15.03.2018Märkte & Vertrieb

Rückversicherer wollen raus aus der "digitalen Steinzeit"

Von Alexander KasparVW heute
Nach Jahren der gepflegten Langeweile hat sich, im Zuge der globalisierten Digitalisierung, auch in der Branche der Rückversicherer eine macht- und kraftvolle Dynamik breit gemacht. Ein Schlaglicht darauf boten die Nachrichten der letzten Tage: So hat sich der französische Axa-Konzern die XL Group geschnappt und die japanische Softbank, gut vernetzt zu chinesischen Internetkonzernen wie Alibaba, strebt 30 Prozent Anteile an der Swiss Re Group an.
"Gewinnen in volatilen Zeiten", lautete das Motto des dritten SZ-Rückversicherungstages und Gewinne kann die Branche tatsächlich gut gebrauchen, vor allem für die Transformation in das Digitale Zeitalter. Dabei schwimmt bereits der Rest der Wirtschaftswelt in Geld, als Dividende der Digitalisierung und dieses Geld sucht neue Anlagemöglichkeiten, in Form alternatives Kapitals in der Rückversicherung oder gleich als Munition für Merger & Acqusitions.
Dabei ist gerade die Versicherungswirtschaft prädestiniert für die Digitalisierung: Das Verhalten der Kundschaft verändert sich schnell und dramatisch und dafür sind Versicherungen, Verträge und Verbindungen noch viel zu kompliziert. "Eine digitale Steinzeit" hat in diesem Zusammenhang Edouard Schmid, Group Chief Underwriting Officer bei der Swiss Re festgestellt.
Zwar ist man Zürich noch ganz glimpflich durch das letzte Jahr gekommen und hat trotz Schäden durch Naturkatastrophen in Höhe von 4,7 Mrd. US Dollar einen Gewinn von 331 Mio. US-Dollar ausgewiesen (bei einem Anlageergebnis mit 3,9 Prozent Rendite), doch weltweit wurden große Deckungslücken identifiziert, wie z.B. bei Wetterrisiken in Afrika oder im Bereich Leben in den USA. Größte Bedrohung sind aber, so Schmid in seiner Keynote, geopolitische Risiken:
Die Versicherungswirtschaft und die sie tragenden Großunternehmen sind in einer misslichen Lage, wie Christian Miele, vom Venture Capital-Unternehmen E.Ventures beschreibt: Während die etablierten Player ihre Düsen am Flugzeug während des Fluges auswechseln müssen, haben Start-up Unternehmen aus dem FinTech-Bereich den Vorteil, ihr neuestes Flugmodell am Boden zu konzipieren und flug- und wetterfest zu machen. Veraltete IT-Systeme hat auch Miele als größten Fehler in der Branche erkannt. Dabei legte der ehemalige Mitarbeiter bei Rocket Internet und heutige Investor beim Insurtech Friendsurance den Finger tief in die Wunden der Versicherungswirtschaft:
Ob etablierter Platzhirsch oder umtriebiger Neu-Einsteiger, für alle gelten die selben Regeln, darauf achtet die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Deshalb wurde auch der Vortrag von Frank Grund, seit 2015 vom Bundeskabinett ernannter Bafin-Exekutivdirektor der Versicherungsaufsicht, mit großer Spannung erwartet. Sorgen über eine weitere Eskalationsstufe zur Entwicklung von Solvency III erteilte Grund eine Absage, jedoch muss Solvency II verbessert werden, so Grund in seinem Vortrag zur Zukunft des unter langjährigen Geburtswehen scharfgestellten Aufsichtsregimes.
So sollte die Zinszusatzreserve (ZZR) geändert werden, nicht um die Versicherer zu schonen, sondern um deren Kunden besser zu stellen, sagte Grund. Für 2018 sieht der Aufseher zwei wichtige Schwerpunkte: Wie sich die Fortschritte zur Umsetzung von Solvency II in den einzelnen Unternehmen gestalten und wie die Unternehmen mit ihren Risiken umgehen?
Ziel des Aufsichtsregimes sei Transparenz für die Verbraucher und eine Konvergenz der Regeln auf europäischer Ebene. "Vorsicht an der Bahnsteigkante" sei angebracht bei dem Versuch, über Solvency II die Unternehmen zu politisch gewünschten Investitionen (Green Investments) zu verführen. Diese seien häufig mit hohen Risiken behaftet und liefen damit dem Schutz der Versicherten entgegen, so Grund weiter.
Dass die Versicherungswirtschaft eine effiziente Regulierung brauche, davon zeigte sich auch Andreas Freiling von Ernst & Young überzeugt. Die Versicherungsprodukte seien immateriell und vertrauenssensitiv, Versicherer wirkten als größte private Kapitalsammelstellen in der zudem rund 200.000 Menschen beschäftigt seien, so der Berater in seinen Ausführungen. All dies zusammengenommen macht die Branche, ob sie will oder nicht, system- und gesellschaftsrelevant. Von "inneren Widerständen" bei der Einführung von Solvency II berichtete auch Manuela Zweimüller von Eiopa.
"Brauchen wir nicht!", "Wollen wir nicht!", "Haben keine Zeit", so waren die einschlägigen Reaktionen der rund 3000 Versicherungsunternehmen in der Europäischen Union. Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei freut sich Zweimüller, denn immerhin "habe Solvency II einen klaren Blick auf die Unternehmen erbracht", auch wenn sich die erhofften positiven Effekte, wie etwa mehr Geschäft zwischen Erst- und Rückversicherer in engen Grenzen gehalten haben. Im Interview mit dem Moderator weist Zweimüller Befürchtungen zurück, Eiopa wolle eine "schleichende Machtergreifung" und die nationalen Aufsichtsbehörden kaltstellen. Konkret wurde Zweimüller beim Thema Ultimate Forward Rate:
Wie es tatsächlich um die Rückversicherer bestellt ist, zeigt das heute vorgestellte Zahlenwerk des Branchenprimus Münchener Rück. Das ist nicht nur Joachim Wennings erstes voll eigenverantwortetes Geschäftsjahr sondern auch Gradmesser für die gesamte Branche. Ein Trend wurde dazu ja schon vor kurzem bekannt: Der Dax-Konzern reagiert auf abschmelzende Renditen und wird, wie Insider befürchten, wohl eine hohe dreistellige Zahl an Mitarbeitern streichen. Betroffen sollen die Zentrale in München sein sowie Stellen in den USA. VWheute berichtet weiter. (vwh/ak)
Bild: Plenum des 3. SZ-Rückversicherungstages in München. (Quelle: Alexander Kaspar)
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Alexander Kaspar
Der Autor ist freier Journalist.