Märkte & Vertrieb

Weltkongress der Aktuare im Licht von Innovation

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Ein Kongress über Risiken und Chancen nicht nur in der Versicherungsbranche: Wenn sich in Zukunft Menschen selbst reparieren können, berät der moderne Aktuar auch globale Digitalkonzerne. Bildung und Attraktivität des Berufsbildes zählen. Nach 50 Jahren findet ein Weltkongress der Aktuare wieder in Deutschland statt. Berlin ist der richtige Ort für diese Veranstaltung.
"Innovation 'Made in Berlin' schafft Jobs und forciert Innovation", konstatiert Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen zur Eröffnung. Das passt doch. Rund 2.100 internationale Gäste nehmen im wichtigsten Event der Versicherungsmathematiker in diesem Jahr teil. Sie erwartet ein federführend von der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) perfekt inszeniertes Programm mit über 300 Präsentationen und zahlreichen Möglichkeiten, sich zu vernetzen und die Hauptstadt zu entdecken. Wer es nicht ins Estrel Convention Center geschafft hat, kann die meisten Inhalte auch aus dem Büro, in der Uni oder von zuhause in der "Virtual ICA" verfolgen.

Was kommt nach der Digitalisierung?

Den Anspruch der Vereinigung macht DAV-Präsident Roland Weber klar: "Wir sind das Rückgrat der modernen Versicherungsbranche". Modernisierung in Form von allgegenwärtiger Digitalisierung macht allerdings auch nicht vor Aktuaren halt. "Solvency II war eine Job-Maschine für uns", so Weber. Ob ein weiteres regulatorisches Thema mit diesen Dimensionen kommt, bleibt offen. 5.200 Mitglieder zählt der deutsche Verband, der Teil der internationalen International Actuarial Association (IAA) ist.
Weber ist sich sicher: "Ich teile nicht die Befürchtung, dass 50 bis 70 Prozent der Versicherungsjobs durch Digitalisierung entfallen werden." Auf die richtige Orientierung komme es an. Weil reine Algorithmen natürlich zunehmend von Computern umgesetzt werden können, sieht sich der Berufsstand in Zukunft immer stärker auch als Produktdesigner und Partner für Risikomanagement in Startups und etablierten Konzernen. "Wenn Computer stärker Routineaufgaben übernehmen, bleibt eben mehr Zeit zur Entwicklung von Konzepten und Ideen." Zum Beispiel, um reine Digital-Companies bei Risikomanagement-Aufgaben zu unterstützen.

Brücke zwischen Forschung und Praxis

Die Wurzeln, die in den 1890ern für den Berufsstand der Aktuare hierzulande gelegt wurden, lassen sich auf die Gothaer Lebensversicherung zurückführen, freut sich IAA-Präsident Masaaki Yoshimura. Der Japaner begrüßt die Gäste in deutsch. Er umreißt die Herausforderung, eine Brücke zwischen Forschung und Praxis zu bauen, um künftig Unsicherheiten und Risiken noch treffender einzuschätzen.

Nur die Anhebung des Rentenalters hilft wirklich

Jemand, der das in einem der Eröffnungsvorträge vortrefflich schafft: Winfried Heinen, Chairman der Gen Re: "Deutschland schneidet im Mercer Global Pension Index – wie die übrigen drei führenden Ökonomien – nur im Mittelfeld bei ihren Rentensystemen ab." Spitzenreiter ist Dänemark. Wo sind die Stellschrauben? Mortalität und Geburtenrate als Hebel wirken nur schwach. Migration hilft uns ungemein – und eine Abschottung würde Deutschland nicht wünschenswerte japanische Verhältnisse bescheren.
Aber, so Heinen: "Der einzige Hebel, der wirklich greift: Ein Anheben des Rentenalters."Bei gleichzeitigem Engagement für einen möglichst hohen Anteil aktiv Erwerbstätiger in dieser Altersgruppe. Politisch vermutlich schwer zu vermitteln. Das chilenische Rentensystem mit seinen marktorientierten Elementen – und dem damit verbundenen Risiko, im Renteneintrittsalter bei schlecht performenden Märkten die Bevölkerung auf die Barrikaden zu bringen – präsentiert Heinen, als hätte er es mitentwickelt.
Glaubt man den Prognosen von Aubrey de Grey, einem in Cambridge lebender britischer Bioinformatiker und theoretischer Biogerontologe, ist Langlebigkeit künftig nahezu unendlich dehnbar. In einem Filmbeitrag macht er klar: "Life expectancy has no limit.“

Risikomanagement ist Teil der Unternehmenskultur

Tom Wilson, Chief Risk Officer der Allianz SE und Buchautor, setzt für die Zukunft auf einen holistischeren Blick im Capital Management: "From Modeling to creating value" ist sein Credo. Er unterteilt seine Sichtweise in drei Perspektiven: Die Rolle von Kapital bei der Schaffung von Werten, dem Management von Kapital und Werten und der damit vernetzten Rolle von Risiken. Risikomanagement sei mehr ein kultureller Aspekt in einem Unternehmen, damit eben auch eine Kernfunktion.

Attraktive Vorsorgemodelle sind möglich

Alf Neumann, Vorsitzender des DAV-Lebensversicherungsausschusses, hält auch im Niedrigzinsumfeld attraktive Altersvorsorgemodell für möglich. Für die Lebensversicherer sieht er keine dramatischen Warnsignale, appelliert aber, das Sparverhalten der Kunden stärker zu unterstützen. Dafür sei Transparenz erforderlich. "Altersvorsorge muss für den Einzelnen aber Planungssicherheit bieten."
Aktuare unterstützen deshalb die Initiative des BMAS für eine säulenübergreifende Renteninformation. Sie sehen sich als Bindeglied zwischen Versorgungsberechtigten und Versicherern. Bekanntermaßen nehmen Aktuare diese Schlüsselposition auf der Produktseite ein, indem sie bei der Konzeption von Produkten helfen und Basisinformationen wie z.B. Sterbetafeln bereitstellen. Auf Unternehmensseite geben sie Empfehlungen zur Überschussverwendung und informieren im Bedarfsfall Aufsichtsorgane.

Mathematiker mit Markt- und Produktverständnis gesucht

Bei diesem Einfluss ist es ein besonderes Anliegen für den DAV, den Begriff "Aktuar" in der deutschen Öffentlichkeit bekannter und populärer zu machen. Der Arbeitsmarkt sei leergefegt, talentierte Jungakademiker mit mathematischem Hintergrund müssten stärker angesprochen und für die Chancen begeistert werden. (Sascha Schulz)
Bild: IAA-Präsident Masaaki Yoshimura und DAV-Präsident Roland Weber am Stand der VVW GmbH. (Quelle: Sascha Schulz)
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