeichnet, aber wer glaubt bei einer solchen Renommees-Schädigung daran, dass Stadler zurückkehrt? Erschwerend kommt hinzu, dass im gesamten VW-Konzern verwendete Manipulationssoftware aus dem Hause Audi stammen soll.
Der D&O-Experte malt ein düsteres Gemälde
Für den D&O-Versicherer Stadlers dürfte die Meldung der Verhaftung wenig erfreulich sein, es droht ein langer Prozess, in dem die Justiz beweisen muss, dass der Audi-Chef von der Manipulation wusste. Angeblich liegen den Anklägern Mails vor, die genau das belegen, damit wäre der Betrug bewiesen und Stadler ohne Versicherungsschutz.
"Sollte sich der Betrugsvorwurf bewahrheiten, bleibt der Audi-Chef auf allen Kosten sitzen, die während der Ermittlungen und einem möglichen Gerichtsverfahren entstehen“, erklärt Diederik Sutorius, Geschäftsführer des Kölner D&O-Spezialanbieters VOV. "Betrug ist vertraglich als wissentliche Pflichtversicherung immer ausgeschlossen."
Wichtig ist auch, ob Stadler vom VW-Konzern zivilrechtlich in Anspruch genommen wird oder ob die Ermittlungen strafrechtlich relevant werden, denn "Manager, die strafrechtlich belangt werden, brauchen zusätzlich zu einer D&O- eine spezielle Rechtschutzversicherung."
Wird im Rahmen der strafrechtlichen Ermittlungen jedoch festgestellt, dass der betroffene Manager auch zivilrechtlich haftet, greift wiederum die D&O-Versicherung, erklärt Sutorius. "Grundsätzlich gilt, wenn strafrechtliche Ermittlungen zu einem Schadenersatz für Manager führen, springt dafür die D&O-Versicherung ein." Allerdings nur, wenn noch Versicherungssumme übrig ist.
Der Konzern haftet gemeinsam
Denn mit Ex-Konzernvorstand Martin Winterkorn ist bereits ein Manager des Konzerns angeklagt. Ein weiterer Schaden im Gesamtunternehmen VW könnte damit als Serienschaden gelten, womit sämtliche Kosten aus der beim erstmaligen Eintritt des Versicherungsfalls vereinbarten Deckungssumme entnommen werden. Damit wäre die D&O-Versicherungssumme (möglicherweise) aufgebraucht, bevor der Prozess gegen Stadler überhaupt beginnt.
"Tochterunternehmen in einem Konzernverbund sollten eigene D&O-Deckungen einkaufen, um sich wirksam vor Entwicklungen zu schützen, auf die sie keinen Einfluss nehmen können“, empfiehlt D&O-Experte Sutorius.
Eine gute Absicherung braucht auch der frühere hessische Ministerpräsident und Ex-Bilfinger Chef Roland Koch. Ein Aufseher des US-Justizministeriums hat ihn mit Korruption in Verbindung gebracht. Im Jahr 2003 hatten Mitarbeiter des Unternehmens in Nigeria einen Mitarbeiter der Regierung bestochen und in einem juristischen Vergleich 2013 eine Strafe über 32 Mio. Dollar sowie die Unterstellung unter einen Aufseher akzeptiert.
Ebenso wurde die Verbesserung der Kontrollsysteme versprochen. Das ist offenbar nicht passiert, woraufhin der Aufsichtsrat von Bilfinger den ehemaligen Chef Koch und weitere Ex-Vorstände auf Schadensersatz in Höhe von 120 Mio. Euro verklagte.
Als ob das nicht reichen würde, wirft der oben genannte Aufseher dem Konzern und insbesondere Koch vor, weltweit Firmen eingekauft zu haben, ohne deren Arbeitsweise ausreichend zu prüfen. Viele der Unternehmen würden in Ländern arbeiten, in denen Korruption weit verbreitet sei, worauf der Korruptionsvorwurf fußt.
Viel Arbeit für die D&O-Versicherer dieser Tage, kein Wunder, das die Sparte nicht gerade das Lieblingskind der Branche ist, kommen doch die Fälle unvorbereitet und werden immer teurer: "Die Versicherer haben keine Möglichkeit zur Vorbereitung. Sie müssen einfach abwarten, bis Schadensersatzansprüche geltend gemacht werden. Sie sollten allerdings jetzt schon hohe Reserven setzen. Bestenfalls die kompletten Deckungssummen, erklärt Michael Hendricks, Anwalt des versicherungsunabhängigen D&O-Spezialisten Howden.
Die aktuellen Fälle werden den Markt jedenfalls massiv beeinflussen, ist sich der Experte sicher: "Auswirkungen auf die Managerhaftung haben die Verfahren insoweit, als damit Alarmsignale gesetzt werden. Gerade, wenn auch strafrechtliche Verfahren eingeleitet werden, bis hin zur Untersuchungshaft, wird das viele Manager in Angst und Schrecken versetzen“. (vwh/mv)
Bild: Die Chefs der großen Automobilkonzerne Audi, VW und Mercedes auf der IAA 2015. (Quelle: IAA)
VW-Konzern · D&O · Audi · VOV · Abgasskandal · Michael Hendricks · Diederik Sutorius
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