04.06.2018Schlaglicht

Neue Symbiose zwischen Insurtechs und Versicherern?

Von VW-RedaktionVW heute
Versicherungs-Start-ups wachsen in den letzten Jahren fast wie Pilze aus dem Boden. Lange Zeit haben sich die etablierten Player schwer getan mit der neuen Digitalkonkurrenz. Mittlerweile machen sich die Versicherungskonzerne das digitale Know-how der Neulinge zunutze. Auf der heute beginnenden Insurtech Week Cologne sollen neue Projekte und Kooperationen zwischen der "Old Economy" und den Insurtechs angestoßen werden.
So hat sich die Zahl der Start-ups auf dem deutschen Insurtech-Markt in den letzten anderthalb Jahren nahezu verdoppelt. Dabei hat das Geschäftsmodell der neuen Player einen deutlichen Wandel erfahren. So setzten die Insurtechs der ersten Generation noch auf den digitalen Versicherungsordner. Dabei nahmen diese quasi die Rolle eines digitalen Maklers ein, der alle Policen – von Haftpflicht über Hausrat bis zur Berufsunfähigkeit – digital verwaltet und seinen Kunden den schnellen Zugriff auf ihre Verträge per Handy ermöglicht.
Allerdings ist bei manch Player heute Ernüchterung eingetreten: "Dieses Geschäftsmodell ist gecrasht", sagte Wefox-Gründer Julian Teicke bereits im vergangenen Jahr auf der Insurtech-Messe Innovario. Bekanntestes Beispiel dürfte der Versicherungsmakler Knip sein. Hatte das deutsch-schweizerische Unternehmen noch im Herbst 2015 rund 15 Mio. Franken als Startkapital erhalten, verloren die Finanzinvestoren Orange Growth Capital, Route66, Red Alpine oder QED, bald den Glauben daran, dass Knip in absehbarer Zeit profitabel arbeiten könnte.
Die Konsequenz: Im Juli 2017 fusionierte Knip mit dem niederländischen Technologieunternehmen Komparu. Unternehmensgründer Dennis Just ging infolgedessen von Bord und heuerte kurz darauf als Bereichsleiter zur Ergo Direkt.
Dass eine Marktbereinigung nicht unrealistisch ist, zeigte Ende 2017 auch eine Studie von Oliver Wyman und Policen Direkt. Während laut Studie Mitte 2016 noch 53 Insurtechs auf dem heimischen Markt unterwegs waren, waren es Ende 2017 bereits 109. Davon sind allein 41 Prozent im Vertriebsbereich aktiv, heißt es im "Insurtech-Radar 2017" der Unternehmensberatung Oliver Wyman und des Lebensversicherungsaufkäufers Policen Direkt.
"In der Versicherungswelt setzt sich nicht zwingend das beste Produkt durch, sondern meistens das mit der besten Kundenansprache", prognostizierte Nikolai Dördrechter, Geschäftsführer von Policen Direkt. "Bei der Kfz-Versicherung funktionieren digitale Vertriebsmodelle gut, weil solche Policen aktiv online gesucht und abgeschlossen werden. Viele Versicherungen werden aber vom Kunden weniger oder gar nicht aktiv nachgefragt. Da haben es die digitalen Vertriebsmodelle sehr viel schwerer", ergänzte Dietmar Kottmann, Partner bei Oliver Wyman.

Digitale Geschäftsprozesse statt digitaler Versicherungsordner

Daher konzentrieren sich die neuen Marktteilnehmer heute vielmehr auf unbesetzte Geschäftsfelder. Zudem haben digitale Assekuradeure, die kaum versicherungstechnisches Risiko tragen, die Vorteile volldigitaler Geschäftsmodelle genutzt, konstatierte jüngst die Smart InsurTech GmbH in einem Marktkommentar.
Ein weiterer Fokus der digitalen Neugründungen liegt dabei vor allem in der Optimierung von Geschäftsprozessen. Das Ziel: neue Methoden zur Digitalisierung der Versicherungswirtschaft zu entwickeln. Viele deutsche Versicherer sind mittlerweile auf den Zug aufgesprungen und suchen den Schulterschluss mit den aufstrebenden Akteuren.
So arbeiten beispielsweise die Ergo, VHV und Barmenia mit Wefox zusammen, die Axa mit Friendsurance, Knip und Get Safe und die Allianz und Munich Re mit Simplesurance. Der Münchener Rückversicherer ist besonders stark involviert und soll bei über 20 Insur- und Fintechs beteiligt sein.
Selbst Digitalgiganten wie Amazon nutzen die Geschäftsideen der digitalen Erfinder für ihre Zwecke. Jüngstes Beispiel ist der Einstieg des Online-Händlers beim indischen Insurtech Acko General Insurance mit einer Investitionssumme von zwölf Mio. US-Dollar (etwa 10,4 Mio. Euro).
Der heutige R+V-Vertriebsvorstand Jens Hasselbächer brachte dabei die Vorteile der Kooperationen treffend auf den Punkt: "Neue Marktteilnehmer erhöhen den Druck auf die etablierte Versicherungswirtschaft, und das ist auch gut so. Die Kunden werden davon profitieren. Startups und etablierte Versicherer können viel voneinander lernen und aneinander wachsen".

Welche Rolle spielen die Regtechs?

Eine noch junge Gruppe in der Familie der Insurtechs sind die sogenannten Regtechs. Diese sind vor dem Hintergrund der neuen regulatorischen Vorgaben wie Solvency II oder Mifid II "nachfrageorientiert entstanden und unterstützen Finanzinstitute bereits bei der effizienten Umsetzung von Richtlinien und anderen Vorschriften", erläutert Grzegorz Obszański in einem Blogbeitrag für die Versicherungsforen Leipzig.
So gebe es mittlerweile hunderte diese Start-ups, die sich zumeist an großen Finanzstandorten ansiedeln. Führend seien dabei Großbritannien, die USA oder Irland. Auch in der Schweiz gibt es bereits mehr als 30 Player. Deren Fokus liege dabei vor allem auf den Kerngebieten Aufsichtsrecht, Geldwäscherecht, Datenschutzrecht und IT-/Softwarerecht. Im Bankensektor sind Regtechs jedenfalls längst eine feste Größe und auch in der Assekuranz ist deren Potenzial enorm.

Neuer Rekord bei Insurtech-Investitionen

Kein Wunder also, dass die Investitionen in die Versicherungs-Start-ups immer neue Rekordhöhen erreichen. Allein in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres investierten (Rück-)Versicherer und Risikokapitalgeber in weltweit 66 Transaktionen insgesamt 724 Mio. US-Dollar Dies entspricht einem Anstieg von 16 Prozent gegenüber dem vierten Quartal 2017 und um 155 Prozent über dem Vorjahresquartal. Zu diesem Ergebnis komme das Insurtech Briefing der Beratungsgesellschaft Willis Towers Watson.
"Die Finanzierungsformen für Insurtechs verwischen zunehmend. Wurden die Startups früher noch entweder von etablierten (Rück-)Versicherern oder von traditionellem Risikokapital finanziert, so entstehen heute immer mehr hybride Investitionsmodelle", kommentiert Michael Klüttgens, Leiter der Versicherungsberatung von Willis Towers Watson in Deutschland.
"Etablierte Versicherungsunternehmen bevorzugen Minderheitsbeteiligungen an solchen Start-ups, die Technologien entwickeln, welche ihre eigenen kommerziellen Schmerzpunkte, einschließlich Vertriebskosten, Schadenbearbeitung und Underwriting, erleichtern", ergänzt der Experte.
Bereits im vergangenen Jahr haben die Versicherungskonzerne weltweit rund 2,3 Mrd. US-Dollar in Insurtechs investiert. Dabei wurden nach Angabenvon Willis Towers Watson allein 2017 insgesamt 120 Transaktionen durchgeführt. Dies entspricht einem deutlichen Anstieg von 14,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (2016: 105 Transaktionen).
Dabei haben sich Insurtechs auch in Deutschland mittlerweile als fester Bestandteil der Versicherungsbranche etabliert. Laut "InsurTech-Funding Studie 2017" von Finanzchef24 ist die Zahl der aktiven InsurTechs deutlich gestiegen - und zwar trotz sinkender Investitionen im Vergleich zum Vorjahr. Rund 74 Mio. Euro haben die deutschen Insurtechs im Jahr 2017 eingesammelt. 2016 waren es noc über 82 Mio. US-Dollar.

Wer gewinnt die Wette?

Einige Versicherer verweigern den Trend zur Kooperation mit Insurtechs. So erklärte der Vorstandsvorsitzende der Ideal, Rainer M. Jacobus, im Exklusiv-Interview mit VWheute: "Ich rate im Zusammenhang mit den sogenannten Insurtechs zur Gelassenheit. Persönlich habe ich immer gute Erfahrungen mit antizyklischen Entscheidungen gemacht. Wir sehen uns die Szene an, warten ab und reagieren nicht hektisch."
Ähnlich kritisch äußerte sich auch Stefan Knoll, Chef der deutschen Familienversicherung: "Es ist momentan unheimlich viel Geld im Markt, aber es gibt wenige Anlagemöglichkeiten. Viele investieren ihr Geld in diese Wette, denn nichts anderes ist der Fin- und InsurTechmarkt". Ob die Versicherer die Wette gewinnen oder verlieren, wird hingegen die Zeit erweisen. (vwh/td)
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