Märkte & Vertrieb

Wie Versicherer Flüchtlinge integrieren (oder auch nicht)

Von Alexander KasparTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Versicherer bemühen sich Flüchtlinge ins Tagesgeschäft zu integrieren - auch zu Marketingzwecken. Doch fehlende Deutschkenntnisse und niedriges Bildungsniveau sind große Hindernisse bei der Einstellung. Dennoch hat die Politik die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt als gesamtgesellschaftliche Aufgabe mit Querschnitt-Charakter und -Funktion hat die Politik an Unternehmen, Mittelstand und Wirtschaft adressiert.
In die Tat umsetzen sollen dies die Unternehmen mit Angeboten für Praktika, Schnupper- Jobs oder Lehrlingsverträgen. Das ist leichter gesagt als getan, denn zum Credo der Bundeskanzlerin "Wir schaffen das!" gehört komplemetär von Seiten der Flüchtlinge auch ein "Wir wollen das schaffen!".
Als größtes Hindernis entpuppt sich bei allen Bemühungen um die Integration in den Arbeitsmarkt die sprachliche Barriere, so dass man allen an der Integration beteiligten Partnern in Abwandlung des geflügelten Wortes aus der erfolgreichen Präsidentschaftskandidatur Bill Clintons von 1992 zurufen könnte: "It's the language, stupid!"

Riesiger Bedarf bei den Unternehmen

Deutschland ist ein hochtechnisiertes, durchreguliertes und dem Arbeitsethos verpflichteter Industriestaat, der neben den klassischen Handwerksberufen und Dienstleistungsangeboten, so ziemlich jeden Job für ausbildungsinteressierte junge Menschen bereit hält, den eine entwickelte Gesellschaft westlicher Prägung nur anbieten kann. Der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern ist auch bei den Unternehmen landauf und landab riesig. Die permanente Diskussion um den sogenannten Fachkräftemangel spricht hierzu ganze Bände.
Als direkte Reaktion darauf hat neben der Migration aus zahlreichen Staaten der Europäischen Union, wie Spanien, Italien, Polen oder Griechenland mit dem Aussetzen der Schengen-Regelung 2015 eine große Zuwanderungsbewegung auch aus dem arabisch-afrikanischen Raum eingesetzt.
Argumentativ begleitet wurden die Wanderungsbewegungen aus Wirtschaft und Politik, neben der reinen humanitären Verpflichtung Deutschlands, vor allen Dingen mit dem demografischen Wandel, demzufolge die Deutschen immer weniger werden, was die sozialen Sicherungssysteme bedroht und deshalb neue Arbeitskräfte und Beitragszahler notwendig macht.
"Jetzt sind sie eben da", kommentierte Bundeskanzlerin Angela Merkel lakonisch den Zuzug von mehr als einer Million Menschen, doch vom reinen "da sein" bis zum wirklichen "angekommen sein" ist es ein weiter Weg, ein sehr weiter sogar, wie ein Blick in die Finanz- und Versicherungswirtschaft dieser Tage zeigt.
So berichtet die Signal-Iduna aus Dortmund: "Aus unserer Sicht sind fehlende Sprachkenntnisse das Haupthindernis, um Flüchtlinge beispielsweise im Versicherungsvertrieb einzusetzen. Diese werden allein schon deshalb gebraucht, um sich das nötige Produktwissen aneignen zu können, aber auch um unsere anspruchsvolle Beratungsphilosophie zu verstehen".

Sprachbarriere als größtes Hindernis

Zudem sei "das deutsche Vermittlerrecht sehr komplex und verlangt darüber hinaus unter anderem eine umfangreiche Sachkundeprüfung. Daher setzen wir bei allen Bewerbern mindestens gute deutsche Sprachkenntnisse in Wort und Schrift voraus. Es muss also darum gehen, Migranten fit zu machen, damit sie ausbildungsfähig werden. Daher unterstützt die Signal Iduna Initiativen, beipielsweise der Industrie-und Handelskammer Dortmund, um Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten." Konkret ist man am Integrationsprojekt "Flüchtlingsbus“ beteiligt, welches Flüchtlinge und potenzielle Ausbildungsunternehmen in Kontakt zueinander bringt.
Sprache als Schlüssel zum Erfolg steht auch beim Engagement der Huk-Coburg im Mittelpunkt der Aktivitäten: "Wir sind überzeugt, dass Deutschkenntnisse die entscheidende Grundlage bilden, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können. Deswegen ist es der Huk-Coburg wichtig zu helfen, die Deutschkenntnisse von Flüchtlingen zu verbessern. Bereits Ende 2015 hatte die Huk-Coburg mit ihrer jährlichen Weihnachtsspende 10.000 Euro an die Stadt Coburg gespendet, um die Integrationsarbeit zu erleichtern und die Flüchtlinge beim Erlernen der deutschen Sprache zu unterstützen. Denn den meisten fehlen bereits Grundkenntnisse. Das sind schlechte Voraussetzungen für einen Berufseinstieg. Deshalb unterrichten viele Beschäftigte der Huk-Coburg mehrmals pro Woche in der deutschen Sprache. Das alles geschieht auf freiwilliger Basis."

Allianz setzt auf Qualifizierung

Sehr ernst nimmt auch die Allianz Deutschland ihre gesellschaftliche Verantwortung. In München ist man der Meinung, dass auch Geflüchtete für klassische Berufsbilder in der Versicherungswirtschaft qualifiziert werden können. Wer sich als geeignet erweist, kann bei der Allianz Deutschland entweder direkt in die Ausbildung einsteigen oder durchläuft zunächst eine sogenannte Einstiegsqualifizierung.
Dabei wird der Kandidat mit einem einjährigen dualen Vorbereitungskurs auf die folgende Berufsausbildung vorqualifiziert. Im Herbst 2017 hat das Unternehmen an drei Standorten der Allianz Deutschland im Innendienst insgesamt 20 Geflüchtete eingestellt. Davon befinden sich zwölf in der Einstiegsqualifizierung und acht in der dualen Ausbildung. Darunter sind sowohl Köche, Maschinen- und Anlageführer als auch Kaufleute für Büromanagement und Kaufleute für Versicherung und Finanzen.
Hinzu kommt am Standort Stuttgart ein Student mit Fluchthintergrund für die duale Hochschule Baden-Württemberg in Betriebswirtschaftslehre. Als größte Hürde erweisen sich die meist begrenzten Sprachkenntnisse der Geflüchteten, so die bisherigen Erfahrung.

Munich Re investiert in Flüchtlingsportale

Aber auch Rückversicherer wie die Munich Re engagieren sich beim Thema Flüchtlinge, schränken jedoch ein: „Als großer Arbeitgeber ist Munich Re natürlich an Bewerbungen von (ehemaligen) Flüchtlingen interessiert. Gleichzeitig bringen die Funktionen in unseren Unternehmen größtenteils hohe, spezielle Anforderungen mit sich; daher ist unverändert keine sehr große Anzahl an festen Anstellungen zu erwarten.
Im Konzern haben mehrere Flüchtlinge ein Praktikum absolviert bzw. sich für eine Ausbildung qualifiziert. Munich Re veröffentlicht regelmäßig ihre Stellenanzeigen auf der speziell für Flüchtlinge entwickelten Infoplattform innerhalb des mehrsprachigen Flüchtlingsportal www.refugees.telekom.de – einer in Deutschland wichtigen Plattform zur Informationsvermittlung und Kontaktaufnahme für Flüchtlinge.
Neben den mangelnden Sprachkenntnissen erschweren vor allen Dingen fehlende Schulabschlüsse die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. Schutzsuchende verlassen ihr Land oftmals ohne Nachweise über einen Schulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. Das durchschnittliche Bildungsniveau von etwa der Hälfte der Migranten ist als gering eingestuft worden. Somit ist eine Integration in höher qualifizierte Berufe, speziell in der Finanz- und Versicherungswirtschaft daher in den meisten Fällen sehr schwierig. Es ist zu erwarten, dass die komplette Integration noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird und einen langfristigen Prozess darstellt. (ak)
Den vollständigen Beitrag lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Bildquelle: Dieter Schütz / PIXELIO (www.pixelio.de)
Signal Iduna · Allianz · Munich Re · HUK Coburg · Flüchtlinge. Integration
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