07.06.2018Köpfe & Positionen

Blockchain: "Viele Ideen, aber noch keine Gewinner"

Von Maximilian VolzVW heute
Das viele Versicherer mittlerweile auch Blockchain-Technologie setzen, ist bekannt. Allerdings: "Die Technologie steckt noch in den Kinderschuhen", konstatiert Rupert Schäfer, Managing Partner bei der Nunatak Group, im Exklusiv-Interview mit VWheute. Zwar gebe es "viele kreative Ideen, aber es lassen sich noch keine wirklichen Gewinner erkennen."
VWheute: Erklären Sie doch bitte in wenigen Worten, wie die Blockchain funktioniert und warum gerade Versicherer davon profitieren können.
Rupert Schäfer: Die Blockchain ist eine Datenbank, die aus einer Kette (Chain) von Datenblöcken (Blocks) besteht. Gehen zwei Parteien eine Transaktion ein, etwa eine Geldüberweisung oder einen Vertrag, wird diese in einem P2P-Netzwerk bekannt gemacht, validiert und in einem Block dokumentiert. Das bedeutet, jede Transaktion liegt in tausendfacher Kopie auf Computern rund um den Globus. Gespeichert sind diese Kopien sowohl auf Privatcomputern als auch auf Businessservern.
Wird eine neue Transaktion an einem Rechner eingetragen, erscheint dieser Posten auch als Block auf allen anderen Computern des Netzwerkes. Der neue Block wird zu einer unzerstörbaren Kette aus Blöcken hinzugefügt und die Transaktion zwischen A und B ist damit abgeschlossen. Durch die Verkettung und redundante Datenspeicherung bietet eine Blockchain eine hohe Systemsicherheit und Transparenz - sie ist nahezu fälschungssicher. So können Transaktionen auf eine völlig neue Art und Weise durchgeführt und dezentral verwaltet werden. Unterschiedliche Geschäftsprozesse können damit deutlich effizienter gestaltet und Zeit und Kosten gespart werden.
Für Versicherer sind auf Blockchain-Basis insbesondere Smart-Contract-Anwendungen interessant. Die vertraglich definierten Geschäftsprozesse werden dabei softwarebasiert und unveränderbar in einer Blockchain hinterlegt. Sobald vordefinierte Bedingungen erfüllt sind, werden bestimmte Funktionen automatisch ausgeführt. Axa hat beispielsweise mit der Fizzy-Versicherung ein erstes Blockchain-Produkt für Flugverspätungen auf den Markt gebracht. Basierend auf einem Smart Contract funktioniert der Abschluss bis zur Auszahlung im Schadensfall vollständig automatisiert.
VWheute: Seit Jahren hört man vom "gigantischen Wachstumsmarkt" Blockchain, wann wird es konkret werden?
Rupert Schäfer: Wir sind erst in der Anfangsphase für konkrete Blockchain-Anwendungen. Die Technologie steckt noch in den Kinderschuhen. Erste Blockchain-Pilotanwendungen zeigen bereits Potenziale die Versicherungs- und Finanzindustrie zu revolutionieren und mehr Transparenz und Effizienz zu schaffen. So zum Beispiel die American International Group (AIG) oder das B3i Blockchain-Versicherungskonsortium.
Die aktuelle Blockchain-Welt erinnert ein wenig an das Internet im Jahr 1995. Es gibt viele kreative Ideen, aber es lassen sich noch keine wirklichen Gewinner erkennen. Entscheidend werden dabei auch Industriestandards sein, die sich zunehmend in Konsortien und unternehmensübergreifenden Kooperationen bilden. Neben dem Einsatz von Kryptowährungen, gibt es aktuell jedoch wenige Blockchain-Anwendungen, die bereits im Alltag angekommen sind. Es wird sicherlich noch einige Jahre dauern bis Blockchainanwendungen in der breiten Öffentlichkeit im Einsatz sind.
VWheute: Viele Versicherer sehen wenig Nutzen durch Smart Contracts in ihrer Arbeit, geben Sie denen doch einmal Gegenbeispiele.
Rupert Schäfer: Die wesentlichen Vorteile von Smart Contracts liegen in ihrer Transparenz, Sicherheit, Schnelligkeit und Flexibilität. Genau in diesen Punkten gibt es bei Versicherungen Verbesserungsbedarf. Sicherlich stellt die Implementierung einer neuen Technologie Versicherungsunternehmen auch vor fachliche und technologische Herausforderungen. Versicherungen müssen lernen neu zu denken. Sie sollten sich mit Partnern, beispielsweise aus der Logistik oder der IoT-Branche, zusammenschließen, um innovative Produkte zu entwickeln.
Trotz berechtigter Fragen zu Industriestandards, gesetzlichen Rahmenbedingungen oder den regulatorischen Herausforderungen, experimentiert nahezu jede große Versicherung mit Blockchain und Smart Contracts. Hier ein paar Beispiele: Die Allianz versucht gerade Katastrophen-Swaps und -Anleihen sowie Captives mithilfe blockchainbasierter Smart Contracts zu automatisieren. In Kooperation mit ubirch experimentierte die Arag mit Luftsensoren und einer Smart-Contract-Versicherung gegen die Verschlechterung der Luftqualität.
Maersk hat bereits erfolgreich blockchainbasierte Transportversicherungen im Schifffahrtsbereich getestet und plant eine großflächige Umsetzung. Zudem werden im Rahmen der im Frühjahr 2018 u. a. von der Allianz, Generali, Munich Re und Swiss Re gegründeten B3i Services AG, schon bald erste gemeinsame blockchainbasierte Versicherungslösungen erwartet.
VWheute: Wie wird sich BC in den nächsten Jahren auf dem deutschen Versicherungsmarkt entwickeln, was werden die konkreten Folgen sein?
Rupert Schäfer: Blockchain bietet für Versicherer eine Vielzahl von Chancen. Das Wachstum in etablierten Märkten wird immer schwerer und niedrige Zinsen setzen die Margen unter Druck. Neue, blockchainbasierte Produkte ermöglichen eine transparentere Preisgestaltung und durch Automatisierung und Dezentralisierung können Verwaltungskosten erheblich reduziert werden. Die großen Versicherer haben diese Chancen erkannt und investieren bereits in den Aufbau von internem Know-How, sowie in einzelne Blockchain-Anwendungen.
Wir gehen davon aus, dass wir hier in Zukunft noch deutlich mehr und höhere Investments sehen werden. Blockchain könnte schon in naher Zukunft zum Betriebssystem vieler Versicherungslösungen werden. Die vorstellbaren Anwendungsgebiete sind vielfältig und die Möglichkeiten grenzenlos.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.
Bild: Rupert Schäfer ist Managing Partner bei The Nunatak Group. (Quelle: Nunatak)
Blockchain · Rupert Schäfer
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