Märkte & Vertrieb

Prämien global: Versicherer erreichen erst in der nächsten Dekade Vorkrisenlevel

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Der globale Versicherungsmarkt erholt sich langsam von den Folgen der Finanzkrise. Nach Hochrechnungen von Allianz Research ist das globale Prämienvolumen (ohne Kranken) im vergangenen Jahr auf die  Rekordsumme von 3,66 Billionen Euro gestiegen. Das Wachstumstempo der Prämieneinnahmen habe sich gegenüber dem Vorjahr (+ 2,9 Prozent) zwar leicht beschleunigt, blieb aber das zweite Jahr in Folge hinter der Expansion der Wirtschaftstätigkeit zurück. Die Versicherungsdurchdringung ist damit auf 5,5 Prozent gesunken – dem tiefsten Wert in den letzten 30 Jahren. Noch zu Beginn des Jahrtausends lag dieser Wert im Durchschnitt einen vollen Prozentpunkt höher. Eine paradoxe Situation.
„Auf der einen Seiten nehmen die Risiken in der Welt ständig zu – man denke nur an die Bereiche Klima, Demographie, Cyber oder Politik –, auf der anderen Seite aber geben die Menschen weltweit einen immer geringeren Anteil ihres Einkommens für ihre Absicherung aus. Es bedarf einer großen gemeinsamen Anstrengung von Politik und Industrie, dieses ‚protection gap‘ wieder zu schließen“, kommentiert Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz SE.
Die Sparte Schaden/Unfall gab im letzten Jahr den Ton vor: Mit 5,0 Prozent wuchs sie 2017 nicht nur fast doppelt so schnell wie die Lebensversicherung, sondern verzeichnete auch den größten Anstieg seit dem Jahr 2012. Nahezu alle Regionen trugen zur positiven Prämienentwicklung bei; die Wachstumsdiskrepanz zwischen Schwellen- und Industrieländern bleibt dennoch eklatant: Während die Prämien in ersteren um 11,6 Prozent in die Höhe schnellten, schafften die Industrieländer gerade einmal ein Plus von 3,5 Prozent
Westeuropa allerdings bleibt auch hinter diesem Wert deutlich zurück: Das Beitragswachstum erreichte 2017 nur 2,0 Prozent – damit aber immerhin den zweithöchsten Wert seit dem Jahr 2007; noch im Vorjahr verzeichneten die westeuropäischen Märkte Nullwachstum. Der deutsche Markt schnitt in den letzten beiden Jahren, dank der robusten wirtschaftlichen Entwicklung, besser ab: 2017 wurde ein Wachstum von drei Prozent erzielt, nach 1,7 Prozent im Jahr zuvor.

Rote Null

Der auf globaler Ebene deutlich niedrigere Zuwachs der Lebensversicherungsprämien 2017 (+2,8 Prozent) ist in erster Linie der immer noch schwachen Entwicklung in Westeuropa geschuldet, wo beinahe 30 Prozent der weltweiten Beitragseinnahmen gezeichnet werden. Nach einem Minus von 2,2 Prozent im Jahr 2016 schlägt auch 2017 noch eine rote Null zu Buche. Ende letzten Jahres lag das regionale Prämienvolumen damit immer noch um fast fünf Prozent unter dem Vorkrisenhöchstwert aus dem Jahr 2007; die Versicherungsdurchdringung ist in diesem Zeitraum von 5,6 Prozent auf 4,4 Prozent zurückgegangen.
In Deutschland verlief die Entwicklung sehr ähnlich, in den Jahren 2016 (-1,7 Prozent) und 2017 (-0,2 Prozent) gingen ebenfalls die Prämien jeweils zurück; und auch die Durchdringung ist in den letzten zehn Jahren gesunken, wenn auch nur um etwa einen halben Prozentpunkt auf 2,6 Prozent. „Zwar sind die Lebensversicherungsmärkte in den letzten Jahren deutlich volatiler geworden, der Trend aber ist dennoch eindeutig – und beunruhigend“, erklärt Michaela Grimm, Ökonomin bei Allianz Research.
„Während der unerbittlich voranschreitende demographische Wandel keinen Zweifel an der Notwendigkeit privater Vorsorge zulässt, nehmen die langfristigen Sparanstrengungen offensichtlich ab. Die schwere Wirtschaftskrise in vielen europäischen Ländern ist dabei sicherlich eine Ursache. Aber auch die Niedrigzinspolitik der EZB spielt hier eine unrühmliche Rolle. Es ist daher höchste Zeit, den Krisenmodus zu verlassen – im Interesse der jungen Generation, die auf private Rücklagen im Alter in viel stärkerem Maße angewiesen sein wird als die heutige Rentnergeneration.“
Für die Zukunft rechnet Allianz Research mit einer weiteren Erholung der Versicherungsmärkte. Nachdem das globale Prämienwachstum seit der Finanzkrise mit nominalen Zuwachsraten von etwas über drei Prozent p.a. enttäuschend ausfiel, dürfte sich das Prämienwachstum in der nächsten Dekade auf rund sechs Prozent beschleunigen – und damit in etwa wieder die Vorkrisenwerte erreichen. In diesem Aufschwung spiegeln sich ein wieder stabileres Wachstum der Weltwirtschaft sowie höhere Inflationsraten und Zinsen wider. Besonders ausgeprägt zeigt sich diese Entwicklung in den Industrieländern, nicht zuletzt in Westeuropa: Nach dem Nullwachstum der letzten zehn Jahre sollten in Zukunft die Prämien wieder mit durchschnittlich knapp 3 Prozent pro Jahr zulegen. Dies entspricht auch den Wachstumserwartungen für den deutschen Markt.

China überholt USA

Die Sparte Leben (+ 6,4 Prozent p.a.) sollte dabei auf globaler Ebene wieder etwas schneller als die Sparte Schaden/Unfall (+ 5,4 Prozent p.a.) wachsen. Die Gewichtsverschiebung zugunsten der Schwellenländer wird sich auch in den nächsten Jahren unvermindert fortsetzen. Ende der 2020er-Jahre dürften etwa knapp 40 Prozent der globalen Prämieneinnahmen in diesem Länderkreis gezeichnet werden; vor zehn Jahren lag dieser Wert noch unter zehn Prozent. An der Spitze wird es dabei zu einem historischen Wachwechsel kommen: China wird die USA als größten Versicherungsmarkt überholen.
Heute dominieren die USA noch uneingeschränkt: Mit 1,1 Billion Euro oder gut 30 Prozent des globalen Beitragsaufkommens sind sie nach wie vor der größte Versicherungsmarkt weltweit, mit großem Abstand vor der Nummer zwei, China, mit rund 420 Milliarden Euro. „Langfristige Prognosen sind derzeit besonders schwierig, die Versicherungsmärkte befinden sich in einem fundamentalen Umbruch“, sagte Kathrin Brandmeir, Ökonomin bei Allianz Research.
„Aus unserer Sicht bietet diese Disruption aber auch große Chancen. Mit den neuen Technologien kann Versicherungsschutz für mehr Menschen zugänglich und erlebbar gemacht werden, Versicherungsprodukte können attraktiver werden. Gelänge es dabei, die Kunden für Versicherungen so zu begeistern, dass sie wieder einen so hohen Anteil ihres Einkommens für Versicherungsschutz ausgäben wie vor der Krise, könnten Ende der nächsten Dekade die globalen Prämien um etwa eine Billion Euro höher ausfallen als in unserem Basisszenario.“ (vwh/mst)
Bildquelle: Kurt F. Domnik  / www.pixelio.de/ PIXELIO
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