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Abgezockt: Welche Folgen hat das Glückspiel für Versicherer?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Sowohl Aktuare als auch Buchmacher kalkulieren den Beitrag, der nötig ist, um ein Risiko adäquat abzudecken. Inzwischen hat das Glücksspiel ein so großes Umsatzvolumen angenommen, dass Wettanbieter mögliche Verluste an Versicherer übertragen. Allein die Wetteinsätze auf dem deutschen Sportwettenmarkt haben sich 2012 von 3,46 Mrd. auf 6,13 Mrd. Euro im Jahr 2016 verdoppelt.
"Ihre Wette in sicheren Händen" – Titan Oliver Kahn wirbt flächendeckend für den größten Wettanbieter in Deutschland. Tipico hat eine Sponsoring-Partnerschaft mit dem FC Bayern München, Hamburger SV und RB Leipzig und ist seit Januar 2018 gar offizieller Partner der Deutschen Fußball Liga (DFL). Wie kann man da als Sportfan nicht in Versuchung geraten, vermeintlich schnelles Geld mit Toren zu verdienen.
Tipicos Mehrheitseigentümer ist seit 2016 die Private-Equity-Firma CVC Capital Partners, geleitet von Alexander Dibelius, früherer Deutschlandchef von Goldman Sachs. Über 750 Geschäftsstellen hat der Marktführer in Deutschland. Doch die Branche boomt vor allem dank des leichten Zugangs zu Sportwetten im Internet. Der Online-Anteil am Glücksspielmarkt in der EU liegt bei 15 Prozent, in Deutschland bei 16 Prozent.
Davon entfallen jedoch 87 Prozent auf den nicht-regulierten und damit illegalen Markt, so eine Studie des Handelsblatt Research Institute. Der Anteil des Online-Glücksspiels am Gesamtmarkt hat sich von 5,7 Prozent auf 10,6 Prozent nahezu verdoppelt. Die Hälfte des globalen Online-Marktes entfällt auf Europa – nicht zuletzt, weil europäische Staaten dieses Marktsegment zunehmend liberalisieren.
Die Wetteinsätze auf dem deutschen Sportwettenmarkt haben sich 2012 von 3,46 Mrd. auf 6,13 Mrd. Euro im Jahr 2016 verdoppelt. Damit ist aber auch das Volumen der illegalen Wettbörsen, die vor allem in Asien zu finden sind, stark gestiegen. Schätzungen zufolge fließen weltweit rund 500 Mrd. Euro in Sportwetten, davon sind etwa 80 Prozent illegal. Das legale Wettgeschäft ist hingegen in Großbritannien weit verbreitet.

Ursprung im 18. Jahrhundert in allen britischen Gesellschaftsschichten

Im 18. Jahrhundert hatte sich das organisierte Glücksspiel in allen britischen Gesellschaftsschichten etabliert. Es reichte von den Wetten und Würfelspielen der kleinen Leute in den Tavernen über das Wetten auf Pferderennen bis zum Nächte währenden Whist-Kartenspiel edler Herren in Londoner Clubs wie White’s, wo der Duke of Wellington in einer einzigen Nacht einmal 100.000 Pfund durchgebracht haben soll.
Im 19. Jahrhundert soll ein Adliger sogar sein ganzes Vermögen verspielt haben, als er darauf wettete, dass "seine" Regentropfen schneller die Fensterscheibe hinunterliefen als die von seinem Gegenspieler. Der auf das Jahr 1892 zurückgehende Gaming Act hatte das Wettgeschäft im Bezug auf Pferde- und Greyhoundrennen verstaatlicht. Bis 1960 lag es in der Hand des Totalisator
Board, jedoch tummelten sich im verborgenen zahlreiche Buchmacher in der Illegalität. Der 1960 eingeführte Betting and Gaming Act gestattete dem Wirtschaftszweig die Rückkehr ans Tageslicht, freilich um den Preis einer neunprozentigen "betting tax" auf die Wetteinsätze.

Welche Rolle spielen die Versicherer?

Zwischen Wettgeschäften und Versicheren existieren einige wirtschaftliche Bezüge. Spielcasinos können sich wie alle Firmen gegen Betriebsunterbrechung versichern, z.B. solche aufgrund von Naturkatastrophen. Unter Event Cancellation (Ereignisausfall) Policen deckt die Assekuranz ferner das Milliardenrisiko, dass olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften nicht ausgetragen werden könnten. Im Bereich contingency versichert der Londoner Markt prize indemnity risk, etwa dass anlässlich eines Preisausschreibens wesentlich mehr als budgetiert ausgezahlt werden müsste.
Wesentlich ambitionierter als die geschilderten punktartigen Risikoverlagerungen ist es, wenn ein Glücksspielbetreiber gleich wesentliche Teile seines unternehmerischen Risikos an die Assekuranz oder die Kapitalmärkte weiterreicht. 2017 entschied sich die in Gibraltar ansässige Glücksspielfirma Lottoland Holdings Limited sich einen eigenen lokalen Versicherer zuzulegen, die Fortuna Insurance PCC Limited. Wie die Bezeichnung "PCC" andeutet, ist dies eine protected cell company, innerhalb derer mehrere rechtlich voneinander abgeschottete Profit Centers nebeneinander existieren können.
Erste Transaktion ist die Übertragung von Wett- und Lotto-Spitzenrisiken von der Wettgesellschaft der Gruppe auf ihren Versicherer, insbesondere was besonders große Auszahlungen "Jackpots" angeht. Vom gruppeneigenen, an Solvency II gebundenen Versicherer können die transformierten Risiken dann an Rückversicherer oder auch via ILS-Konstrukte an die Kapitalmärkte weitergereicht werden. Die gegenwärtige Lottoland-Deckung scheint eine Maximalhaftung auf Schadenexcedenten- oder Stop Loss Basis von 120 Mio. Pfund für einen zweijährigen Zeitraum vorzusehen. Die Protected Cell Struktur würde es gestatten, mehrere Programme dieser Art parallel zu einander laufen zu lassen. Die Platzierbarkeit der Risiken, insbesondere im ILS-Markt, setzt deren Modellierbarkeit voraus.
Unklar nach wie vor, warum die Börse Wettkonzerne viel höher bewertet als solche der Assekuranz. Es scheint als ob das Wettgeschäft weniger großen Ergebnisschwankungen ausgesetzt ist als das der Assekuranz. Immerhin fehlt Wettbüros das Exposure bezüglich einer möglichen negativen Spätschadenentwicklung. (cpt/dg)
Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Bildquelle: Elke Hannmann / PIXELIO (www.pixelio.de)
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