Politik & Regulierung

Sattelberger: "Versicherungsbeamtentum hat nie Kundenzentrierung gelernt"

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Der ehemalige Top-Manager Thomas Sattelberger gilt gemeinhin als Mann klarer Worte. Wenig verwunderlich, dass er auch mit der Versicherungsbranche hart ins Gericht geht. Im Exklusiv-Interview mit VWheute kritisiert der ehemalige Personalvorstand die mangelnde Kundenorientierung des "Versicherungsbeamtentums" und Deutschlands "gedopte Wirtschaft".
VWheute: Herr Sattelberger, sie als Außenstehender, was ärgert sie an der Versicherungswelt?
Thomas Sattelberger: Als Kunde bin über die Intransparenz sinkender Renditen und Überschüsse persönlich ziemlich verärgert. Als ich von meiner großen Versicherung wissen wollte, wie die Überschussanteile berechnet werden, hat man mir mit einem nichtssagenden Formschreiben geantwortet. Keinerlei Kundenorientierung und Gründlichkeit, mit der Fragen beantwortet werden.
Und warum schafft es eine Versicherung nicht, meine 14 Versicherungsverträge ordentlich und übersichtlich darzustellen. Die Branche konsolidiert sich seit Jahren, schafft es aber nach Mergers & Acquisitions nicht, Verträge konsolidiert darzustellen. Das Versicherungsbeamtentum hat wohl nie Kundenzentrierung gelernt, die Insurtechs haben ihnen da einiges voraus.
VWheute: Sind sie ein Befürworter von Quoten?
Thomas Sattelberger: Ich habe es damals für richtig gehalten, dass die Quote für Frauen in den Aufsichtsräten gekommen ist. Da geht es um wenige hundert Personen. Die flexible Quote von Frau Schwesig im Führungsbereich von Unternehmen war dagegen ein Schuss in den Ofen. Hände Weg vom Mittelstand, der Schwerpunkt sind Aufsichtsräte von börsennotierten Unternehmen, der Rest ist Kulturarbeit in den Unternehmen.
VWheute: Es gibt ja nicht nur Frauenquoten, sondern auch Quoten, die Menschen mit Migrationshintergrund fördern.
Thomas Sattelberger: Während meiner Zeit als Personalvorstand bei der Telekom gehörten die regionalen Ausbildungszentren mit über zehntausend Auszubildenden zu meinem Verantwortungsbereich. Ich habe klar kommuniziert, dass ich einen ähnlichen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bei der Einstellung von Azubis erwarte, wie er in der jeweiligen Region gegeben ist. Das ist selbstverständlich für mich.
VWheute: Sehr löblich! Lassen sie uns bei Grundsätzen blieben: Sie waren jahrelang Manager und Personalvorstand bei großen Unternehmen, unter anderem bei der Telekom und Conti. Gab es irgendwelche Prinzipen, nach der sie ihre Arbeit ausgerichtet haben?
Thomas Sattelberger: Ich habe bei der Telekom den Elfwochen-Streik ausgefochten, den zweitlängsten Streik in der Geschichte der Bundesrepublik – ich kann Härte zeigen. Ich habe aber als Personalchef bewusst neben die harte Kosten- und Effizienzseite immer die Talententwicklung gestellt. Es ist aber natürlich so, dass die Profitabilität- und Effizienzseite die Eintrittskarte in das Geschäft ist, während die Bildung und Potenzialentwicklung eher in die Zukunft ausgerichtet ist.
VWheute: Stichwort Talententwicklung – sind alle Mitarbeiter zur Entfaltung fähig?
Thomas Sattelberger: Schlechtleister haben eigentlich bei einem Unternehmen nichts zu suchen. Das Thema Schlechtleister-Management ist ein sehr wichtiges Thema für Unternehmen, auch wenn sich viele Personaler daran nicht die Finger verbrennen wollen, denn man gerät schnell mit dem Betriebsrat aneinander. Es muss aber gemacht werden.
Meine Erfahrung ist aber, dass häufig nicht die Schlechtleister das Problem sind, sondern ungenügende Führung. Viele Vorgesetzte verpassen es, dem Mitarbeiter konstruktives und gleichzeitig kristallklares Feedback zu geben, und irgendwann läuft das Fass über. Das passiert, wenn man das Thema Führung jahrelang versaubeutelt.
VWheute: Was noch?
Thomas Sattelberger: Ein weiteres Problem sind Führungskräfte, die mit einem autoritären Auftreten ihre Untergebenen einschüchtern, sodass deren Kreativität und Potenziale auf der Strecke bleiben. Sie werden dann reine Gefolgsleute und reden dem Chef nur noch nach dem Mund. Mich beschäftigt das Thema schlechte Führung weit mehr als eine Diskussion zum Thema Schlechtleistung.
VWheute: Was bedeutet Führung und Werte im modernen Management?
Thomas Sattelberger: Ohne eitel klingen zu wollen, ich galt Jahre als innovativster und kraftvollster Personalvorstand der Republik. Ich habe mich nicht in die Fußstapfen von anderen begeben, sondern habe hierzulande personalarbeitstrategisch gestaltet. Ich habe die Standards gesetzt, anstatt ihnen zu folgen. Es gibt aber Werte: Mit war immer wichtig, die Wahrheit zu sagen.
VWheute: Braucht man in der Wirtschaft eine klare Führung?
Thomas Sattelberger: Wenn man damit Führung durch Anweisung versteht: nein. Leitplanken, Zukunftsbilder und Strategie sowie Werte allerdings schon. Auf keinen Fall sollte man einen innovationshemmenden Stil wählen.
VWheute: Warum brauchen wir Rebellen im Management?
Thomas Sattelberger: Deutschland ist wirtschaftlich in einer gefährlichen Situation, wir haben eine gedopte Wirtschaft, in der die Leistungsstärke eines Unternehmens gar nicht mehr richtig bewertet werden kann. Des Weiteren liegen wir im Bereich Digitalisierung hoffnungslos zurück. Nicht nur Banken und Versicherungen nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung kaum, sondern auch Branchen wie die Automobil- oder Energiebranche sowie der Handel.
Wir in Deutschland sind gut in der Realwirtschaft und miserabel in der Internetökonomie. Um hier aufzuholen, ist ein Bruch im Denken nötig und zur Überwindung dieser Kluft brauchen wir Rebellen, die sich gegen die herrschenden Kräfte durchsetzen.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.
Bild: Thomas Sattelberger (Quelle: privat)
Thomas Sattelberger
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