Märkte & Vertrieb

Können die privaten Krankenversicherer digital?

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Die neue Bundesregierung möchte sich insbesondere der Digitalisierung widmen – auch und gerade im Gesundheitswesen. Die Stichworte lauten hier vor allem Ausbau der Telematikinfrastruktur und Einführung einer elektronischen Patientenakte für alle Versicherten noch in dieser Legislaturperiode sowie die Überprüfung der einschränkenden Regelungen zur Fernbehandlung. All diese Themen bewegen ebenfalls die PKV-Unternehmen.
Den Einstieg ins digitale Zeitalter soll dabei Geomedis markieren. Als Äquivalent zur elektronischen Gesundheitskarte, die noch immer auf sich warten lässt und bereits jetzt als überholt gilt, sollte diese App allen Privatversicherten bis Anfang 2018 zur Verfügung stehen, und dabei nicht nur alle Kernfunktionen aus dem eHealth-Gesetz, sondern auch, je nach Unternehmen, weitere Service-Funktion beinhalten.
Gleichzeitig arbeiten die Gesellschaften aber auch an unternehmensindividuellen Lösungsansätzen. So hat die DKV bereits Ende 2017 eine mobile Anwendung auf den Markt gebracht, die die Grundlage für eine digitale Gesundheitsakte darstellt. Weitere Anbieter dürften in der nächsten Zeit folgen.
Eines der Kernelemente der digitalen Transformation im Gesundheitswesen ist es, den Datenaustausch zwischen den Ärzten beziehungsweise Leistungserbringern zu verbessern, um mit Hilfe der elektronischen Patientenakte die medizinische Versorgung zu verbessern und insbesondere Doppelbehandlungen zu vermeiden.
Sollte dies gelingen, würde sich den Unternehmen ein enormes Auswertungs- und Kostensenkungspotenzial erschliessen, welches sie im Rahmen von Big Data und zur Positionierung als Kundenbegleiter nutzen könnten. Allerdings reichen die bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen im Hinblick auf die datenschutzrechtlichen Bestimmungen aktuell vielfach nicht aus, um durch gezielte Maßnahmen im Rahmen des Gesundheits- und Versorgungsmanagements einen erlebbaren Mehrwert auf Kundenseite zu erzeugen.
Der im Koalitionsvertrag festgeschriebene "Einsatz für [ein] Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln" wirkt vor dem Hintergrund der durch die Digitalisierung entstehenden und an anderer Stelle erwähnten "neue[n] Teilhabechancen insbesondere für sinnesbehinderte und mobilitätseingeschränkte Menschen" daher etwas abwegig und aus der Zeit gefallen.
Torpediert dies doch beispielsweise die Bemühungen einiger Branchenteilnehmer, eine Direktabrechnung zwischen Apotheke und Krankenversicherer zu ermöglichen. Ähnlich verhält es sich mit dem bestehenden Fernbehandlungsverbot, dass die Möglichkeiten der Telemedizin zum Beispiel in Form einer Video-Sprechstunde einschränkt. Nichtsdestotrotz bieten immer mehr private Krankenversicherer ihren Kunden inzwischen aber ebensolche Video-Sprechstunden an.
Diese sollen aber genau wie das Gesundheitstelefon, welches einige Gesellschaften bereits seit geraumer Zeit anbieten, nur einer ersten Einschätzung dienen. Diagnosen oder gar das Ausstellen von Rezepten sind aufgrund der gesetzlichen Bestimmung bei dieser Form der ärztlichen Konsultation noch nicht zulässig. Einzig in Baden-Württemberg wurde dieses Verbot im Rahmen eines Pilotprojekts ausgesetzt.
Sollte das Fernbehandlungsverbot tatsächlich gelockert werden oder gänzlich fallen, ergeben sich für die PKV-Unternehmen Steuerungspotenziale im Sinne einer Lotsenfunktion. Eine gezieltere und bessere medizinische Versorgung führt als klassische Win-win-Situation für Kunde und Versicherer immer auch zu Kosteneinsparungen und damit zu stabileren Beiträgen.
Autor: Gerhard Reichl ist Fachkoordinator Krankenversicherung bei der Assekurara Assekuranz Rating-Agentur GmbH. (Quelle: Assekurata)
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