Märkte & Vertrieb

Cybercrime: Die fiesen Tricks der Gangster

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Ladungsdiebstähle werden heute längst nicht mehr vor Ort praktiziert, sondern die Ware wird professionell auch mithilfe des Internets "umgeleitet". Ob Sabotage, Erpressung, Betrug oder Diebstahl - Wirtschaftskriminelle sind im Zuge der Digitalisierung für deutsche Unternehmen zu einem enormen Risiko geworden. Die Folgen hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in einem Fachgespräch beleuchtet.
Für die Transportversicherer ist der gewerbsmäßige Diebstahl ganzer Ladungen von Lkw zu einem echten Problem geworden, wie Sven Töpffer, Vorsitzender der GDV-AG Schadenverhütung und Logistikexperte, betonte. Allein 2016 mussten sie rund 300 Mio. Euro dafür bezahlen. Der tatsächliche Schaden belief sich auf 1,3 Mrd. Euro, wobei er eine hohe Dunkelziffer vermutet. Rechnet man noch Folgeschäden hinzu wie der Reputation kommt man auf geschätzte 2,2 Mrd. Euro.

Schattenwirtschaft Ladungsdiebstahl

Anders als früher sind alle Arten von Waren betroffen. Und die Täter nutzen zunehmend das Internet, um an die notwendigen Daten kommen. Instrumente wie Frachtbörsen, die Weitergabe von Aufträgen an Subunternehmer und die damit einhergehende Anonymität innerhalb der Logistikbranche fördern das "Geschäftsmodell" der Ladungsdiebe, die mittlerweile eine regelrechte Schattenwirtschaft damit betreiben, wie Töpffer es nannte.
Diebe müssten entsprechend nicht mehr das Fahrzeuge bestehlen, sie sichern sich einfach den Frachtauftrag, leiten die Ware um und verkaufen sie im Internet weiter. Abhilfe würden nur entsprechende Sicherheitskonzepte der Unternehmen schaffen, mehr Sorgfalt bei der Wahl des Spediteurs, Kontrolle der Schnittstellen sowie mehr Öffentlichkeit für das Problem. Auch die Politik könne einen Anteil leisten, indem zum Beispiel eine polizeiliche Statistik über Ladungsdiebstähle eingeführt wird.

Wenn brave Buchhalter Geld verbrennen

Einige der aktuellen Tricks von kriminellen Hackern stellte Rüdiger Kirsch, Vorsitzender der GDV-AG Vertrauensschadenversicherung, vor. Seit etwa zwei Jahren verfolge man die Masche des "Fake President", bei dem sich ein Hacker als falscher Manager ausgibt und Mitarbeiter von Unternehmen – oft Buchhalter – per Mail auffordert, unter absoluter Geheimhaltung größere Geldsummen in imaginäre Geschäfte zu transferieren.
Ein Mix aus Schmeicheleien und Druck sowie das Beharren darauf, nicht etwa den Finanzvorstand einzubeziehen, sorge laut Kirsch dafür, dass rechtschaffene Mitarbeiter sich auf diesen unsinnigen Deal einlassen. Denn der Schaden ist enorm: Immerhin erbeuteten die Täter mit der sogenannten Fake-President-Masche erbeuteten Täter allein in den vergangenen zwei Jahren über 150 Mio. Euro. Rund 50 solcher Fälle sind dem GDV in den letzten zwei Jahren gemeldet worden. Zum Vergleich: Allein im Jahr 2016 registrierte das Bundeskriminalamt (BKA) schon fast 350 solcher Fälle. 2013 waren es lediglich vier.

Das Geld ist weg

Er beschreibt Kirsch am Beispiel eines Mittelständlers mit 120 Mio. Euro Bilanzsumme, der im Laufe von zwei Wochen auf diese Weise mehrere Millionen Euro nach Singapur und China transferierte. "Dahinter stehen straff organisierte Organisationen, die das Geld sofort weiterverteilen. Es ist damit unwiederbringlich weg", beschreibt Kirsch dieses Horrorszenario. Noch perfider seien Methoden, bei dem noch ein vermeintlicher ITler des Unternehmens eingeschaltet wird, der den betroffenen Mitarbeiter damit beruhigt, dass man alles im Griff habe.
Beliebte Betrugsszenarien seien zudem "Payment Diversion", bei dem angebliche Geschäftspartner neue Bankverbindungen für Zahlungen mitteilen, und "Fake Identity Fraud". Hier werden von scheinbar seriösen Geschäftspartnern Lieferungen bestellt, die allerdings an eine abweichende Adresse geliefert werden sollen. Beim eigentlichen Geschäftspartner kommt die Lieferung nie an. !Bevor der Betrug auffällt, sind die Lager der Betrüger längst leergeräumt", so der GDV-Mann. Eine gehörige Portion Misstrauen und ein guter, alter Anruf an die Telefonnummer des eigentlichen Geschäftspartners könnten hier viel Ärger und Schaden ersparen, ist Kirsch überzeugt.

Cyberangriffe unbedingt zur Anzeige bringen

Die Sicht der Strafverfolgung schilderte Markus Hartmann, der in Köln eine zentrale Ansprechstelle für Cybercrime für das Bundesland Nordrhein-Westfalen leitet. Der Oberstaatsanwalt betonte, dass eine Vielzahl von Branchen existenziell bedroht seien durch Cyber-Angriffe. Wie groß die Bedrohung ist zeige das Ergebnis einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom vom Herbst vergangenen Jahres, nach dem mehr als drei Viertel der befragten Unternehmen bereits angegriffen worden sind.
Bitkom spricht in dem Zusammenhang von 110 Mrd. Euro Schäden in den Jahren 2016 und 2017. Daher stehe seine und bundesweit viele weitere Landesbehörden vor allem Großunternehmen und wichtigen Organisationen rund um die Uhr zur Verfügung, falls ein Angriff vermutet wird. Er appellierte an alle betroffenen Unternehmen – auch kleine Handwerksbetriebe – Cyberangriffe auf jeden Fall zur Anzeige zu bringen.
Dafür stünde auch die Polizei zur Verfügung. "Nur so lernt die Strafverfolgung welche Trends es gibt und kann dafür sorgen, dass Cybercrime dank erfolgreicher Strafverfolgung weniger lohnend als bisher ist", mahnt er. Zudem stünden Opfer, die sich nicht wehren, auf der Liste der Gangster ganz weit oben. (epo)
Bildquelle Teaser: Tim Reckmann / PIXELIO (www.pixelio.de)
Bildquelle: epo
GDV · Cyberkriminalität
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