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Was bringt der virtuelle Autoschlüssel?

Von Alexander KasparTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Seit ihrer Einführung vor mehr als 100 Jahren hat die Technologie des Kfz-Zugangs einen weiten Weg zurückgelegt: Vom rein mechanischen Schlüssel über den Transponder- und Komfortschlüssel bis hin zum vollelektronischen Keyless-System. Mehr Sicherheit, mehr Praktikabilität und eine größere Funktionalität standen bei der Entwicklung im Mittelpunkt der Hersteller. Nun zeichnet sich eine völlig neue Technologie ab.
Nach einem dramatischen Peak Mitte der 1990er-Jahre bei dem jährlich mehr als 100.000 Fahrzeuge gestohlen wurden, hat sich Lage bei den Totaldiebstählen PKW in Deutschland seit rund zehn Jahren bei rund 20.000 Einheiten stabilisiert. Allerdings hat sich im Gegenzug der durchschnittliche Schaden und Gesamtaufwand für gestohlene Fahrzeuge im selben Zeitraum von rund 8.000 Euro auf nunmehr 16.000 Euro erhöht, Tendenz weiter steigend.
Es gibt also Gründe, trotz elektronischer Wegfahrsperre und GPS-Überwachung, den berechtigten Zugang zum Automobil weiter zu verbessern und die Digitalisierung liefert auch hier den Schlüssel zum Erfolg, auch wenn dieser in Zukunft ein Virtueller Fahrzeugschlüssel (VFS) ist, wie Christoph Lauterwasser, Leiter des Allianz Zenrum für Technik im exklusiven Interview mit VWheuteTV erläutert.
Als grundlegenden Sicherheitsstandard hat die Allianz zehn Kernpunkte formuliert, die für den Einsatz und Dauerbetrieb des Virtuellen Schlüssels unabdingbar sind:
  • Zugangsberechtigung und Fahrberechtigung müssen getrennt sein.
  • Der VFS darf nicht kopierbar sein.
  • Angriffe auf einem mobilen Endgerät heraus auf den VFS müssen verhindert werden.
  • Die Datenübertragung zwischen Kfz und VFS muss besonders geschützt sein.
  • Jegliche beteiligte Hardware muss hohe Anforderungen an die IT-Sicherheit erfüllen.
  • Die Richtlinien des Bundesamtes für Sicherheit in der IT gelten als Basisstandard.
  • Die Vergabe muss in einer abgesicherten Prozedur und nur an registrierte Nutzer erfolgen.
  • Eine übergeordnete Instanz wacht über die Vergabe des VFS.
  • Diese Instanz kann den VFS jederzeit zurückziehen, der Vorgang muss vom Kfz oder Handy bestätigt werden.
  • Das System muss deshalb eine datenschutzgerechte Protokollfunktion haben, mit der Versicherungsnehmer einen korrekten Umgang unveränderlich und forensisch zweckmäßig nachweisen kann.
Dieser Katalog dient mittlerweile auch dem GDV als Diskussionsgrundlage für die Absicherung des Systems. Denn entscheidend für die großflächige Verbreitung wird das Thema Vertrauen sein. Wird dieses enttäuscht könnte der Schaden irreversibel sein und eine breite gesellschaftliche Diskussion auslösen, wie Lauterwasser auf Nachfrage präzisiert:
Welche konkreten Auswirkungen die flächendeckende Einführung des Virtuellen Fahrzeugschlüssels auf das Geschäft der Kfz-Versicherer haben wird ist noch unklar. Auch wenn die Allianz vorerst noch von keinerlei Auswirkungen auf den Versicherungsschutz selbst ausgeht und die grundlegenden Rechte und Pflichten des Versicherungsnehmers unberührt sieht, stellen sich doch eine ganze Reihe von Fragen: Wenn der Pkw mittels Mobilphome gestartet werden kann, kann er dann auch extern lahmgelegt werden, z.B. von Hackern, vom Amt oder auch Dieben? Letztere könnten sich zudem auf das Ausschlachten von Kfz verlegen, denn einmal geblockte Software ist nicht reversibel, siehe Apple, die gestohlene Iphones aus der Ferne vollkommen unbrauchbar machen können.
Als erster Automobilhersteller hat Daimler-Benz den Virtuellen Schlüssel in der E-Klasse als Zusatzoption im Programm, weitere werden bereits 2018 und 2019 folgen. Diese Situation erinnert Jochen Haug, seit Januar 2018 neuer Schadenvorstand bei der Allianz Versicherungs-AG, an die Herausforderung, vor der die beteiligten Branchen Anfang der 1990er Jahre standen, als im AZT die Anforderungen an die elektronische Wegfahrsperren erarbeitet wurden.
Damals ging es um die Eindämmung der Totaldiebstähle, heute geht es darum, den Virtuellen Schlüssel so zu gestalten, dass Versicherungsnehmer im Schadenfall der sichere und einfach Umgang garantiert wird, so Haug bei der Vorstellung der Technik in München-Ismaning. Im Video-Interview gibt der Manager zudem Auskunft darüber, welche Schwerpunkte er sich für seine Arbeit im Vorstand gesetzt hat.
(vwh/ak)
Bild: Jochen Haug, seit Januar 2018 neuer Schadenvorstand bei der Allianz Versicherungs-AG präsentiert vier Generationen Kfz-Schlüssel. (Quelle: Alexander Kaspar)
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