14.06.2018Märkte & Vertrieb

Versicherer sind gewappnet für das ganz große Spiel

Von VW-RedaktionVW heute
Wenn heute um 17 Uhr deutscher Zeit zum Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 zwischen Gastgeber Russland und Saudi-Arabien angepfiffen wird, werden auch die Versicherer eine gewichtige Rolle spielen. So gibt es praktisch nichts, was nicht irgendwie versichert ist: Angefangen vom Stadion über den WM-Pokal und die Eintrittskarte bis hin zu den Beinen von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo.
Ob Unwetter, Naturkatastrophen oder die Gefahr von Terroranschlägen: Auch König Fußball ist vor solchen Eventualitäten nicht sicher. Trauriges Beispiel dafür waren die Anschläge von Paris im November 2015, bei denen auch das Freundschaftsspiel zwischen der deutschen Mannschaft und der "Equipe Trikolore" in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Und dennoch: "Nach wie vor lassen sich Großveranstaltungen wie auch dieses große Sportereignis auf dem deutschen und europäischen Markt ohne Probleme versichern. Natürlich haben derartige Risiken einen langen Vorlauf und auch einige beteiligte Versicherer. Die Kapazitäten der Versicherer sind derzeit hoch wie nie", konstatiert Christian Raith vom Versicherungsmakler Erpam (siehe POLITIK & REGULIERUNG).
Allerdings liege der Unterschied zwischen einer Fußball-Weltmeisterschaft und anderen versicherbaren Events im Wert der Mannschaften, betont Michael Furtschegger, Leiter Entertainment International bei Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS). Allein im Vorfeld der WM 2014 in Brasilien schätzte Lloyd's den Gesamtversicherungswert aller teilnehmenden Länder auf rund 7,7 Mrd. Euro - plus den Deckungen für den Schutz der Spieler.
Zum Vergleich: Für das aktuelle Turnier beziffert das Fußballportal Transfermarkt den Gesamtwert aller 32 teilnehmenden Mannschaften auf rund 10,46 Mrd. Euro. Spitzenreiter ist dabei das französische Team mit einem Marktwert von rund 1,08 Mrd. Euro, gefolgt von Spanien (1,03 Mrd.) und Brasilien mit 981 Mio. Euro. Die deutsche Mannschaft kommt dabei mit einen Marktwert von etwa 886 Mio. Euro auf Rang vier. Schlusslicht ist Panama mit gerade einmal 8,43 Mio. Euro. Übrigens: WM-Zuschauer Italien kommt auf einen Marktwert von 664,00 Mio. Euro, gefolgt von den Niederlanden mit 435 Mio. Euro und Österreich mit 187,3 Mio. Euro.
Darüber hinaus hat der Weltfußballverband FIFA rund 134 Mio. Dollar veranschlagt für den Fall, dass sich die Spieler während des Turnier verletzen. Die wertvollsten Spieler sind dabei laut Transfermarkt der Brasilianer Neymar und der Argentinier Lionel Messi mit jeweils 180 Mio. Euro. Wertvollster deutscher Spieler ist Toni Kroos mit einem Marktwert von aktuell 80 Mio. Euro.
Dazu kommen die Ausgleichszahlungen, welche die FIFA für die Vereine aller teilnehmenden Spieler berechnet. Allein für die Gruppenphase werden nach Berechnungen des Kurzzeitkredit-Anbieters, Vexcash über 150 Mio. Euro an 384 Fußballclubs auf der ganzen Welt ausgezahlt. Spitzenreiter ist dabei Real Madrid mit insgesamt 3,35 Mio. Euro, gefolgt von Manchester City mit 3,2 Mio. Euro und dem FC Chelsea mit rund 2,98 Mio. Euro. Der FC Bayern München erhält in Deutschland mit 2,15 Mio. Euro die höchste Summe von der FIFA und sichert sich damit den neunten Platz des internationalen Rankings. Borussia Dortmund kann sich als zweitbester Verein Deutschlands mit 1,46 Mio immerhin Platz 20 sichern.
Entsprechend rekordverdächtig sind daher auch die Preisgelder, welche bei diesem Turnier an die 32 Mannschaften ausgeschüttet werden. Mussten sich die Verbände 2014 in Brasilien noch mit 358 Mio US-Dollar zufrieden geben, in diesem Jahr sind es ganze 400 Mio. US-Dollar. Davon nimmt der neue Weltmeister stolze 38, Mio. der Vizeweltmeister 28 Mio. und der Drittplatzierte 24 Mio. US-Dollar mit nach Hause.

Eine der gefährlichsten Sportarten der Welt

Dabei zählt Fußball laut US-Magazin Forbes zu den gefährlichsten Sportarten der Welt. Pro Jahr erleiden im Schnitt zwei Spieler wirklich gefährliche Verletzungen. Neben Sehnen, Bändern und Muskeln der unteren Extremitäten sind häufig auch der Kopf- und Nackenbereich betroffen. Dabei sind in Deutschland vor allem die Landessportverbände in der Absicherungspflicht gegenüber ihren Mitgliedern.
Größter Player in diesem Markt ist hierzulande die Arag Sportversicherung, die heute 15 der bundesweit 20 Landessportbünde/ Landessportverbände und damit insgesamt mehr als 90 Prozent der organisierten Sportler in den Sportvereinen und -verbänden versichert. Das sind rund 20 Millionen Freizeitsportler in rund 80.000 Vereinen. Die weiteren fünf Landesportbünde und -verbände teilen sich auf zwei weitere Wettbewerber auf. Schutz bietet die Arag auch allen Leistungssportlern, die über die Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH) als Kaderathlet gefördert werden. Das sind aktuell rund 4.000 Sportler.
Die gezielte Absicherung des Profisports gehört nicht zum Geschäftsfeld, denn Profisportler, Profiklubs wie auch sportliche und kommerzielle Großveranstaltungen haben ganz eigene Anforderungen
und Schwerpunkte – wie etwa im Profifußball die Spielunfähigkeitsversicherung als spezielle Berufsunfähigkeitsversicherung oder die durch die DFL obligatorisch vorgeschriebene Haftpflichtversicherung für den Spielbetrieb (siehe UNTERNEHMEN & MANAGEMENT).
Erster Ansprechpartner für alle Fragen rund um den Profifußball und dessen vollständiger Absicherung für Vereine sowie Aktive ist in Deutschland Dieter Prestin, von 1975 bis 1989 246-facher Bundesligaspieler für den 1. FC Köln. Abwehrspieler Prestin, der nach eigener Sportinvalidität bei der Gothaer seine zweite Karriere als Versicherungskaufmann begann ist heute Berater, Vermittler und Vertrauensmann für die wichtigsten Vereine in Deutschland.
Von den 18 Clubs der 1. Fußball-Bundesliga hat die Dieter Prestin Sportversicherungsmakler GmbH ein gutes Dutzend Vereine im Portfeuille und damit drei Viertel der Vereine im Boot, die überhaupt voll umfänglich versichern. Denn es gibt tatsächlich Vereine, die nicht wollen oder die einfach sagen, uns reicht die Absicherung für den Todesfall, wie Prestin erläutert. Rechtzeitige Vorsorge für ein Leben nach dem Profisport ist also unerlässlich (siehe KÖPFE &B POSITIONEN).

Vom WM-Pokal bis zur Sportwette

Doch nicht nur die Fußballer selbst und deren Vereine sichern sich während des Turniers gegen alle möglichen Eventualitäten ab. Auch Sendeanstalten, Sponsoren, Reiseveranstalter, Fluggesellschaften und Einzelhändler sind auf alle möglichen Szenarien vorbereitet: "Nehmen wir einmal die Übertragungsrechte. Verzögert sich die Eröffnungsfeier wegen so etwas Banalem wie einer Sendestörung auch nur um wenige Minuten, sind sämtliche Sendeanstalten in Mitleidenschaft gezogen, weil sie festgelegte Werbezeiten haben. Auch für derartige Unterbrechungen gibt es Versicherungslösungen", konstatiert AGCS-Experte Furtschegger.
So bezifferte Lloyd's beispielsweise das gesamte Versicherungsaufkommen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika auf neun Mrd. Dollar, unterteilt in 4,8 Mrd. Dollar für Stadien und Trainingsstätten und 4,2 Mrd. Dollar für weitere an die WM gekoppelte Geschäftsmöglichkeiten. Lloyds beziffert das gesamte Versicherungsaufkommen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika auf 9 Milliarden Dollar, unterteilt in 4,8 Milliarden Dollar für Stadien und Trainingsstätten und 4,2 Milliarden Dollar für weitere an die WM gekoppelte Geschäftsmöglichkeiten.
Versichert ist natürlich auch der WM-Pokal selbst: Rund 230.000 Euro beträgt die Versicherungssumme für den Fall, dass der Goldpokal einem Dieb in die Hände fallen sollte. Angesichts des aktuellen Goldkurses dürfte es bei dem 4.900 Gramm schweren Pokal mit einem Feingehalt von 18 Karat allerdings lediglich um einen symbolischen Wert handeln. Immerhin: 1966 wurde der Vorgänger des heutigen WM-Pokals tatsächlich während des WM-Turniers in England entwendet. Da der dreiste Dieb mit dem "Coupe Jules Rimet" allerdings nichts anfangen konnte, wurde der Pokal schließlich nach kurzer Zeit von einem Hund namens Pickles in einem Londoner Vorgarten gefunden. Die WM war damit gerettet - und Gastgeber England holte seinen bis heute einzigen großen Titel. Wenn auch dank eines äußerst umstrittenen Tores.
Selbst Gewinnspiele rund um die WM sind mitterweile zu einem Geschäftsfeld für Spezialversicherer geworden. Wie es derzeit um den Markt solcher Prize-Indemnity-Versicherungen bestellt ist, erläutert Alexander Strehl, Geschäftsführer des Special Risk Consortium (SRC), im Exklusiv-Interview mit VWheute.
Immerhin sind Sportwetten zu einem echten Gewinnbringer geworden - allerdings nicht immer zum Vorteil der Versicherer. So haben sich allein die Wetteinsätze auf dem deutschen Sportwettenmarkt von 3,46 Mrd. Euro im Jahr 2012 auf 6,13 Mrd. Euro im Jahr 2016 verdoppelt. Sowohl Aktuare als auch Buchmacher kalkulieren den Beitrag, der nötig ist, um ein Risiko adäquat abzudecken. Inzwischen hat das Glücksspiel ein so großes Umsatzvolumen angenommen, dass Wettanbieter mögliche Verluste an Versicherer übertragen (siehe UNTERNEHMEN & MANAGEMENT).
Übrigens: Laut einer aktuellen Ipsos-Umfrage unter gut 12.000 Befragten in 27 Ländern glaubt fast jeder Vierte (23 Prozent), dass "Jogis Jungs" den Titel verteidigen können. Für 21 Prozent hat Brasilien die aussichtsreichsten Chancen auf den Titel, gefolgt von Spanien (elf Prozent), Argentinien (acht Prozent), Frankreich (vier Prozent), Portugal und England (jeweils drei Prozent) sowie Gastgeber Russland (zwei Prozent).
Bei allen Abwägungen und Unsicherheiten, die der Fußballsport jedoch mit sich bringt. Eines wusste jedoch bekanntlich schon der einstige Bundestrainer Sepp Herberger: "Der Ball ist rund. Ein Spiel dauert 90 Minuten. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel und das nächste Spiel ist immer das schwerste!". Oder kurz gesagt: "Fußball ist Fußball." (vwh/td/ak)
Lesen Sie mehr zum Thema "Weggeknickt, Missgeschick" auch in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Bildquelle: Tim Reckmann / PIXELIO (www.pixelio.de)
Grafikquellen: Statista
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