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Personalisierte Tarife: Glücksfall oder Teufelszeug?

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Ganz so drastisch formulierte es Günter Hirsch, Ombudsmann für Versicherungen, während seines Vortrages auf der 28. Wissenschaftstagung des Bundes der Versicherten (BdV) in Berlin zwar nicht. Einen Widerspruch zwischen den Interessen des einzelnen Versicherungsnehmers und denen des Kollektivs machte er beim Thema individuelle Beitragskalkulation dann doch aus.
Telematik- und "Smarte" Tarife, die auf der Basis sehr vieler individueller Daten kalkuliert und auf den einzelnen Versicherten zugeschnitten sind, verändern das gesamte Risikokollektiv, ist Hirsch sicher. Indem Versicherer gute Risiken identifizieren und zusammenfassen bestünde die Möglichkeit, dass Personen ohne persönlichen Risikostatus oder mit "schlechten" Risiken mit höheren Beiträgen rechnen oder gänzlich auf Versicherungsschutz verzichten müssen. Im Augenblick haben die Versicherer nach seiner Einschätzung zwar nicht unmittelbar vor, die Prämien des "Rest"-Kollektivs zu erhöhen. Allerdings sei eine solche Entwicklung zumindest nicht auszuschließen.
Noch keine neue rechtliche Qualität
Zumindest im Moment sieht Hirsch in der weiteren Individualisierung der Prämien noch keine neue rechtliche Qualität. "Individuelle Risiken sind von jeher Teil der Kalkulation von Versicherern", machte er deutlich. "Ob in Kfz, beim Hochwasser, in der privaten Krankenversicherung oder der BU – Prämien sind stets risikobasiert und nicht sozial gesteuert." Im Augenblick sieht er daher das Solidaritätsprinzip von Versicherungen nicht unmittelbar in Gefahr, zumal Telematiktarife immer auch einen präventiven Anteil haben, der zur Vermeidung von Risiken führe und damit das Kollektiv entlaste.
Allerdings könne die Quantität der Selektion, wie sie bereits an der Tagesordnung ist, in eine neue Qualität umschlagen. Dann müssten Gerichte, Gesetzgeber und Verbraucherschutz unter Umständen aktiv werden, um geeignete Rahmenbedingungen festzulegen. Bis dahin vertraue er auf einen vernünftigen gesellschaftlichen Diskurs.
Keine Regulierung von Telematiktarifen
Für eine inhaltliche Regulierung von Telematiktarifen, wie sie etwa in Italien im Gespräch sind, plädiert er daher nicht, sondern lediglich dafür, dass sie transparent gemacht werden. Er appellierte entsprechend an die Versicherer, ein Problembewusstsein zu entwickeln und die Grenzen des Akzeptablen bei der Datensammlung und -nutzung nicht zu überschreiten. Bei der Erfassung gentechnischer Daten durch Versicherer habe der Gesetzgeber mit dem Gendiagnostikgesetz gezeigt, dass er klare Grenzen im Sinne der Verbraucher aufzeige, aber gleichzeitig – etwa bei extremen Fällen in der BU – Ausnahmen zugunsten der Versicherer zulasse.
Kunde muss Datenhoheit behalten
Voraussetzung für die Datenerfassung durch Versicherer sei die Zustimmung der Kunden – dann ist sie rechtmäßig, so Hirsch. Allerdings dürfe kein Druck ausgeübt werden. Prämienvorteile und Boni sind aus seiner Sicht unbedenklich. Als positiv schätzt er ein, dass Versicherer mit Telematiktarifen separate Dienstleister haben, die die Daten erfassen und in Scoringwerte umwandeln. Was die Datenhoheit betrifft, schließt er sich der Meinung des GDV an, dass es – in dem Fall bezogen auf das obligatorische europäische ecall-System in Neuwagen – kein Datenmonopol der Autobauer geben dürfe, sondern der Halter entscheiden müsse, wem er seine Daten zur Verfügung stellt. (epo)
Bild: Günter Hirsch, Ombudsmann für Versicherungen (Quelle: Epo)
Bund der Versicherten · Günther Hirsch · Personalisierte Tarife
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