05.06.2018Schlaglicht

"Für die Risiken eines Handelskrieges sind Versicherungen nicht konzipiert"

Von David GorrVW heute
Im Streit über Strafzölle formiert sich ein weltweiter Widerstand gegen die Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump. AIG-Manager Christian Vollbehr, Head of Trade Credit North Europe, erklärt im Interview, wie Kreditversicherer von Strafzöllen betroffen sind und warum er keinen bilateralen Handelskrieg zwischen den USA und China erwartet. Gleichwohl rechnet er mit Preissteigerungen.
VWheute: Nach Jahrzehnten des ausgeweiteten Freihandels erleben wir eine globale Renaissance des Protektionismus. Dennoch ist dieser Freihandel nie fair abgelaufen. Ist Donald Trumps Schritt nicht nachvollziehbar? Schließlich profitiert China vom Freihandel, aber schottet seinen eigenen Markt für ausländische Unternehmen ab.
Christian Vollbehr: Um die Frage nach einer Nachvollziehbarkeit von Trumps Aktivitäten besser einordnen zukönnen, hilft ein Blick auf die Fakten. Dabei ist besonders eines klar heraus zu stellen: Einen bilateralen Handelskrieg zwischen den USA und China allein wird es nicht geben – die globale Wirtschaft ist längst zu stark vernetzt. Das heißt aber gleichermaßen, dass sich auch Deutschland und Europaden potenziellen Gefahren eines Handelskrieges nicht entziehen können, ist der Stellenwert beider Länder für diedeutsche Wirtschaft doch überaus bedeutsam; die USA mit 112 Mrd. Euro und China mit 86 Mrd. Euro sind unsere Exportmärkte eins und drei.
Die Weltbank schätzt den Anteildes Handels in China  auf 37 Prozent, in den USA dagegen nur auf 27 Prozent. Das heißt, dass China bei einem Handelskrieg deutlich mehr zu verlieren hätte, als die USA. Somit besteht die reale Gefahr, dass es zu einem „Wie du mir, so ich dir“-Spiel kommt, welches sich gefährlich hochschaukeln könnte.
Es gilt sich jedoch vor Augen zu halten, dass die von Donald Trump eingeführten Zölle nicht die einzige Bedrohung für den weltweiten Handel sind. So ist beispielsweise auch Monate nach dem Brexit-Referendum immer noch nicht klar, wie die zukünftigen Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und dem Rest Europas aussehen werden.
VWheute: Die Eskalationsspirale im Handelsstreit dreht sich immer weiter. Welche Auswirkungen hat das auf die Versicherungswirtschaft, insbesondere Kreditversicherer?
Christian Vollbehr: Es ist eine logische Konsequenz: In unsicheren Zeiten steigt das Interesse an der Absicherung von Risiken. Das gilt insbesondere für international tätige Unternehmen, die sich den Zugang zum Welthandel über viele Jahrzehnte erarbeitet haben und nicht selten den Großteil ihrer Umsatztätigkeit und der Gewinne im Ausland erwirtschaften. Wachsende Handelshemmnisse und sich ungünstig verändernde Rahmenbedingungen beeinflussen die Planungssicherheit. Das gilt letztendlich auch für die Versicherungsbranche, die zu versichernde Risiken auf der Basis vorhandener Informationen auswertet. Die Bereitschaft der Versicherer kalkulierbare Risiken abzunehmen, ist ein bewährtes Geschäftsmodell.
Für unkontrollierbare Risiken jedoch – beispielsweise ausgelöst durch einen globalen Handelskrieg – sind die meisten Versicherungsprogramme nicht konzipiert. Halten also Verwerfungen wie während einer Depression länger an, wären rapide steigende Schadensvolumina die zu erwartende Folge.Derartige Szenarien können zwar über Modelle simuliert werden; de facto wird es dennoch zu einer Preissteigerung für das entsprechende Risiko kommen. In der klassischen Kreditversicherung, die Unternehmen vor Forderungsausfällen schützt, obliegt es nach wie vor dem Versicherer, im Laufe einer Versicherungsperiode Anpassungen an ein sich veränderndes Umfeld vorzunehmen. Das heißt im Klartext:
Eingeräumte Kreditlimite für Abnehmer können somit einseitig reduziert oder gar komplett gestrichen werden, wenn zu erwarten ist, dass sich das Risiko verschlechtert. Bestes Beispiel, zu welch tiefgreifenden Eingriffen solche größeren Krisenszenarien bei Unternehmen führen können, zeigt die Finanzkrise 2008/2009 anschaulich.
VWheute: Warenkreditversicherer als Risikoträger für internationale Handelsströme zeichnen ein lukratives Geschäft. Gleichwohl gilt der Markt als anspruchsvoll und hochkompetitiv. Wie geht es der Sparte aktuell?
Christian Vollbehr: Die Kreditversicherungsbranche, geprägt durch eine geringe Zahl von Anbietern, hat sich nach der globalen Finanzkrise wieder erholen können. Schadenquoten von über 100 Prozent als Folge der Krise liegen mittlerweile bald 10 Jahre zurück – heute werden wieder regelmäßig Erträge an die Aktionäre ausgeschüttet. Mit einer "Combined ratio" von unter 70 Prozent lässt sich der Eindruck gewinnen, dass es sich als Kreditversicherer zum jetzigen Zeitpunkt gut lebt, doch ist herauszustellen, dass solche Phasen unbedingt notwendig sind, um als Versicherer für eine erneut kommende Krise ausreichend gewappnet zu sein.
Unabhängig davon bleibt allerdings abzuwarten, welche Konsequenzen der Schereneffekt – bedingt durch den seit Jahren anhaltenden harten Preiskampf in der Kreditversicherungsbranche bei rasant wachsendem Zeichnungsvolumen – mit sich bringen wird.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.
Lesen Sie das vollständige Interview in der aktuellen Juni-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Bildquelle: AIG
AIG · Kreditversicherer · Donald Trump
David Gorr
David Gorr
Redakteur