04.06.2018Köpfe & Positionen

Solvency II: "Konjunkturprogramm für den Aktuarberuf"

Von Maximilian VolzVW heute
Wenn die Versicherungsmathematiker heute zum 31. Weltkongress in Berlin zusammenkommen, geht es auch um die aktuellen Umbrüche in der Branche. Besonders Solvency II hat sich als "Konjunkturprogramm für den Aktuarberuf" erwiesen, betont Klaus Heubeck, Cheforganisator des ICA 2018, im Exklusiv-Interview mit VWheute.
Hinweis: Den Kongress können Sie auch live im Internet verfolgen.
VWheute: Was können Aktuare vom ICA mitnehmen, was bringt eine solche Veranstaltung?
Ein Weltkongress ist für die Teilnehmer eine einmalige Möglichkeit, über den nationalen Tellerrand zu blicken und von den Erfahrungen der internationalen Kollegen zu lernen. Schließlich erwarten wir in Berlin rund 2.750 Experten aus der Versicherungs- und Finanzindustrie und aus der Wissenschaft.
So viel aktuarielles Know-how kam nie zuvor in der 123-jährigen Geschichte der Weltkongresse an einem Ort zusammen Von daher werden vom ICA 2018 zweifellos zahlreiche Impulse auch für das gesamte Versicherungswesen ausgehen, und das sowohl für die private und betriebliche Altersvorsorge als auch den Krankenversicherungsbereich und die Schaden- sowie Unfallversicherung.
VWheute: Herr Heubeck, Sie sind der Cheforganisator des ICA 2018, waren aber auch schon 1968 dabei. Holen Sie doch einmal aus, was hat sich geändert – oder anders gefragt: Ist noch irgendwas wie damals?
Den Kongress 1968 in München durfte ich, damals noch als Student, als Zaungast verfolgen. Er hat mich tief beeindruckt, meine spätere Berufswahl mit geprägt und mein Interesse insbesondere an internationalen beruflichen Kontakten und Aktivitäten geweckt.
Das Zusammentreffen von Aktuaren – damals hießen wir im deutschsprachigen Raum noch Versicherungsmathematiker – aus der Wissenschaft und aus der Praxis, die vielfältigen Arbeiten und Diskussionen von und unter Berufskollegen aus vielen Ländern waren für mich äußerst anregend und bereichernd. Diese positiven Erfahren bestätigten sich in einigen der folgenden ICA.
Als der Vorstand der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) mir vorschlug, mich um die Vorbereitungen des ICA 2018 in Berlin mit zu kümmern, habe ich gerne zugesagt. Der kommende Kongress wurde in allen Einzelheiten vorbereitet von annährend 200 ehrenamtlich tätigen Aktuaren, vorwiegend Mitgliedern der DAV und der Deutschen Gesellschaft für Versicherungs- und Finanzmathematik (DGVFM), unserer für die wissenschaftliche Seite des Aktuarberufs zuständigen Vereinigung. Er soll und wird seinen Teilnehmern ein hochkarätiges und aktuelles Programm bieten.
In mehr als 300 Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen werden sie Gelegenheit nicht nur zur Weiterbildung, sondern auch zum Kennenlernen und Austausch auf internationaler Ebene haben. Eine erstmals in einen ICA integrierte virtuelle Plattform erlaubt auch den Aktuaren ein Dabeisein, die nicht nach Berlin kommen können.
VWheute:Was war die größte Umstellung in der Arbeit der Aktuare in den letzten 50 Jahren – und was wird kommen?
In den vergangenen 50 Jahren hat sich viel getan, das zeigt sich schon in den Schwerpunktthemen der Kongresse. Generell kann man sagen, dass sich mit einer Verbesserung der statistischen Verfahren und der Computertechnik auch die Möglichkeiten zur Einschätzung von Risiken und deren künftiger Bewältigung enorm gestiegen sind.
Aus dem vorwiegend in der Lebensversicherung tätigen Versicherungsmathematiker früherer Jahre ist ein in unterschiedlichen Bereichen aktiver Aktuar geworden. Sie sind heute als Risikomanager, Finanzmathematiker oder Pensionsaktuar unter anderem gefordert, ein im versicherungstechnischen Sinne gerechtes, für alle Beteiligten tragbares Verhältnis zwischen Beiträgen und späteren Leistungen zu ermitteln.
Und ich gehe davon aus, dass er künftig neben den alljährlichen Berechnungen sehr viel mehr auch mit unterjährigen Berechnungen und Nachweisen, längerfristigen Risikountersuchungen, Finanzierbarkeitsnachweisen und Prognoserechnungen befasst sein wird. Die jetzt zum Kongress eingereichten Arbeiten machen deutlich: die Kenntnisse der Aktuare zum Management langfristiger Risiken lassen sich in allen Bereichen und Zweigen der Versicherungs- und Finanzindustrie einsetzen – zum Nutzen der Verbraucher und der Unternehmen.
VWheute: Wie verändern die ständigen regulatorischen Änderungen die Arbeit des Aktuars?
Erst einmal ist zu sagen, Solvency II war ein wahres Konjunkturprogramm für den Aktuarberuf. Denn durch die vielen neuen regulatorischen Vorschriften und die Schaffung bspw. der Versicherungsmathematischen Funktion hat sich der Bedarf an gut ausgebildeten Aktuaren in den vergangenen Jahren deutlich erhöht.
Dies zeigt sich auch in den Mitgliederzahlen der DAV. Während diese 2012 noch 3.800 Mitglieder zählte, sind es inzwischen 5.200. Und nicht zuletzt durch den neuen Rechnungslegungsstandard IFRS 17 wird dieser Boom so schnell auch nicht abbrechen.
Inhaltlich sind die Aktuare viel stärker als früher gefordert, ihre Ergebnisse und Einschätzungen allgemeinverständlicher zu formulieren, da die Solvency-II-Berichte nicht nur für die Aufsicht, sondern zum Teil auch für die interessierte Öffentlichkeit geschrieben werden. Dies stellt hohe Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit aller Beteiligten.
VWheute: Lassen Sie uns das Thema wechseln: Wird die Lebensversicherung als Produkt und die Unternehmen als solche Solvency II überleben?
Selbstverständlich werden die Unternehmen Solvency II überleben, dazu es ist ja gemacht worden. Nach Analysen der DAV hat das neue europäische Aufsichtsregime mit seinem risikoorientierten Ansatz in den vergangenen Jahren erheblich zur Stabilisierung vieler Versicherer in Europa beigetragen. Um diese positiven Entwicklungen nicht zu gefährden, sollten Änderungen im anstehenden Reviewprozess mit Augenmaß vorgenommen werden.
Ein Problem sehe ich allerdings darin, dass die Vielfalt des Lebensversicherungsmarktes, sowohl der Unternehmen wie auch der Produkte mehr und mehr verloren geht. Vor diesem Hintergrund plädiert die DAV unter anderem dafür, wie in der Einführungsphase von Solvency II wieder gesamthafte Auswirkungsstudien durchzuführen statt die angedachten Modifikationen nur isoliert voneinander zu betrachten. Dies könnte nach unserer Überzeugung zu unabsehbaren Verwerfungen auf dem Versicherungsmarkt führen.
Hiervon wäre speziell die deutsche Lebensversicherungswirtschaft betroffen, die mit ihren langfristigen Garantiezusagen und garantierten Rückkaufswerten sehr sensibel auf Änderungen der Berechnungslogik reagiert.
VWheute: Viele glauben, dass die bAV das nächste große Ding werden wird, wie hat sich diese Anlageform verändert und was kommt noch?
Die betriebliche Altersvorsorge hat als zweite Säule unseres Alterssicherungssystems eine ganz wichtige Funktion, und zwar als Ergänzung und inzwischen zum Teil auch als Ersatz für die gesetzliche Rentenversicherung, die immer größere Lücken lässt und weiter lassen wird. Von daher unterstützen die Aktuare auch die Einführung des Betriebsrentenstärkungsgesetzes, durch das sich hoffentlich die Verbreitung der bAV gerade in kleinen und mittleren Unternehmen sowie bei Geringverdienern erhöht.
Es ist bedauerlich, dass Viele das Gesetz ausschließlich auf die Einführung der reinen Beitragszusage – der Nahles-Rente – und den damit verbundenen Diskussionen um die Ausgestaltung von Garantieprodukten reduzieren. Es bietet einiges mehr, auch an Angebotsmöglichkeiten für Lebensversicherungsunternehmen, sofern sie den Weg über die dem Gesetz zugrundliegende Idee der Sozialpartnerschaft mitgehen können und wollen.
Insgesamt sehe ich die bAV jedoch weiter auf dem Weg zur Beitragszusage und vermisse auch beim Betriebsrentenstärkungsgesetz (erneut) das politische Gesamtkonzept, das für eine nachhaltige und ausreichende Altersvorsorge heißen müsste: Ergänzung der durch Umlagen (und Steuern) finanzierten gesetzlichen Rente durch eine auch steuerlich mit ausreichenden Kapitalbildungsmöglichkeiten finanzierbaren betrieblichen (und individuellen) Altersvorsorge.
VWheute: Was sind die größten Herausforderungen für Aktuare heute, was beeinflusst die Arbeit am meisten?
Als Aktuare werfen wir einen Blick in die Zukunft und versuchen, gestützt auf umfassende Statistiken aus der Vergangenheit, Wege zur Absicherung der finanziellen Risiken für die verschiedenen Lebensbereiche aufzuzeigen. Die Veränderungen in den Risiken erfordern neue Methoden, wie man mit ihnen umgeht.
Insbesondere die Verlängerung der Lebenserwartung hat uns jahrelang beschäftigt und beschäftigt uns weiter. Die erratische Entwicklung der Kapitalmärkte und die nun schon einige Jahre anhaltende Niedrigzinsphase sind nicht nur für die Versicherungswirtschaft, sondern insbesondere auch für uns Aktuare eine große Herausforderung.
Entsprechend sind wir gefordert, neue Berechnungen vorzunehmen oder neue Produkte zu entwickeln, die sich sowohl an den veränderten Kapitalmarktmöglichkeiten als auch am Sicherheitsbedürfnis der Verbraucher und der Unternehmen orientieren.
Und nach meiner Überzeugung ist dies mit der notwendigen Nachhaltigkeit (um ein Modewort zu gebrauchen) am besten über kollektive Versicherungslösungen möglich.
VWheute: Was kommt noch auf die Aktuare zu und wie kann die Aktuarvereinigung ihre Mitglieder dabei unterstützen?
Wir beobachten zunehmend, dass die Internationalisierung des Versicherungswesens sowie die Digitalisierung und Automatisierung der gesamten Wirtschaft das Berufsbild der Aktuare in Deutschland tiefgreifend verändern. Zahlreiche Standardprozesse werden künftig zweifellos von Algorithmen übernommen und die Aktuare werden zusammen mit Datenspezialisten interdisziplinäre Teams bilden. Damit wird die verbleibende Arbeit für die Aktuare komplexer.
Auf diese Herausforderungen reagiert auch die DAV. So wurde die Aktuar-Ausbildung Anfang 2018 grundlegend überarbeitet und erstmals das Fach Actuarial Data Science eingeführt, das sich mit Fragestellungen rund um Big Data, Machine Learning oder Cognitive Computing beschäftigt.
Zudem wird es bald eine neue Zusatzqualifikation zum Certified Actuarial Data Scientist (CADS) geben, die sich nicht nur an bereits ausgebildete Aktuare richtet, sondern auch an Quereinsteiger, die im Bereich Big Data im Versicherungswesen tätig sind. Ohnehin bietet die DAV ihren Mitgliedern bereits laufend aktualisierte Möglichkeiten zur Weiterbildung. Der ICA 2018 ist dafür eine weitere, hervorragende Gelegenheit.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.
Bild: Klaus Heubeck, Cheforganisator des ICA 2018 (Quelle: DAV)
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Maximilian Volz
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