Märkte & Vertrieb

Run-off-Branche reift und wird respektabel

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Prozessoptimierung und zunehmende Respektabilität der Branche waren die zentralen Themen des German Run-off Forum 2018. Das von Martin Kanwar, Refocus LLC, veranstaltete Event in Köln zeigte, dass der Weg des Run-Offs noch lange nicht abgeschlossen ist. Schadengutachter entdecken das Konzept für sich und Investoren sollen gewonnen werden.
Vorbei sind im Run-Off die Zeiten, in denen Geschäftspartner mittels verschiedener Strategien über den Tisch gezogen wurden. Sei es mit aggressiv strukturierten britischen solvent schemes of arrangements, durch Portfolio-Transfers in periphere EU-Staaten oder im Wege der Anregung nicht dem Kundeninteresse entsprechenden Policenmodifikation oder -kündigung. Brand protection steht nun sowohl für den einstigen Versicherer als auch für die Run-off Gesellschaft selber im Vordergrund. Ohne fair treatment der Kunden kann es keine Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells geben. Run-off-Spezialisten sind vielmehr darauf angewiesen, ihre eigene Reputation von einer Transaktion zur nächsten weiter zu stärken, sonst könnten die Aufsichtsbehörden weitere Geschäfte verweigern.
Ihren gesamtgesellschaftlichen Nutzen stellen die Unternehmen dadurch unter Beweis, dass sie die Kosten der fortlaufenden Portfolioverwaltung von Jahr zu Jahr weiter reduzieren. Einige Run-off-Organisationen beginnen ihre künftige Rolle nun darin zu sehen, dass sie neben Run-offs auch die optimierte Verwaltung von Neubeständen für im Wettbewerb stehende Versicherer übernehmen könnten. Noch einen Schritt weiter ginge es, wenn sie zusätzlich auch noch im Sinne eines white labelling die Lizenz und damit die regulatory compliance anböten. Die Rolle ihrer Kunden auf der Wertschöpfungskette würde sich dann auf das Branding und Marketing, das Aktuariat sowie die Besorgung von Rückversicherungsschutz beschränken.
Run-off Motivationen
Die Manager von Axa Liability Managers, Sylvain Villeroy de Galhau und John Byrne nannten Gründen für den Run-off von Portfolios:
  • Solvency II Eigenkapitalunterlegung für legacy portfolios. Dies gilt insbesondere für das long-tail Geschäft, unter dem bereits geringfügige Änderungen von aktuariellen Annahmen wie Mortalität und Zins katastrophale Auswirkungen zeigen können, etwa UK Workers’ Comp Portfolios und Rentenversprechungen (annuities)
  • Sub-optimale bestehende IT Lösungen
  • Niedrige Zinsen. Im Neugeschäft wird dieses Risiko mittlerweile auf unit-linked-Basis an die Versicherungsnehmer weitergereicht.
  • Unzureichende gegenwärtige Margen
Aufsichtsbehörden als mögliche Bremser
Aus Zeiten aggressiver Schadenminimierung kämpft die Branche noch immer mit einem tradierten schlechten Image, welches Aufsichtsbehörden mit einiger Vorsicht an vorgeschlagene Transaktionen gehen lässt. René Schnichels von der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek betonte die Notwendigkeit zweier aufsichtsrechtlicher Kriterien
  • Wahrung der Belange der Versicherungsnehmer. Dies ist zwar ein unbestimmter Rechtsbegriff, es existiert jedoch eine über 100 Jahre etablierte Rechtsprechung. Es wurde angemerkt, dass eine striktere Schadenregulierung eines neuen Versicherers noch keine aufsichtsrechtlich relevante Benachteiligung der Versicherungsnehmer bedeute.
  • dauerhafte Erfüllbarkeit der Verbindlichkeiten (Solvabilität). Insofern kommt es lediglich auf die Erfüllung von Solvency II an, einem Versicherungsnehmer kann aber durchaus anstelle seines bisherigen etwa AA- gerateten Versicherers eine ungeratete alternative Gesellschaft vermittelt werden.
Portfoliotransfers funktionieren sowohl innerhalb von Deutschland als auch innerhalb der European Economic Area. Ein Transfer weg von einem VVaG zu einem nicht-VvaG erfordert noch die Kompensation der Versicherungsnehmer für verlorene Eigentumspositionen.
Die betroffenen Aufsichtsbehörden, Sitzland, künftiges Sitzland und Belegenheitsland müssen sämtlich zustimmen. Streitigkeiten wegen nicht erteilter Genehmigung gehen gegebenenfalls vor die nationalen Verwaltungsgerichte. Im Fall einer neuen zuständigen Aufsichtsbehörde, Extremfall: Rumänien, steht den Versicherungsnehmern ein Sonderkündigungsrecht zu. Ungeklärt ist, ob es ein Widerspruchsrecht von sonstigen Gläubigern gibt und ob ein späterer Insolvenzverwalter die Transaktion anfechten kann. Gegen die Anwendbarkeit des AnfG spricht wohl, das Aufsichtsrecht als lex specialis vorgeht.
Der UK Markt war der kontinentalen Entwicklung um Jahre voraus, mittlerweile sieht auch die Bafin Run-off-Aktivitäten als legitim an, jedenfalls wenn die Versichertenbelange weiterhin gebührend berücksichtigt werden. Alle Run-off Player verfügen mittlerweile über in-house-Aktuare, generell hat sich die sophistication und Seriosität des Run-off-Geschäfts wesentlich verbessert.
Qualität der Run-off IT als Erfolgskriterium
Der britische Run-off-Administrator Capita ist beim Versuch gescheitert. alle übernommenen Portfolios über eine einzige Plattform laufen zu lassen. Stattdessen findet er sich mit 84 Plattformen an 40 Standorten wieder, sein Aktienkurs ist kollabiert. Insofern ein warnendes Beispiel.
Ian Betley von DST Systems UK sah die Notwendigkeit, die Zahl der beschäftigen Personen zu halbieren, gleichzeitig aber nach wie vor zufriedenstellenden Kundenservice zu bieten. Das galt insbesondere bei Älteren, auf persönlichen Kontakt angewiesene Kunden, immerhin mehr als 60 Prozent der Policen. In vielen übernommenen Fällen fänden sich auch erstaunlich viele Policen von über 99-jährigen, die wohl größtenteils mittlerweile verstorben sind. Hier gilt es, rasche Abklärungen folgen zu lassen.
Erfolg verspricht folgendes Vorgehen:
  • Standardisierte und voll dokumentierte Prozeduren "common processs"
  • Open data, wie etwa bereits in der Bankenwelt
  • Straight through processing bei gleichzeitiger error avoidance
  • Slim structures durch Verwendung einer neuen Plattform, eventuell unter Eliminierung nicht mehr relevanter Alt-Daten
  • Scaleability, damit zusätzliches Geschäft übernommen werden kann
  • Roboterisierte Verarbeitung. Dieses tritt an die Stelle des aus der Mode gekommenen Outsourcings nach Indien
Betley forderte: "Ziel muss es sein Policen jetzt bereits für 15 Britische Pfund p.a. und demnächst für nur noch acht Britische Pfund p.a. zu verwalten.“
Philipp Kleyser, Head of Business Generation Germany & Austria bei Compre und gleichzeitig neuer HIR Vorstand, wies auf ein Dilemma von etablierten Versicherern anlässlich der IT-Umstellung hin. Es bedürfe eines gesonderten Programmieraufwands, um auch legacy Policen, also solche, die sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr im Programm befinden, zu berücksichtigen. Diese Notwendigkeit könnte sich bei der Abgabe der entsprechenden Portfolios ergeben.
Renate Everding, vom Softwarehaus Inveos GmbH, stellte folgende Forderungen auf:
  • Historische zedierte Rückversicherung, soweit nicht bereits im Wege der commutation gekappt, und ihre Administration müssen im neuen System repliziert werden, entweder durch Weiterbetrieb bestehender Systeme oder Migration auf neue Systeme, je nach Portfolio-Charakteristika.
  • Die verschiedenen source systems sind unter Harmonisierung der Datenstruktur zu integrieren
  • Es muss ihnen ein aggregierendes Hauptbuch (general ledger) übergestülpt werden
  • Die historischen Policenbedingungen bleiben weiterhin für die Schadenerledigung relevant.
  • Zweckmäßig ist es, die Schadenhistorie der Portfolios aus der Vergangenheit zu migrieren und zu erhalten, was bis auf das Anfangsjahr zurückgehende Schadendreiecke ermöglicht.
  • Durchaus denkbar ist, dass Blockchains bei der Portfolio-Datenverwaltung eingesetzt werden könnten.
Etablierte Schadengutachter entdecken den Run-off
Neben noch recht neuen Run-off-Spezialisten scheinen nun auch etablierte Schadengutachter den Run-off als erfolgversprechendes Geschäftsfeld zu entdecken. Paul M. Ogni, Country Manager Italy bei Crawford and Company Ltd, berichtete sein Unternehmen verwalte bereits an die 700 Mio. Euro an Schadenreserven.

Öffentlichkeit

Was die Sensibilität der Öffentlichkeit betrifft, besteht zwischen Lebens- und nicht-Lebens Portfolios ein erheblicher Unterschied: Im Bereich nicht-Leben geht es lediglich um die Schäden aus einem großen Portfolio, Schadenfrequenz vielleicht zehn Prozent. Ein Lebens-Run-off betrifft jedoch all mitveräußerten Versicherungsnehmer. Daher ist die Öffentlichkeit im Bereich Lebenstransaktionen wesentlich sensibler.
Long-Tail Aspekte von Bauwesenpolicen
Komplexität verspricht der Run-off von über 100 Mio. Euro an RC Décennale/ADO-Schadenreserven aus dem französischen Markt zu werden. Betroffen sind als letztlicher Risikoträger die neuseeländische CBL, daneben ein irischer sowie ein dänischer Fronter (Alpha) und möglicherweise auch noch eine oder zwei Gibraltar-Versicherer.
Run-off unter Investoren-Beteiligung?
Intensiv nachgedacht wird in der Branche über die Beteiligung Dritter Finanzinvestoren an Run-offs. In Betracht kommen:
  • Veräußerung von Run-off-Gesellschaften, wohl erst nach Restrukturierung und Effizienz-Erhöhung
  • Ausgabe von Schuldverschreibungen im Volumen der benötigten Solvabilität, deren Performance von der eines zugeordneten Teil-Portfolios eines Versicherers abhängt
  • Schaffung von protected cell Strukturen, welche innerhalb der EU derzeit lediglich auf Malta angeboten werden. Bestehende Versicherer können ihren Sitz dorthin im Wege der Umfirmierung in eine societas europaea verlegen. Jede cell kann dann separate Aktionäre haben.
(cpt)
Bild: Köln (Quelle: Tino Bahr / www.pixelio.de / PIXELIO)
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