Schlaglicht

Fusionen: Wenn die Hochzeit zum Albtraum wird

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Was wäre wenn Allianz mit Zurich fusioniert oder Axa mit Generali? Unvorstellbar? Vielleicht. Unmöglich? Mitnichten. Zuletzt hatte sich kein Geringerer als Oliver Bäte für "Fusionen unter Gleichen" ausgesprochen. Unternehmen könnten sich auf Augenhöhe zusammenschließen, etwa über einen Aktientausch, ohne dass der eine den Aktionären des anderen eine Übernahmeprämie zahle. In der Addition entsteht etwa Neues, etwas Großes. Tatsächlich aber gleichen M&As einem Vabanque-Spiel – und nur, weil das Logische augenscheinlich ist, kann das tatsächlich Ausgewürfelte eine völlig unerwartete Konstellation ergeben. 
Eins und Eins ergibt Zwei. Rein mathematisch dürfte diese Formel zu den wenigen unumstößlichen Wahrheiten des Lebens gehören – sowohl gesellschaftlich als auch ökonomisch. Wenn zusammengezählt wird, entsteht etwas Neues, etwas Größeres, etwas Logisches. Ausgerechnet in der Versicherungsbranche, wo operative Entscheidungen auf Basis von Zahlenwerten, statistischen Daten und unter strategischer Berücksichtigung eines harten Wettbewerbs getroffen werden, lässt sich diese Wahrheit in so manchem Fall aber doch umstoßen. Etwa, wenn sich im Rahmen von Fusionsprojekten zwei zusammentun.
Das Streben nach Übernahmen scheint für die großen Versicherer angesichts geringer Wachstumsraten im Kerngeschäft mittlerweile zu einer Art Dauerbrenner geworden zu sein. Die ganz großen Deals lassen allerdings noch auf sich warten - abgesehen von der Übernahme XL Catlins durch den französischen Branchenführer Axa. Neben regulatorischen Gründen spielen zum Teil auch kulturelle Unterschiede zwischen den Hochzeitspartnern eine Rolle.
Ein Beispiel: Bereits vor einigen Jahren hatte die Ergo mit ihrem Engagement in der Türkei und Südkorea kein sonderlich glückliches Händchen bewiesen. Während der Düsseldorfer Konzern seine verlustreichen Tochtergesellschaften in Portugal und Südkorea bereits 2012 verkauft hatte, wurde der komplette Direktvertrieb von Lebensversicherungs- und Pensionsprodukten in der Türkei Mitte Mai 2013 komplett eingestellt.
Über 100 Mitarbeiter der Emeklilik ve Hayat A.S mussten damals ihren Stuhl räumen - darunter auch der damalige Geschäftsführer Recep Akkaya. Deutlich erfolgreicher verlief hingegen die Übernahme des polnischen Lebens- und Sachversicherers Hestia, der mittlerweile zum zweitgrößten Versicherer aufgestiegen ist.
Zu einem regelrechten Dauerbrenner haben sich hingegen die Fusionsgespräche zwischen den einzelnen Provinzialgesellschaften entwickelt. Seit nunmehr 20 Jahren wird auf höchster Ebene immer wieder über einen Zusammenschluss der öffentlichen Versicherer verhandelt und spekuliert. Erst Anfang des Jahres hatte die Präsidentin des Sparkassenverbands Westfalen-Lippe (SVWL), Liane Buchholz die Fusionsdebatte befeuert mit den Worten: "Es wird sich in diesem Jahr etwas tun".
Nennenswerte Fortschritte wurden seitdem nicht vermeldet. Die Eigentümer führten ernste, seriöse, aber ergebnisoffene Gespräche, ließ Nordwest-Vorstandschef Wolfgang Brauer erst unlängst auf der Bilanzpressekonferenz des Konzerns verlauten. Nicht viel mehr vermochte dabei auch Patric Fedlmeier, Vorstandschef der Provinzial Rheinland vermelden.

Allianz: Es hapert am Geld und der geeigneten Braut

Dass Übernahmen auch in großem Stil in der Versicherungsbranche allerdings durchaus möglich sind, zeigt der Kauf des auf Bermudas beheimateten Sach- und Rückversicherer XL durch die französische Axa. Rund 15,3 Mrd., Euro ließ sich der Konzern den Kauf kosten - und stach dabei auch den deutschen Konkurrenten Allianz aus dem Feld.
Dabei spielt Allianz-Chef Oliver Bäte bereits seit längerem mit dem Gedanken einer großen Übernahme. Das Problem: Das liebe Geld und der geeignete Partner. Bei einer "Fusion unter Gleichen" schließen sich Unternehmen zum Beispiel über einen Akientausch zusammen, ohne dass der eine den Aktionären des anderen eine Übernahmeprämie zahlt. "Ein Preisaufschlag von 30 Prozent auf 30 Mrd. Dollar ist schwieriger zu rechtfertigen als 30 Prozent auf fünf Mrd. Dollar", erklärte Bäte jüngst gegenüber der Financial Times. Notfalls würde er viel Geld in die Hand nehmen, "allerdings müssen große Unternehmen zu Fusionen bereit sein, und wir haben nicht viele davon gefunden".
Daher zählt die nahezu vollständige Übernahme des Kreditversicherers Euler Hermes als größter Deal in Bätes bisheriger Ägide. Unternehmensangaben zufolge hatte die Allianz ihren Anteil mit dem Angebot über 122 Euro je Aktie von 63 auf 94,9 Prozent aufgestockt. Mit der vollständigen Übernahme will der Konzern mutmaßlich den Gewinn in diesem Jahr noch weiter nach oben schrauben.
Dass die Allianz mit Übernahmen im großen Stil allerdings keine allzu guten Erfahrungen gemacht hat, zeigt die Übernahme der Dresdner Bank vor einigen Jahren. Deren Kauf nahm für den Konzern bekanntlich "ein schreckliches Ende". Rund 25 Mrd. Euro hat der Deal den Münchener Versicherungskonzern gekostet - der größte Teil davon wurde in den Folgejahren vernichtet. Damit gilt der Kauf bis heute als einer der größten Irrtümer in der deutschen Finanzgeschichte.

Wenig erfolgreiche Megadeals

So lässt sich das Prinzip "aus zwei macht eins" gerade bei Megadeals nur sehr schwer in die Praxis umsetzen. "Schwergewichte sind in der Regel machtvolle und stolze Gebinde. Sie sind es gewohnt, autonom zu agieren und weniger gewohnt, sich anzupassen. Ein Merger of Equals, wie er unter Schwergewichten in der Regel allein in Betracht kommt, setzt aber gerade dieses Maß an Anpassung und gegebenenfalls auch Zurückstellung eigener Interessen zu Gunsten der Gesamtinteressen des neu geformten Unternehmens voraus", betont der M&A-Experte und Dax-30-Insider Jochen Reichert.
Ein weiterer möglicher Trennungsgrund liegt allerdings auch in den Vorständen selbst. "Die Zeit der 'Merger of Equals' wie Daimler und Chrysler ist vorbei. Besonderes Problem hierbei ist, dass der Konsolidierungsdruck nicht groß genug gemacht wird, dass Unklarheit besteht, unter wessen Kultur und Struktur der Zusammenschluss laufen soll. Am Ende ist es ein Machtspiel der Vorstände, besonders dann, wenn alle Vorstände übernommen werden und damit der Gesamtvorstand zu groß wird", glaubt Kai Lucks, Leiter des Merger Management Institutes.
Bei der Zurich scheint sich dieser Vorbehalt für große Deals jedenfalls schon in den Chefetagen durchgesetzt zu haben. "Wir leben nicht für Fusionen und Zukäufe. Wir glauben nicht an diesen großangelegten Multi-Markt-Zugang bei M&A", sagte Finanzchef George Quinn Anfang des Monats in einer Telefonkonferenz für Analysten. Für das Unternehmen stünden vielmehr die operativen Vorhaben an oberster Stelle. Großtransaktionen würden hingegen enorm vom Geschäft ablenken.

Weniger Deals - höhere Summen

Insgesamt hat der Trend zu großen Deals in der Versicherungswirtschaft dennoch zugenommen. Laut einer Umfrage in der Versicherungswirtschaft von Willis Towers Watson in Zusammenarbeit mit Mergermarket ist die Anzahl der Transaktionen in der Versicherungswirtschaft im ersten Halbjahr 2017 um 17,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken. Gleichzeitig stieg der Gesamtwert der M&A Deals im gleichen Zeitraum um 170 Prozent. Allein 2016 gab es insgesamt 14 Fusionen und Übernahmen im Wert von mehr als 500 Millionen US-Dollar.
Dass solche Deals durchaus auch aus einer gewissen wirtschaftlichen Not oder dem Wunsch nach Neuausrichtung entstehen, zeigt das Beispiel der Generali. So hatte sich der Konzern in den vergangenen Monaten gleich von mehreren Tochtergesellschaften getrennt, wie zuletzt in Belgien.
Dafür will der Versicherungskonzern aus Triest wohl nun verstärkt in Osteuropa expandieren. So hat die Generali verschiedenen Medienberichten zufolge deutschen Concordia Versicherung und der Vereinigten Hagelversicherung zwei polnische Tochterunternehmen abgekauft. Zudem erwarb der Konzern über seine Osteuropa-Holding Generali CEE den slowenischen Versicherer Adriatic Slovenica vom Finanzkonzern KD Group.
"Zukünftige M&A-Transaktionen werden auch in der Versicherungsbranche von der Notwendigkeit getrieben sein, Synergien zu schaffen, Marken aufzubauen und technologischen Fortschritten nachzukommen", sagt Marcel Schmitz, Director bei Willis Towers Watson und M&A-Experte für den deutschen Versicherungsmarkt.
Doch am Ende will jede Fusion wohl geprüft sein - getreu den Worten des großen deutschen Literaten Friedrich Schiller: "Drum prüfe, wer sich ewig bindet, Ob sich das Herz zum Herzen findet! Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang." (vwh/td)
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