Schlaglicht

Wie deutsche Versicherer sich in Russland behaupten

Von David GorrTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
"Wir verstehen die Struktur nicht, das Land ist zu groß und wir sind dafür nicht ausgerüstet." Das sagte der ehemalige VIG-Vorstandsvorsitzende Peter Hagen als der österreichische Versicherer sich aus dem Versicherungsmarkt des WM-Gastgebers zurückzog. Wer noch von den deutschen Playern da ist, muss sich gegen russische Staatsversicherer behaupten und den Sanktionen sowie der wirtschaftlichen Krise trotzen.
Sowohl das Versicherungs- als auch das Bankwesen wurden erst im Zuge der wirtschaftlichen Transformationsphase Anfang der 90er Jahre geschaffen.  Bis zum Ende der Sowjetunion war Rosgosstrakh der Staatsversicherer, der alle Risiken der Bürger abdeckte. Daneben gab es den Risikoträger Ingosstrakh, zuständig für internationale Geschäfte.
Beide Unternehmen wurden 1992 teilprivatisiert. Im gleichen Jahr waren insgesamt 900 Versicherer auf dem Markt registriert, 1996 existierten bereits 2.217 Versicherer. Nach und nach wurden jedoch Vertriebe für Pseudoversicherungen, stark unterkapitalisierte Gesellschaften sowie Lebensversicherer, die vor allem der Steuervermeidung oder der Verbringung von illegalem Kapital ins Ausland dienten, vom Markt genommen. Im Zuge der Stärkung der Versicherungsaufsicht durch strengere Solvabilitätskontrollen verschwanden in den Folgejahren über tausend Assekuranzen.
Derzeit sind auf dem Markt 237 Player aktiv, die von der russischen Zentralbank überwacht werden. 2017 mussten 21 Versicherer ihr Geschäft aufgeben, 2016 waren es 23. Experten rechnen damit, dass in den nächsten Jahren etwa weitere 100 Gesellschaften schließen müssen. Der nach Bruttoeinnahmen größte Versicherer Russlands ist derzeit SOGAZ, an dem unter anderen Gazprom beteiligt ist. Die aus der Sowjetzeit stammenden Anbieter Rosgosstrakh und Ingosstrakh sind nach wie vor in den Top-Ten. 2017 haben russische Versicherer Bruttoprämien in Höhe von 21,33 Mrd. US-Dollar erzielt – ohne das Krankengeschäft gerechnet. Das entspricht einem Plus von 8,3 Prozent im Vergleich zu 2016. Die zehn größten Versicherer dominieren das Geschäft mit einem Marktanteil von 75 Prozent.

Je protziger das Auto, desto weniger Regeln

Das Geschäftsvolumen nahm erst mit der Kfz-Haftpflichtversicherung („OSAGO“) im Jahr 2003 richtig an Fahrt auf. Innerhalb eines Jahres hatten die Versicherer mehr als 25 Millionen Kfz-Policen verkauft. Dank dieser Sparte wies der gesamte russische Versicherungsmarkt in den Folgejahren Wachstumsraten von etwa 10 bis 15 Prozent jährlich auf. Inzwischen stagniert er.
Die Assekuranz lebt bis heute von der Angst der Autobesitzer, die sich gegen rüpelhafte Fahrer absichern möchten. Insgesamt kamen im vergangenen Jahr in Russland mehr als 20.000 Menschen durch Verkehrsunfälle ums Leben – sechsmal so viele wie in Deutschland. Auf Fußgänger wird keine Rücksicht genommen, ebenso auf das Alkoholverbot. Dank Radarwarnern wird gerast, was der Wagen hergibt. Und die Elite hat immer Vorfahrt: Je protziger das Auto, desto weniger Regeln, an die sich sein Fahrer halten muss. Die Schuldfrage nach einem Unfall kann nur die inzwischen bei fast jedem Autofahrer installierte Dash-Cam klären – auf Behörden oder Verkehrspolizisten ist kein Verlass. Nur so kann man sich einer Auszahlung des Versicherers gewiss sein.
Das Wachstum des Versicherungsmarktes ist eng mit der ökonomischen Entwicklung des Landes verknüpft. Ausschlagebend ist die Kaufkraft sowie die Bereitschaft der Banken, Kredite zu gewähren. Rund 80 Prozent des Lebensversicherungsgeschäfts wird in Russland über den Bankenvertrieb abgewickelt. Das ist auch der einzige Vertriebsweg der Uniqa Group, einer der größten Player in Osteuropa. Der österreichische Versicherer ist seit Oktober 2009 am russischen Markt operativ tätig. "Wir haben gemeinsam mit der Raiffeisen Bank Russland das Joint Venture Raiffeisen Life, an dem Uniqa75 Prozent und Raiffeisen 25 Prozent halten", erklärt Wolfgang Kindl, CEO Uniqa, International. "Raiffeisen Life ist unsere einzige operative Gesellschaft in Russland und im Lebensversicherungsgeschäft aktuell die Nummer 13 am Markt."

Industriegeschäft leidet unter den Sanktionen

Der Konkurrent Vienna Insurance Group ist in dem Land nicht mehr tätig. Der größte Versicherer in Osteuropa mit Sitz in Wien beendete sein Engagement in Russland im Jahr 2012 durch den Verkauf von Minderheitsanteilen an drei Assekuranz-Gesellschaften. "Es ist uns nicht möglich, unser Geschäftsmodell in Russland zu verfolgen", sagte der damalige VIG-Vorstandsvorsitzende Peter Hagen. "Wir verstehen die Struktur nicht, das Land ist zu groß und wir sind dafür nicht ausgerüstet."
Aktuell liegt der Anteil ausländischer Player, die die Mehrheit an russischen Versicherern halten, unter zehn Prozent. „Das Insurance-Business befindet sich nach wie vor im Transfomationsprozess“, erklärt die russische Allianz Dachgesellschaft OJSC IC Allianz (Open Joint Stock Company Insurance Company Allianz). Der Münchener Versicherer stieg 1990 in den russischen Markt mit einem eigenen Tochterunternehmen ein. Das Geschäft wurde deutlich ausgeweitet nachdem die Allianz 2007 Mehrheitseigentümer von den Versicherern Rosno und Progross-Garant wurde. Aktuell hat die RusslandHolding u.a.  einen Sach- und Unfallversicherer, einen Lebensversicherer sowie einen Anbieter für Gesundheits-Policen.
Die Talanx-Gruppe operiert erst seit 2006 auf dem russischen Markt, mit ihrer Sachversicherungstochter HDI Strakhovanie und dem Lebensversicherer CiV Life. Die Gesellschaft wurde 2007 gegründet, um das deutsche CiV/Citi-Erfolgsmodell zu übertragen. Die Zurich ist seit 1996 wieder im Land aktiv, Schwerpunkt ist die Schaden-Unfall-Versicherung für Geschäftskunden.
Munich Re hat sich 2015 aus dem Land zurückgezogen,weil die niedrigen Prämieneinnahmen einen Standort nicht rechtfertigten. Die Ergo ist weiterhin am Markt vertreten. Aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben russische Erstversicherer ihre Rückversicherungsabgaben reduziert. Zudem gibt es seit 2017 einen staatlichen Rückversicherer, der eine Option auf zehn Prozent aller Rückversicherungsprämien hat und westliche Konkurrenten damit verdrängt.
Die Mehrheit der auf dem russischen Markt aktiven ausländischen Versicherer erklärt unisono, dass die EU- und US-Sanktionen gegen Russland ihr Geschäft nicht besonders beeinträchtigen. "Gleichwohl haben die Sanktionen sicherlich eine Auswirkung auf ausländische Direktinvestitionen, sodass im Bereich der Industrieversicherung das vorhandene Wachstum des Marktes noch ausbaufähig ist“, erklärt ein Sprecher der Talanx-Gruppe. Die Zurich ergänzt: „Die Sanktionen beeinflussen das Underwriting. Risiken mit Bezug zu sanktionierten Personen oder Unternehmen werden ausgeschlossen bzw. nicht versichert." (dg)
Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Juni-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Bild: Präsident der Russischen Föderation Wladimir Putin (Quelle: kremlin.ru)
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