Schlaglicht

Vertriebe verzweifeln: Unwetter nehmen zu, aber die Kunden wollen sich nicht dagegen versichern

Von David GorrTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Wieder wüteten Stürme in Teilen Deutschlands. Ohne Frage, die Zahl schwerer Naturereignisse nimmt zu. Dennoch leisten sich die Besitzer von elf Millionen Wohngebäuden  (von insgesamt 17,5 Millionen) den "Luxus", ihr Hab und Gut unversichert zu lassen. Obwohl laut GDV fast 99 Prozent davon "problemlos gegen Überschwemmungen und Starkregen" versicherbar seien. Vertriebe müssen also weiterhin viel Überzeugungsarbeit bei Kunden leisten.
Rund 40 Prozent schützen ihre vier Wände mit einer Naturgefahrenversicherung. Das sind zwar doppelt so viele Häuser wie noch vor 15 Jahren, wie der GDV ausgerechnet hat. Dennoch ist mehr als die Hälfte der 17, Millionen Wohngebäude in Deutschland unversichert. "Immer, wenn ein Unwetter oder ein Hochwasser für Schlagzeilen sorgt, steigt für kurze Zeit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für das Thema Naturgefahren", sagt Steffen Fries, Experte der Axa Versicherung, beobachtet. "Dann schließen auch etwas mehr Leute eine Versicherung ab. Aber insgesamt geht es nur sehr mühsam bergauf."
Mit 42 Prozent Anbündelung liegt Axa leicht über dem Durchschnitt. Für den Vertrieb sei es eine wichtige, aber schwierige Aufgabe, die Hausbesitzer auf das Risiko aufmerksam zu machen. Zu oft müssen sie sich anhören, dass man den Naturgefahrenschutz nicht brauche. Zu dieser Erkenntnis kam auch das Marktforschungsunternehmen GfK, das im Auftrag des GDV in einer repräsentativen Umfrage ermittelte, dass sich nur zwölf Prozent der Hausbesitzer von Starkregen und Überschwemmungen bedroht fühlen.

Opting-Out-Modelle begrenzen Haftung

Im Vergleich dazu glauben 90 Prozent, dass Feuer eine große Gefahr für ihre Immobilie darstellt. Besonders fatal ist die Tatsache, dass 93 Prozent der Befragten glauben, vor Naturgefahren mit der Wohngebäudeversicherung geschützt zu sein, obwohl das oftmals nicht stimmt. Denn dort sind nur Sturm und Hagel eingeschlossen, andere Naturgefahren wie Starkregen und Hochwasser aber meist nicht. Um die Versicherungsdichte zu erhöhen, bieten rund 130 Versicherer in der Wohngebäude- und der Hausratversicherungen den Baustein Naturgefahrenversicherung an. In den meisten Fällen – wie auch bei Axa – als opt-outModell, bei dem sich die Kunden aktiv gegen den Baustein entscheiden müssen.
Dieser Umstand muss im Beratungsprotokoll festgehalten werden. Im Neugeschäft des Jahres 2017 haben bei Axa 52 Prozent der Kunden den Baustein gebucht. Dafür müssen sie etwa 100 bis 120 Euro mehr im Jahr an Beitrag bezahlen. Im Schadenfall können Kunden den Schadenservice 360 in Anspruch nehmen und erhalten dann nicht nur Geldleistungen, sondern auch umfangreiche Service-Leistungen, angefangen bei der Begutachtung bis hin zur vollständigen Wiederherstellung des Gebäudes.
Für Kunden in den Gefährdungsklassen (ZÜRS) 1 und 2 ist es kein Problem eine entsprechende Absicherung zu bekommen. Wie Check24 anhand der bei dem Portal gelisteten Versicherer und deren Tarife ermittelt hat, ist der Schutz zudem meistens preiswert. In Hausrat kostet er im Schnitt nur 19 bzw. 33 Euro im Jahr zusätzlich, in Wohngebäude 48 bzw. 81 Euro. Anders sieht es in Zone 3 und 4 aus. Wie Carsten Ebert von der degenia Versicherungsdienst AG betont, "schließen die Gefährdungsklassen 3 und 4 einen Versicherungsschutz aus."

Aufklärung ist Pflicht, eine Versicherung dagegen nicht

Dagegen betont eine Sprecherin des GDV, dass 99 Prozent aller Wohngebäude "problemlos gegen Überschwemmung und Starkregen versicherbar" seien. "Und auch die verbleibenden, besonders gefährdeten Häuser in der Gefährdungsklasse 4 können fast alle mit Selbstbehalten und nach individuellen baulichen Schutzmaßnahmen versichert werden", betont sie. Ein Viertel der bundesweit in dieser Zone liegenden 139.000 Häuser sind tatsächlich auch bereits versichert (Zahl von 2016). Zudem ist deren Zahl im Jahr 2016 dank einer Anpassung des ZÜRS-Systems um 58.000 von zuvor 197.000 Gebäuden gesunken. Laut GDV kostet der Naturgefahrenschutz in stark gefährdeten Gebieten zwischen 200 und 300 Euro im Jahr. Wenn die Bundesländer dem Vorbild Bayern folgen und künftig keine finanzielle Hilfe an Flutopfer zahlen, wenn das Haus versicherbar war, dann könnte es einen deutlichen Aufschwung geben. Der Freistaat will ab Juli 2019 die Staatskassen dicht machen.
Bayern war es im Übrigen auch, das im Jahr 2009 gemeinsam mit dem GDV mit einer Aufklärungskampagne in Sachen Naturkatastrophen und notwendigem Versicherungsschutz startete. Inzwischen haben fast alle Länder nachgezogen, zuletzt Hessen. Nur Bremen, Hamburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg sind noch nicht dabei. Wobei BW bei einer historisch bedingten Absicherung von über 90 Prozent sicher keine Kampagne fahren wird. Eine Pflichtversicherung wäre schwierig verfassungsrechtlich durchzusetzen.  "Es handelt sich um den Schutz von Eigentum und nicht – wie etwa bei der Kfz-Haftpflicht – um den Schutz Dritter", gibt auch Steffen Fries von Axa zu bedenken. „Für sein Eigentum kann jeder selbst sorgen, dazu kann er nicht gezwungen werden." Eine Pflicht haben hingegen die Vermittler. Sie müssen in Beratungsgesprächen über Wetterextreme aufklären. Je ausführlicher desto mehr Abschlüsse können dabei herauskommen. (epo)
Lesen Sie vollständigen Beitrag in der Mai-Ausgabe Versicherungswirtschaft.
Bildquelle: Axa
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