Unternehmen & Management

Von der BGV lernen, heißt Dunkelverarbeitung lernen

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die Versicherungsgruppe BGV / Badische Versicherungen hat pünktlich zum Pfingstwochenende gute Zahlen und ein tragfähiges Zukunftskonzept inklusive Dunkelverarbeitung und Digitalofferten vorgestellt. Der Kern des Unternehmens bleibt der persönliche Kontakt, der "Versicherungskäse des Jahres" wird selbstbewusst weggelächelt.
Der künftige Weg des Unternehmens sei unbestreitbar ein digitaler, wofür man qualifiziertes, junges Personal anwerbe, jedoch ohne das bestehende und gut stützende Fundament einzureißen, erklärte der im nächsten Jahr scheidende Vorstandsvorsitzende Heinz Ohnmacht.
Dafür wurde das Kundencenterangebot entgegen dem Trend vergrößert, anstatt wie bei vielen Versicherern und Banken abgebaut. Man wolle laut Ohnmacht "nah an den Menschen und direkter Ansprechpartner sein". Das soll auch durch Partnerschaften wie der mit der PSD-Bank erfolgen, aber auch Kooperationen mit anderen Versicherern, beispielsweise im Bereich Krankenversicherung, seinen keinesfalls ausgeschlossen.
Der eingeschlagene Weg scheint kein schlechter zu sein: Der Versicherer konnte die Beitragseinnahmen im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr um 4,6 Prozent auf 343,5 Mio. Euro steigern. Der Jahresüberschuss stieg erstmals auf einen zweistelligen Millionenbetrag von insgesamt 10,8 Mio. Euro (2016: 9,4 Mio.) - das entspricht einem Wachstum von 14,9 Prozent. Profitiert hat der Versicherer dabei auch von einer guten Schadenentwicklung.
Die Digitalisierung
Das auch eine kleinere Versicherung technisch auf der Höhe sein kann, zeigt sich bei der Dunkelverarbeitung. In der Haftpflicht werden bereits 70 Prozent der Anträge ohne menschliches Zutun verarbeitet, in der Hausrat sind es 40 bis 50 Prozent. Im Kfz-Sparte wird der Anteil der Dunkelverarbeitung mit dem neuen Tarif BGV Fleximobil, der sich an junge Fahrer richtet und bei dem sich der Beitrag nach den gefahrenen Kilometern berechnet, "sprunghaft ansteigen".
Die Bereiche Rechtsschutz- und Wohngebäudeversicherung werden dieses Jahr angegangen, sodass laut dem stellvertretenden Vorsitzenden Edgar Bohn bis Ende des Jahres "signifikante Steigerungen" im Bereich der Dunkelverarbeitung erwartet werden.
Insgesamt soll die Digitalisierung im Unternehmen weiter vorangetrieben werden und man wolle dabei laut Ohnmacht auf "neue Fähigkeiten sowie aufgeschlossene und flexible Mitarbeiter setzen". Das war in der Vergangenheit bei vielen Unternehmen eine Floskel für Personalabbau.
Neuer Mann gesucht, kann auch weiblich sein
Die BGV kann sich dem Trend zu weniger Personal ebenfalls nicht gänzlich entziehen, doch soll der Abbau durch natürliche Abgänge aus Altersgründen erfolgen. Auf betriebsbedingte Kündigungen werde verzichtet, auch weil das "überproportionale Wachstum" einen Abbau nicht zuließe. Bis zum Jahr 2020 soll der momentane Personalbestand von 767 Mitarbeitern um zehn Prozent gesenkt werden.
Im Vorstand soll die Nachfolge schneller geregelt werden, denn wenn Ohnmacht im kommenden Jahr ausscheidet und durch Bohn ersetzt wird, entsteht eine Vakanz, die über eine Personaldienstleister-Ausschreibung gefüllt werden soll. Es sei eine Option, den bisher männlich dominierten Vorstand mit weiblicher Kompetenz anzureichern.
Die beiden Rechtsschutzvorstände Roland Fahrner und Thomas Kollöffel begrüßten die neue Möglichkeit der Musterfeststellungsklage. "Wir sind sehr gespannt, was die neue Klagemöglichkeit bringen wird, wir haben das über die Jahre vermisst" erklärt Kollöffel. Fahrner ergänzt: "Die Lösung mit der Klage über Verbände ist vernünftig, es wird uns als Rechtsschutzversicherer nicht unbedingt entlasten, aber wir unterstützen die Lösung und sind gespannt, wie das letztlich aussehen wird."
Gespannt sein darf man auch, wohin die Reise der BGV führt, denn eine Versicherung, die gegen den Markttrend in persönliche Beratung und Standorte investiert und in diesem Jahr ihren Kunden eine um elf Prozent gesteigerte Beitragsrückerstattung von 7,6 Mio. Euro auszahlt, ist in Deutschland eher selten.
Dass die Versicherung ihren Kundenbestand dringen verjüngen muss und dafür auf "allen Kanälen" Präsenz zeigen muss, ist dem Vorstand bewusst. Ein Selbstläufer wird die Zukunft trotz der guten Zahlen sowie der Digitalisierungsoffensive nicht werden.
Der Versicherungskäse und das Lächeln
Fast schon ein Selbstläufer ist die jährliche Verleihung des Versicherungskäses für das schlechteste Versicherungsprodukt unter Federführung des Bunds der Versicherten. Dieses Jahr erwischte es die BGV mit ihrer Schülerversicherung. Edgar Bohn nimmt die Auszeichnung gelassen und mit "einem Lächeln".
In Baden-Württemberg erhalten die rund 1,5 Millionen Schüler an den nicht ganz 5000 Schulen von den Lehrern ohne Beratung eine Versicherungspolice ausgehändigt, welche sie von den Eltern unterschrieben wieder abgeben müssen. Dabei handelt es sich um eine Zusatzversicherungen, die ergänzend zur gesetzlichen Unfallversicherung abgeschlossen wird und auch die Haftpflicht ergänzt.
Die Relevanz der Versicherung sei laut Bohn gegeben, der Anteil der Menschen ohne Haftpflichtversicherung steige, nicht zuletzt auch durch die immigrierten Neubürger. Bohn stellt klar, dass die Versicherung erst im Schadenfall an die Adressen der Versicherten gelange und der Schutz als Ergänzung konzipiert sei.
Die Beitragseinnahmen der BGV an der Versicherung, an der auch die Württembergische Gemeinde-Versicherung beteiligt ist, betrage etwa 800.000 Euro im Jahr. Nach Gesprächen mit dem Kultusministerium soll das Angebot trotz der Auszeichnung im kommenden Jahr weitergeführt werden. (mv)
Bild: Vorstände Ohnmacht und Bohn (Quelle: BGV)
Digitalisierung · BGV · Jahresbilanz · 2017 · Dunkelverarbeitung
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