Schlaglicht

Mohn: "Der Vertreter steht im Lager des Versicherers"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Sie gebärden sich wie zankende Geschwister, es fliegen schnell mal die (verbalen) Fäuste, doch sie gehören unabänderlich zusammen. Wo liegt der Grundkonflikt zwischen Verbraucherschutz und Branche? Für Dorothea Mohn, Verbraucherzentrale Bundesverband, ist der Grund das liebe Geld. Die Versicherer haben ökonomische Eigeninteressen – und zwar nicht zu knapp, sagt Mohn.
Das die Unternehmen (auch) auf ihren eigenen Bedürfnisse schauen, ist in unserem Wirtschaftssystem weder verwunder- noch verwerflich, wie auch Mohn bestätigt: "Die Versicherer haben naturgemäß eigene ökonomische Interessen. Das ist völlig legitim. Und die Branche denkt auch an ihre Vertriebe, die ihren Anteil vom Kuchen haben wollen." Genau hier beginnt für die Verbraucherschützerin ein Kernproblem, denn solange der Vertrieb vom Versicherer bezahlt wird und nicht vom Verbraucher, "steht er im Lager des Versicherers".
Das Vermittler, angestellt oder frei, auch ihre eigenen Interessen im Blick haben, hat auch die Finanzaufsicht erkannt und kürzlich einen Provisionsdeckel in Aussicht gestellt, der gerade bei den Vermittlern sehr schlecht ankam. BVK-Präsident Michael H. Heinz meint: "Die Vermittler haben schon im Zuge des LVRG seit 2014 deutliche Provisionseinbußen hinnehmen müssen, zudem mit Stornohaftzeiten von sieben Jahren und mehr. Der Vorschlag der Bafin geht also fehl, wir Vermittler haben unsere Hausaufgaben gemacht."
Mit der Ablehnung des Deckels liegt Heinz mit Frau Mohn auf einer Wellenlänge, allerdings aus einem ganz anderen Grund: "Eine Deckelung der Provisionen wird nichts bringen können. Denn dann verkaufen die Vertriebe das gedeckelte Produkt nicht mehr und gehen zur nächst-höchst provisierten Ware über."
Das die Deckelung Vermittler in die Pleite führen könnte, ficht Mohn nicht an: "Es sollte so viele Arbeitsplätze im Finanzbereich geben, wie man eben für dieses Ziel braucht. Nicht mehr und nicht weniger. Möglicherweise sind 250.000 Versicherungsvermittler für 83 Millionen Bürger – sprich je Vermittler nur durchschnittlich 332 Verbraucher - etwas viel? Eine mutige Frage, die natürlich unterschiedlich beantwortet wird, je nachdem welchem Lager man angehört.
Das viele Deutsche mit ihrem Berater zufrieden sind, obwohl der Versicherungsvermittler regelmäßig zu den unbeliebtesten Berufen gehört, ist für Mohn kein Argument für eine gute Beratung.
"Es ist ein psychologischer Effekt. Die Kunden wissen, dass der Finanzmarkt schwierig für sie ist, aber sie müssen sich auf ihm bewegen. Der Gros der Verbraucher ist auf Experten angewiesen, es herrscht eine Abhängigkeit. Viele Kunden reden sich die Situation schön und schwören auf ihren Berater – auch wenn eine Analyse die Fehler von diesem aufdeckt. Es ist menschlich, die eigenen Fehler nicht zugeben zu wollen, vielen ist das peinlich. Zudem sind Vermittler verkaufstechnisch geschult, da kommt einiges zusammen."
Die Verbraucherschützer sind nicht der größte Fan des provisonsgesteuerten Vertriebs und wird es nicht werden. Aber Vertrieb ist ungleich Versicherer, vielleicht finden die Unternehmen vor den Augen der Konsumentenwächter mehr Verständnis?
Der Versicherungsmantel ist unnütz
Um es kurz zu machen: Nein! auch die Versicherer verfolgen aus Sicht der Verbraucherschützer zunächst einmal ihre eigenen Interessen und die Kritik ist daher im Wesentlichen dieselbe wie am Vertrieb. Zuerst komme der Produktverkauf, dann der Kundennutzen. "Würden Versicherungen sorgfältig entlang des Bedarfes der Verbraucher verkaufen, wäre das Problem nicht so groß", sagt Mohn.
Einen Zusammenhang zwischen Versicherung und Sparen sieht sie nicht: "Der Versicherungsmantel ist beim Vermögensaufbau nicht nötig, sogar oft schädlich. Ebenso ist die Festlegung des Rentenfaktors zu Beginn einer Versicherung unnötig und aus meiner Sicht auch unsinnig", erklärt Mohn.
Dass der Verbraucher bei der Altersvorsorge automatisch an Versicherungen denkt, sei das Ergebnis gezielter Lobbyarbeit. "In den Köpfen der Deutschen hat sich ein Zusammenhang zwischen Altersvorsorge und Versicherung sowie von Versicherung und Rente etabliert. Diese Denke ist nicht vom Himmel gefallen. Hinter dem Zusammenhang stecke eine von der Versicherungslobby ausgedachte Agenda, die "leider von der Politik mitgetragen wird". Nach Ansicht Mohns "werden massenhaft Produkte verkauft", die für die Altersvorsorge nicht geeignet sind. Zumindest in der Ansparphase müssten diese Produkte "ohne Versicherungsmantel auskommen".
Jetzt kann natürlich eingewendet werden, dass die Verbraucher ihr Geld weiterhin zu den Versicherern tragen, was die Branchenzahlen auch zeigen. Selbst in der vielgescholtenen Lebensversicherung sind nur geringe Rückgänge zu verzeichnen. Dieses Argument wischt Mohn vom Tisch: "Zufriedene Verbraucher sind nicht automatisch gut mit Finanzprodukten versorgt Verbraucher und umgekehrt."
Das die Branche, namentlich der GDV in Person von Präsident Wolfgang Weiler den Sachverhalt anders bewertet und Frau Mohn deutlich widerspricht, können Sie in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft nachlesen - ebenso das komplette Interview. (vwh/mv)
Bilder: Dorothea Mohn (Quelle: VZBV)
GDV · BVK · Verbraucher · vzbv · Dorothea Mohn
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