15.05.2018Märkte & Vertrieb

EY: Mehr Betrugsfälle in deutschen Konzernen

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
"Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft", lautet ein deutsches Sprichwort. So sind kleine Zuwendungen zwar auch in der Geschäftswelt üblich, können aber dennoch verheerende Folgen haben. Laut einer aktuellen Analyse von Ernst & Young haben 18 Prozent der deutschen Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren einen größeren Betrugs- oder Korruptionsfall registriert.
Demnach gab in der Bundesrepublik allein in den vergangenen zwei Jahren bei nahezu jedem sechsten Unternehmen einen größeren Betrugsfall. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 waren noch 16 Prozent der deutschen Unternehmen davon betroffen. Dies geht aus dem aktuellen Global Fraud Survey 2018 der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hervor. Weltweit meldete im Schnitt nur jedes neunte Unternehmen in den letzten zwei Jahren einen bedeutenden Betrugsfall. Damit ist die Quote im Vergleich zu den Vorjahresperioden leicht auf elf Prozent (2016: zwölf Prozent gesunken).
Allerdings scheint das Bewusstsein für Korruption in den deutschen Chefetagen weiterhin nicht sonderlich ausgeprägt zu sein. Denn: Trotz der gestiegenen Zahl entdeckter Delikte halten Deutschlands Manager Korruption in Deutschland nicht für ein generelles Problem, heißt es bei Ernst & Young weiter. Zum Vergleich: 2016 hielten immerhin sechs Prozent der deutschen Manager korrupte Methoden hierzulande für weit verbreitet.
Weltweit vertreten immerhin zwei von fünf Managern (38 Prozent) korrupte Methoden im eigenen Land für weit verbreitet. Im Jahr 2016 waren es 39 Prozent. Deutlich ausgeprägter sind die Umfrageergebnisse hingegen in anderen Ländern rund um den Globus: So gehen fast alle Manager Brasilien (96 Prozent), Kolumbien (94 Prozent) oder Nigeria (90 Prozent) davon aus, dass korrupte Methoden in ihren Ländern an der Tagesordnung sind. Spitzenreiter in Europa ist Italien, wo 68 Prozent der Befragten (2016: 56 Prozent) der Meinung sind. In Großbritannien gehen immerhin 34 Prozent (2016: 26 Prozent) der befragten Manager davon aus, dass Korruption im eigenen Land weit verbreitet ist.

Ukraine klärt am besten auf

Weltweiter Spitzenreiter bei entdeckten Betrugsfällen ist aktuell hingegen die Ukraine, wo in den vergangenen beiden Jahren immerhin 36 Prozent der Unternehmen nach eigenen Angaben einen bedeutsamer Betrugsfall verzeichneten. Damit liegt das osteuropäische Land deutlich vor Kenia mit einer Quote von 26 Prozent sowie Russland und Belgien mit jeweils 20 Prozent. Schlusslichter sind hingegen Portugal und die Türkei mit lediglich zwei Prozent.
"Die vergleichsweise hohe Zahl von entdeckten Betrugsfällen in Deutschland ist kein Zeichen für eine überbordende Kriminalität in deutschen Unternehmen. Sie zeigt vielmehr, dass die in den letzten Jahren hierzulande eingeführten Compliance-Systeme in vielen Fällen greifen", kommentiert Stefan Heißner, Leiter Fraud Investigation & Dispute Services bei EY, die Ergebnisse. "Wo funktionierende Überwachungsprozesse im Einsatz sind, da wird auch mehr aufgeklärt, auch wenn es insgesamt gesehen gar nicht so viele Betrugs- und Korruptionsfälle gibt".
Allerdings gibt es auch eine Einschränkung: In Ländern, in denen überwiegend Kommissar Zufall bei der Entdeckung von Betrugs- und Korruptionsfällen beteiligt sei, liege die Dunkelziffer von Compliance-Fällen bedeutend höher als in Ländern mit einer stärker ausgeprägten Compliance-Kultur. "Die deutsche Wirtschaft ist inzwischen im internationalen Vergleich bei Compliance-Themen gut aufgestellt", stellt Heißner fest.

Deutschland hinkt bei Sanktionen hinterher

Zudem hinkt Deutschland im internationalen Vergleich bei der Sanktionierung von Verstößen weiter hinterher: So gibt es laut Ernst & Young in sieben von zehn Unternehmen gibt es klare Sanktionen bei einem Verstoß gegen die unternehmenseigenen Compliance-Regeln. International sanktionieren knapp acht von zehn Unternehmen derartige Verstöße. So wurden in den vergangenen zwei Jahren in 54 Prozent der deutschen Unternehmen Mitarbeiter, die sich nicht an die Compliance-Regeln hielten, sanktioniert. Weltweit ist der Anteil mit 57 Prozent leicht höher. Besonders kompromisslos zeigten sich dabei die japanischen und US-amerikanischen Unternehmen, von denen 80 beziehungsweise 76 Prozent bei Compliance-Verstößen entsprechende Sanktionen gegen ihre Mitarbeiter ausgesprochen haben.
Dennoch gibt es Anlass zur Sorgen: Weltweit hält immerhin jeder fünfte Manager in der Altersgruppe der Unter-35-Jährigen Barzahlungen für ein probates Mittel, ein Unternehmen über einen Wirtschaftsabschwung zu retten. In der Altersgruppe der Über-35-Jährigen wertet hingegen nur rund jeder achte Befragte ein solches Verhalten im Krisenfall als gerechtfertigt. "In den vergangenen Jahren gab es einige große öffentlichkeitswirksame Compliance-Fälle. Dennoch führt das offensichtlich nicht zu einem nachhaltigen Bewusstseinswandel, sonst müsste die jüngere Generation deutlich sensibler auf das Thema reagieren. Möglicherweise hat der Druck auf junge Manager aufgrund des höheren Tempos im Wirtschaftsleben und des stärkeren globalen Wettbewerbs zugenommen", so Heißner. (vwh/td)
Bildquelle: Rike / PIXELIO (www.pixelio.de)
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