29.03.2018Politik & Regulierung

Fred Wagner: "bAV ist nach wie vor ein schlafender Riese"

Von VW-RedaktionVW heute
Die betriebliche Altersvorsorge (bAV) fristet in Deutschland immer noch ein Schattendasein. "Wir haben in Deutschland eine deutliche Unterversorgung, was die Betriebsrenten angeht", konstatiert Fred Wagner vom Institut für Versicherungslehre. Auch das Sozialpartnermodell sieht er im Exklusivinterview mit VWheute noch kritisch. So bleibe "bei den teils unterschiedlichen Interessenlagen der Tarifvertragsparteien durchsetzen wird."
VWheute: Hat die Lebensversicherung als Altersvorsorgeprodukt überhaupt noch eine Zukunft?
Fred Wagner: Unbedingt, ich halte die Lebensversicherung nach wie vor für eine tragende Säule der Altersvorsorge. Zwar kann Altersvorsorge z.B. auch mit Aktien- oder Rentenfonds unterlegt werden. Allerdings ist nach aller empirischen Erfahrung die Volatilität der Ergebnisse aus Investmentfonds deutlich ausgeprägter als bei der Lebensversicherung.
Besonders wichtig ist der Wert des Altersvorsorgevermögens im Zeitpunkt, zu dem die Rentenleistung benötigt wird. Und hier ist die Lebensversicherung im Vergleich zu allen anderen Vorsorgeformen traditionell eine besonders sichere Variante.
VWheute: Was müssen die Versicherer machen, damit ihre Produkte zukunftsfähig sind und bleiben?
Fred Wagner: Bei allen Neuerungen ist es besonders hilfreich, wenn sich die Lebensversicherer ihres Alleinstellungsmerkmals erinnern würden. Das ist nicht die reine Kapitalanlage, die auch andere Kapitalsammelstellen gut managen können. Das Alleinstellungsmerkmal der Lebensversicherung umfasst die Verknüpfung biometrischer Risiken mit der Altersvorsorge. Das betrifft nicht nur das Hinterbliebenen- oder Todesfallrisiko, sondern auch das Risiko des langen Lebens.
Einen Garantiezins auf Lebenszeit gab und gibt es nur in der Assekuranz. Allerdings ist genau das für die Branche aufgrund der lang andauernden Niedrigzinsphase inzwischen zum Problem geworden. Die Kalkulation und Garantie eines nennenswert hohen Zinssatzes über einen langen Zeitraum von 30 oder 40 Jahren dürfte kaum noch möglich sein. Dennoch bringt auch ein lebenslanger Garantiezins mit einer Null vor dem Komma immer noch mehr als jede andere Anlageform. Hinzu kommt dann nach menschlichem Ermessen immer noch eine Überschussbeteiligung, obwohl diese nicht garantiert werden kann.
VWheute: Nun drängen auch andere Kapitalprodukte in den Markt der Altersvorsorge?
Fred Wagner: Die Sicherheit der Lebensversicherung ist auch bei einem insgesamt niedrigeren Zinsergebnis höher als bei anderen Anlageformen. Ein Sparer oder Kapitalanleger, der risikoreicher für die Altersvorsorge anlegt, kann möglicherweise mehr Rendite erwarten, allerdings eben bei erhöhter Unsicherheit über das Ergebnis.
Die neu angebotenen hybriden Versicherungsprodukte oder die Fondsprodukte der Lebensversicherer bewegen sich näher, bzw. dicht am Kapitalmarkt. Je mehr Renditeerwartungen diese versprechen, desto mehr Risiko muss der Kunde bereit sein, zu tragen. Hier geht die Bandbreite bis hin zu fast reinen Investmentprodukten.
VWheute: Betriebsrentenstärkungsgesetz – Ist die bAV der große Renner in diesem Jahr?
Fred Wagner: Die betriebliche Altersvorsorge ist nach wie vor ein schlafender Riese. Wir haben in Deutschland eine deutliche Unterversorgung, was die Betriebsrenten angeht. Die meisten großen Arbeitgeber haben zwar ein eigenes Betriebsrentensystem installiert. Die Durchdringung bewerte ich hier als mittelprächtig. Bei vielen Klein- und Mittelbetrieben findet die bAV jedoch bislang kaum statt. Auch das Vorsorgevolumen innerhalb der einzelnen Betriebsrentenverträge halte ich für ausbaufähig.
Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Menschen Budgetrestriktionen haben und eine zusätzliche bAV in der Gegenwart Konsumverzicht voraussetzen würde. Zum anderen dürfte die Trägheit der Menschen, eine Betriebsrente in Anspruch nehmen zu wollen, eine Rolle spielen. Das Betriebsrentenstärkungsgesetz soll es nun erleichtern, Betriebsrenten abzuschließen.
Der Verzicht auf Garantien und die eigene Enthaftung schaffen Anreize für den Arbeitgeber und erleichtern es ihm, sich zu engagieren. Allerdings bleibt nach wie vor das Problem, dass jeder Arbeitnehmer abgeholt werden muss. Zunächst scheint eine Opting-out-Variante vom Tisch. Sie kann zwar tarifvertraglich zwischen den Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften vereinbart werden. Allerdings sehe ich da zurzeit wenig Bewegung.
VWheute: Was halten Sie vom neuen Sozialpartnermodell?
Fred Wagner: Es bleibt abzuwarten, ob sich das Sozialpartnermodell bei den teils unterschiedlichen Interessenlagen der Tarifvertragsparteien durchsetzen wird. Die Gewerkschaften und bestimmte politische Parteien scheinen eher geneigt, für die Stärkung der gesetzlichen Rente einzutreten. Teilweise wird hier betont, dass mit einer Förderung der bAV eine Schwächung des Rentensystems verbunden ist.
Denn was aufgrund der Verhinderung einer Doppelverbeitragung nicht mehr in die Rentenversicherung fließt, reduziert die gesetzliche Altersversorgung. Auch die Arbeitgeber sind nicht unbedingt davon überzeugt, dass das Sozialpartnermodell die optimale Lösung bietet. Fraglich ist hier z.B., wer die Kapitalanlageverantwortung in der bAV übernimmt. Insgesamt bin ich zurückhaltend in der Beurteilung, ob in der bAV in diesem Jahr der große Durchbruch gelingt.
VWheute: Nochmals kurz nachgefragt. Ist die Lebensversicherungsbranche nach wie vor glaubwürdig, wenn es um das Thema Altersvorsorge geht?
Fred Wagner: Absolut, die Branche verfügt auf breiter Front über großes Vertrauen in der Kundschaft – vielfach auch entgegen der Auffassungen von Teilen des sogenannten "Verbraucherschutzes". Es gibt z.B keinen anderen Wirtschaftszweig, der beim Datenschutz ein größeres Vertrauen besitzt, als die Versicherungswirtschaft. Schade ist, dass von verschiedener Seite die Lebensversicherung immer wieder zerredet wird.
Einzelne Aktionen von und in Unternehmen sorgen auch leider immer wieder für Irritationen, die der gesamten Branche angelastet werden. Und es wäre sicher hilfreich, wenn die Branche offensiver, transparenter und nachhaltiger über ihr Geschäftsmodell kommunizieren und aufklären würde. Hier sehe ich viel Nachholbedarf und eine größere Präsenzpflicht in der Öffentlichkeit.
Die Fragen stellte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.
Bild: Fred Wagner (58) ist Professor für Versicherungsbetriebslehre an der Universität Leipzig und dort seit 1996 Leiter des Instituts für Versicherungslehre. (Quelle: Vers Leipzig)
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