Schlaglicht

Expedition ins All: "Lebensversicherer sagte, Risiken sind nicht eingeschlossen"

Von Tagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Seit 2011 war sie im All, nun geht die Geschichte des chinesischen Raumlabors Tiangong-1 zu Ende. Zu Ostern soll die Station laut Angaben der Europäischen Raumstation beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglühen. Anlass genug, um mit dem ehemaligen Raumfahrer und aktiven ESA-Strategen Thomas Reiter im Exklusiv-Interview über die Risiken des Weltraums und den Reiz des Unbekannten zu sprechen.
VWheute: Herr Reiter, von 1992 bis 2007 waren Sie als achter Deutscher im Weltraum. In der russischen Raumstation Mir absolvierten Sie 1995/96 den ersten ESA-Langzeitflug überhaupt. Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
Thomas Reiter: Das ist gewissermaßen ein Kindheitstraum. Ich habe mit elf Jahren die Mondlandung verfolgt, zuvor natürlich die vielfältigen Raumfahrtaktivitäten ‑ hauptsächlich in den USA - mit den Mercury-Missionen, den Gemini-Missionen und dem Apollo-Programm. Das war die Zeit, in der ich meine Begeisterung für das Weltall entfaltet und mit großer Faszination gedacht habe, dass es toll wäre, einmal Astronaut zu werden.
Der Faktor Glück hat sicherlich eine Rolle gespielt, denn solch ein Auswahlverfahren ist in Europa ausgesprochen selten und deshalb nicht planbar. Meine ursprüngliche Überlegung bestand darin, dem Ziel möglichst nahe zu kommen – in dem Fall Luft- und Raumfahrttechnik zu studieren und das wiederum mit der Fliegerei in der Bundeswehr bei der Luftwaffe zu kombinieren. Später hat sich die Chance ergeben, an einer Expedition im Weltall teilzuhaben. Diese habe ich ergriffen.
VWheute: Wie nehmen Sie Risiken als Astronaut wahr? Wie viel Risiko steckt in Ihrem Beruf?
Thomas Reiter: Alleine schon, wenn man in ein Auswahlverfahren für Astronauten gelangt, muss man sich Gedanken darüber machen, dass es sich um einen Beruf handelt, der mit höheren Risiken belastet ist. Das erste Auswahlverfahren 1986 begann übrigens in dem Jahr, als die Challenger beim Start explodiert war. Sie können sich sicher vorstellen, dass ich mir vor diesem Hintergrund genau überlegt habe, ob ich dieses Risiko eingehen möchte.
Andererseits gehören Risiken zum Leben dazu, so platt das auch klingen mag. Die Aufgabe besteht darin, damit umzugehen, zum Beispiel indem man sich in der Ausbildung so gut es geht mit all den möglichen Gefahren vertraut macht. Ebenso spielt das Vertrauen in die Menschen eine Rolle, die an solchen Programmen arbeiten. Gerade sie geben ihr Allermöglichstes, um Risiken zu minimieren.
Ein gewisses Restrisiko bleibt jedoch immer. Man muss also abwägen gegenüber dem, was man an Erkenntnissen und Gewinn für die Allgemeinheit bringen kann. Es ist wichtig, nüchtern zu bleiben und sich im Klaren darüber zu sein, dass man sich zu 80 Prozent der Zeit mit wissenschaftlichen Aufgaben beschäftigt, die wirklich an der vordersten Front der Forschung stattfinden. Das wägt das Risiko auf.
VWheute: Im Weltraum haben Sie, um es in der Sprache der Versicherungsvermittler zu formulieren, auch einen Außendienst-Einsatz absolviert. Wie war das?
Thomas Reiter: Dieses Erlebnis ist gefühlsmäßig noch einmal eine Steigerung. Das Leben und Arbeiten an Bord der Raumstation ist an sich schon faszinierend und vielseitig. Man hat Ausblicke auf den gesamten Planeten und sieht in die Tiefen des Weltraums. Die Möglichkeit zu haben "raus zu gehen", ist nochmal etwas Besonderes, denn näher kann man dem Weltraum nicht sein. Im Hinblick auf das Risiko sind diese Außenbordeinsätze im wahrsten Sinne des Wortes noch ein zusätzlicher Schritt. Dort draußen befindet man sich unmittelbar in einer sehr lebensfeindlichen Umgebung.
VWheute: Wie schützt man sich?
Thomas Reiter: Praktisch gesprochen vor allem durch den Raumanzug. Aus operationeller Sicht ist die Vorbereitung für solche Einsätze noch wichtiger und grundsätzlich sehr intensiv. Insgesamt kann man sagen, dass in der Ausbildung der Umgang mit Notsituationen, also mit allen möglichen Eventualitäten, die passieren können, immer wieder eingeübt wird. Jeder Handgriff muss sitzen. Natürlich kann man nicht alle Szenarien simulieren. Doch es gibt Hauptszenarien – sowohl in der Raumstation als auch draußen.
VWheute: Welche Faktoren spielen eine Rolle, wenn etwas schiefgeht?
Thomas Reiter: Dann greifen bestimmte Rettungsszenarien. Ganz entscheidend ist es beispielsweise, im Notfall so schnell wie möglich wieder in die Luftschleuse zu kommen. Zudem geht man immer zu zweit hinaus, um sich gegenseitig zu helfen. Draußen ist man fokussiert auf die Aufgaben, die zu erfüllen sind, ruft alles ab, was man in der Ausbildung gelernt hat und funktioniert wie eine Maschine.
In dieser Situation ist kein Platz für Gedanken an Risiken, zumindest bei mir war das so. Wenn etwas nicht so läuft wie geplant und Probleme auftauchen, zeigt sich auch die Fähigkeit vom Menschen, intuitiv und flexibel zu reagieren.
VWheute: Wie versichert man sich als Raumfahrer gegen Risiken für das Weltall?
Thomas Reiter: (lacht) Als ich in den Astronautenkorps aufgenommen wurde, habe ich eine Nachricht von meinem Lebensversicherer erhalten, dass die Risiken nicht eingeschlossen sind – natürlich. Dafür war der Arbeitgeber zuständig. Privat kann man das gar nicht machen. So ein Risiko zu versichern, wäre sehr teuer. Es wurde von der Europäischen Raumfahrtagentur abgedeckt. Das ist ähnlich wie in der Bundeswehr. Man schließt keine Extra-Versicherung ab, wenn man in der Jetfliegerei ist.
VWheute: Player wie Amazon oder Tesla kämpfen um den Weltmarkt Weltraum. Was halten Sie von "Weltraumtourismus"?
Thomas Reiter: Grundsätzlich finde ich das erst einmal gut, wenn man unabhängig von der wissenschaftlichen Aufgabe, die man oben hat, auch dieses Thema betrachtet. Man ist von dem Anblick unseres Planeten, den man alle 90 Minuten umrundet, absolut fasziniert.
Sie können sich vorstellen, dass diese Eindrücke den Blick auf die vielen kleineren und größeren Schwierigkeiten, die wir hier unten insgesamt als Menschheit haben, relativieren und Probleme in etwas anderen Kontext setzen. Ich bin fest davon überzeugt, je mehr Menschen die Möglichkeit hätten, diesen Blick mal zu bekommen, desto eher würde es uns gelingen doch einige dieser Probleme zu lösen.
VWheute: Woran machen Sie das fest?
Thomas Reiter: Ein Beispiel: Man überfliegt die Erde in so kurzer Zeit. Man kann alle 90 Minuten Sonnenuntergänge sehen, ist von dieser Vielfalt an Farben, Formen und Texturen einfach begeistert, über den Meeren, den Wolkenformationen, über den Wüsten, unglaublich schöne Bilder, die sich in das Bewusstsein einprägen. Dann kommt man über Regionen, von denen man weiß, dass dort kriegerische Auseinandersetzungen herrschen.
Und schon wird man von einer Sekunde auf die nächste auf den Boden der harten Realität zurückversetzt. Ich denke, es wäre für die Menschen sehr hilfreich, über den Horizont zu blicken. Es würde ein anderes Verhältnis zu unserem Planeten, zu der Natur, zu der Umwelt erzeugen. Ich würde mir eher für morgen als für übermorgen wünschen, dass möglichst viele Menschen das erleben.
VWheute: Mission to Mars: Utopie oder reales Szenario? Wo sehen Sie die größten Risiken, wo die Chancen?
Thomas Reiter: Es ist aus heutiger Sicht keine Utopie. Allerdings sind noch einige Technologien entsprechend zu entwickeln bzw. zu einer entsprechenden Reife zu bringen. Die Bedingungen auf dem Mars unterscheiden sich massiv von der Erde. Der Druck auf der Oberfläche entspricht etwa einem Prozent des Druckes auf der Erdoberfläche. Es ist eine Kohlendioxid-Atmosphäre. 
Die Temperaturen liegen im Mittel bei minus 50 bis minus 60 Grad Celsius. Die Lebensverhältnisse dort sind nicht vergleichbar mit denen der Erde. Allerdings sind sich die Wissenschaftler einig, dass es vor langer Zeit auf dem Mars eine große Menge von flüssigem Wasser gegeben haben muss. Die Vermutung liegt nahe, dass sich dort auch Leben entwickelt hat. Das macht den Mars so interessant.
VWheute: Wann können Menschen auf den Mars?
Thomas Reiter: Da gibt es weltweit unterschiedliche Vorstellungen. Elon Musk mit seiner Firma SpaceX spricht davon, vielleicht Mitte des nächsten Jahrzehnts Menschen dorthin zu schicken. Bei der Nasa gibt es Planungen, Astronauten Mitte der 2030er-Jahre dort hinzubringen. Das halte ich aus heutiger Sicht für wahrscheinlicher. Der Strahlenschutz ist einer von zwei größeren Problembereichen.
Wenn wir an Bord einer Raumstation um die Erde fliegen sind wir gut durch das Magnetfeld der Erde vor dieser Strahlung geschützt. Wenn wir auf dem Weg zum Mars sind, schützt uns dieses Magnetfeld nicht mehr. Hier muss man möglichst leichte Materialien finden, ein in Bleiplatten verkleidetes Raumschiff wäre viel zu schwer. Der zweite Themenbereich ist der Regenerationsgrad von Sauerstoff und Wasser.
Denn eine Mission von Menschen zum Mars wird sehr lange dauern. Vom Abflug bis zur Rückkehr werden zweieinhalb Jahre liegen. Man kann nicht den gesamten Vorrat für eine so lange Mission mitnehmen, also muss man diese Stoffe regenerieren. Hier nutzt man bereits die ISS, um diese Technologien zu verbessern. Heute können rund 70 bis 80 Prozent des Wassers an Bord regeneriert werden. Das Ziel ist es, diesen Regenerationsgrad auf über 90 Prozent zu bringen. Grundsätzlich ist man also auf einem guten Weg. Um auf den Mars zu fliegen, muss also heute nichts geschehen, das noch unvorstellbar wäre.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Michael Stanczyk.
Bild: Thomas Reiter (Quelle: ESA)
Das vollständige Interview lesen Sie in der März-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Raumfahrt · Thomas Reiter · Weltrraum