Schlaglicht

LV-Branche muss sich Vorwurf der Abzocke stellen

Von Maximilian VolzTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Zuerst die Aktionäre, dann man selbst, lange nichts und am Ende die Kunden. Das ist der Vorwurf, denen sich die LV-Branche (mal wieder) stellen muss. Über Gewinnabführungsverträge würden viele Lebensversicherer immer größere Summen an Dritte weiterleiten, zu Lasten der Kunden. Der GDV hat dazu wenig überraschend eine etwas andere Sicht.
Die Vorwürfe wiegen schwer. Die Branche bereichert sich über Ausschüttungen selbst, das Nachsehen haben die Kunden. Im Jahr 2012 flossen über Gewinnabführungsverträge mehr als 350 Mio. Euro aus den Unternehmen heraus, im Jahre 2016 waren es rund 1,1 Mrd. Euro, mehr als das Dreifache. Die Zahlen hat das Bundesfinanzministerium auf Anfrage des Grünen-Abgeordneten Gerhard Schick publik gemacht.
Das Prozedere hat natürlich Folgen, namentlich niedrigere Guthabenzinsen für die Versicherer, so lautet der Vorwurf. Der Gesamtüberschuss der Branche belief sich im Jahr 2016 auf lediglich 335,5 Mio. Euro, ohne die Gewinnabführungsverträge wären es 1,45 Mrd. Euro gewesen.
Genau dieses Herausnehmen von Geldern zum Nutzen Dritter, meist der Muttergesellschaften, sollte das Lebensversicherungsreformgesetz eigentlich verhindern, wie Grünen-Finanzexperte Schick betont: "Die Daten veranschaulichen, dass es aktuell keine wirksame Ausschüttungssperre für die Eigentümer gibt, weil sie einfach umgangen wird".
Er fordert eine Korrektur von der Regierung, denn die Versicherer würde ihre Gewinne wie "eh und je einstreichen", eine "faire Lastenteilung werde so nicht erreicht". Diese Entwicklung sei bereits 2014 absehbar gewesen, "aber CDU/CSU und SPD haben die Kundinnen und Kunden trotzdem damit abgespeist".
Das Ausschüttungsverbot auch auf Gewinnabführungsverträge auszuweiten, wäre sehr wohl möglich, wie ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags zeigt.
Der GDV widerspricht Schick
Eine Ausdehnung des Ausschüttungsverbotes sei nicht nötig, sagt der GDV, denn Schick liege mit seiner Aussage daneben. Richtig sei dagegen, dass die Lasten des Niedrigzinsumfeldes "fair zwischen Versicherten und Versicherern geteilt werden". Mit dem für die Versicherten erwirtschafteten Garantiezins, dem Rohüberschuss und der Zinszusatzreserve haben die Versicherer im Zeitraum 2011 bis 2016 rund 256 Mrd. Euro erwirtschaftet. Davon gingen 96,3 Prozent an die Versicherten (rund 246 Mrd. Euro) und nur 3,7 Prozent an die Unternehmen (9,5 Mrd. Euro), fasst der GDV zusammen.
Die von Herrn Schick geäußerte Kritik an den Gewinnabführungsverträgen sei ebenso unbegründet, denn "ein großer Teil der abgeführten Gewinne fließt als Eigenkapital zurück in die Lebensversicherungsunternehmen und stärkt damit die Risikotragfähigkeit der Unternehmen". Zwischen 2011 und 2016 hätten die Lebensversicherer rund 3,7 Mrd. Euro an zusätzlichem Eigenkapital aufgebaut". Den Kunden würde das nutzen, ihre Leistungsansprüche seien "in einem unverändert herausfordernden Niedrigzinsumfeld dauerhaft gesichert."
Des Weiteren würden Gewinnabführungsverträge nicht zu Lasten der Kunden gehen, sondern "zur Stärkung der Eigenkapitalbasis genutzt." Der Vergleich mit dem Jahr 2012 hinke, "da das Lebensversicherungsreformgesetz erst 2014 eingeführt würde", damit ergebe sich von "2013 auf 2014 eine Steigerung von 932 Mio. auf rund eine Milliarde Euro abgeführter Gewinne".
Kein Ende in Altersvorsorgedebatte
Ein neuer Streit um die Lebensversicherung, sicher nicht das, was die Branche sich nach der ebenfalls nicht enden wollenden Riester-Debatte wünscht. Das Herr Schick weder ein großer Bewunderer der LV-Branche noch des GDV ist, hat er bereits in seinem ausführlichen Interview mit VWheute deutlich gemacht. Unter anderem hat er dem Verband "Doppelzüngigkeit" vorgeworfen, bei Forderungen gegenüber die Politik würden die Probleme der Branche betont, ansonsten aber die Erfolge ins Schaufenster gestellt.
Jetzt legt er mit ähnlichen Vorwürfen nach, die Branche beklage das Niedrigzinsumfeld, ziehe aber Mrd. Euro aus der LV heraus, zu Lasten der Kunden. Und tatsächlich ist es kein gutes Zeichen nach außen, wenn sich in einem Diagramm die Grafen von Jahresergebnis (sinkt) und Abführungen (steigen) begegnen.
Der GDV kann noch so lange argumentieren, die Zahlen und Grafiken zur Lebensversicherung sind ebenso in der Welt wie die zur Riester-Rente. Und sie werden gehört, von Kunden, Verbraucherschützern und, was wohl am schwersten wiegt, vom Gesetzgeber. (vwh/mv)
Bildquelle: fotoART by Thommy Weiss / www.pixelio.de / PIXELIO<
Grafik: Aus der kleinen Anfrage von Gerhard Schick
GDV · Lebensversicherung · Gerhard Schick · Abführungsverträge
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