Schlaglicht

"Versicherer vernachlässigen Belegschaftsgeschäft"

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Das Belegschaftsgeschäft wird immer mehr von den Versicherungsgesellschaften vernachlässigt, stellt der Geschäftsführer von "for you Insurance Services GmbH", Jens-Uwe Rohwer, fest. Die Selbsthilfeeinrichtung für firmenverbundene Vermittler kümmert sich um dieses Spezialgebiet und wurde 2016 von der Robert Bosch Risk and Insurance Management GmbH gegründet. Im Interview mit VWheute beschreibt Rohwer das Geschäftsmodell.
VWheute: Warum braucht es überhaupt einen eigenen Assekuradeur als Selbsthilfeeinrichtung für das Belegschaftsgeschäft?
Jens-Uwe Rohwer: Ich will es mal sehr plakativ formulieren. Belegschaftsgeschäft unterscheidet sich sehr deutlich vom normalen Privatgeschäft. Als Assekuradeur haben wir Produkte für die Sparten Haftpflicht-, Unfall-, Wohngebäude- und Hausratversicherungen entwickelt, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Mitarbeitern und deren Angehörigen abgestimmt wurden. Unsere Angebote bieten ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis durch Mehrleistungen, aber auch Preisvorteile und zusätzliche Services für den Endkunden und die Vermittler.
VWheute: Die klassischen Versicherer haben doch ausreichende Ressourcen, um Belegschaftsgeschäft abzuwickeln?
Jens-Uwe Rohwer: Mehrleistungen erfordern einen erheblichen IT-Aufwand sowie zusätzliche Kapazitäten und eine eingespielte Organisation. Wir treffen aber auf eine Versicherer-Landschaft, die ihre IT umbaut und die Organisationen anpassen, das heißt reduzieren. Vielfach glauben die Unternehmen, anspruchsvollen Service nicht mehr bedienen zu müssen.
Besonderheiten und Wünsche der Vermittler werden daher zunehmend zurückgewiesen. Auch für recht große firmenverbundene Vermittler, ob Makler oder Mehrfachgeneralagenten, werden die Hürden immer höher. Das reicht bei manchem Versicherer bis zum kompletten Rückzug aus dem Belegschaftsgeschäft. So haben wir erlebt, dass trotz erfolgreicher Zusammenarbeit zwei Versicherer ohne nähere Begründung komplett ausgestiegen sind.
VWheute: "for you Insurance Services GmbH" arbeitet voll digitalisiert und lobt sich dafür. Das machen doch andere auch?
Jens-Uwe Rohwer: Verändertes Kundenverhalten durch die Digitalisierung verlangt danach, traditionelle Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Neue digitale Player am Markt verschärfen zusätzlich den Wettbewerb. Machen wir uns nichts vor: Versicherungsdienstleistungen stehen dabei erst am Anfang einer Entwicklung, die ähnlich gravierend verlaufen wird wie beispielsweise im Handel durch Amazon oder Ebay. Die Branche hat doch offensichtlich immer noch keine Antwort auf diese Herausforderungen, nicht einmal in ihrem Standardgeschäft. Da können wir angreifen.
VWheute: Ich muss nochmals nachhaken. Alle reden in der Versicherungswirtschaft doch auch von der digitalen Welt. Was machen Sie dann Ihrer Meinung nach besser?
Jens-Uwe Rohwer: Wir können als voll digitalisiertes Start Up-Unternehmen den Grüne-Wiese-Vorteil nutzen. Das betrifft den Aufbau der Organisation ohne Altlasten auf zukunftsfähigem, technischen Niveau, bei deutlich reduzierten Kosten und bestmöglichen Services. Durch den Einsatz digitaler Techniken entlasten wir unsere Partner auf allen Ebenen. Sie haben Zugang zu modernster Angebotssoftware, die dunkelverarbeitungsfähig ist, sowie die Konfiguration für einen automatisierten Transfer der Angebotsdaten in die Vermittler-Bestandssysteme möglich macht.
VWheute: Sie sprechen von Ausschreibungs-Erfahrungen für Ihr Geschäftsmodell. Das müssen Sie näher erläutern?
Jens-Uwe Rohwer: Eine gemeinsame Ausschreibung von 14 Firmenverbundenen Vermittlern für Haftpflicht-, Unfall- und Sachversicherungen macht das Verhalten der Versicherer überdeutlich. Von 24 eingeladenen Unternehmen bot nur einer an, wie in der Ausschreibung gefordert. Ein zweiter kam den Anforderungen nahe. Alle anderen nahmen von vornherein gar nicht teil oder brachen die Gespräche ab. In diesem Vakuum kommen wir ins Spiel und bieten den Firmen für das Belegschaftsgeschäft Kompetenz und Verlässlichkeit.
VWheute: Wie funktioniert denn das Geschäftsmodell praktisch?
Jens-Uwe Rohwer: Wenn sich immer mehr Versicherer aus dem Geschäftsmodell des Belegschaftsgeschäfts zurückziehen, brauchen wir einen neuen schlagkräftigen Ansatz. Das betrifft vor allem die Übernahme der Dokumentation, des Inkassos und der Schadenregulierung. Daher haben wir 2016 als Selbsthilfeeinrichtung für das Belegschaftsgeschäft die versicherungsunabhängige for you Insurance Services GmbH gegründet, die als Assekuradeur arbeitet. Hinter dem Unternehmen steht als Geldgeber und Initiator die Robert Bosch Risk and Insurance Management GmbH. Wir entlasten die Versicherer mit Verwaltung und Betreuung der Kunden. Diese bleiben Risikoträger.
VWheute: Welche Sparten werden von Ihnen angeboten und mit welchen Versicherern als Risikoträgern arbeiten Sie schwerpunktmäßig zusammen?
Jens-Uwe Rohwer: Wir sind mit den Haftpflicht-, Unfall- und Sachversicherungssparten gestartet. Weitere Sparten sollen folgen bis wir allspartenfähig sind. Darüber hinaus bieten wir Schritt für Schritt Zusatz-Leistungen an. Dazu gehören die Beschaffung von Vertriebskapazitäten, Apps für die firmenverbundenen Vermittler und spezielle EDV-Systeme. In der Regel werden am nächsten Tag nach Eingang des Antrags die Versicherungsscheine ausgefertigt. Besonders wichtig ist uns auch eine rasche Reaktion im Schadenfall. Wir arbeiten mit einem Konsortium von drei Versicherern zusammen, das von dem Ostangler Versicherungen geführt wird.
VWheute: Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit Vermittlern vor?
Jens-Uwe Rohwer: Da gibt es zwei Möglichkeiten. Firmenverbundene Vermittler können mit verhältnismäßig geringem Aufwand Gesellschafter werden. Diese bestimmen die strategische Ausrichtung des Belegschaftsgeschäfts. Außerdem erhalten sie eine Verzinsung des eingezahlten Kapitalanteils. Alternativ besteht aber auch die Möglichkeit der Zusammenarbeit auf vertraglicher, rein operativer Basis.
VWheute: Und wie können Sie Versicherer von Ihrem Modell überzeugen?
Jens-Uwe Rohwer: Die Vorteile liegen für den Versicherer in erster Linie in der hohen Bestandsfestigkeit des Belegschaftsgeschäfts und einer zumeist geringeren Schadenhäufigkeit. Wir schaffen für die Unternehmen die Möglichkeit, sich am Geschäfts zu beteiligen, ohne es selbst verwalten zu müssen. Wir nehmen ihnen alles ab. Von der Policierung bis zur Schadenabwicklung.
Das Gespräch führte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.
Bild: Jens Rohwer (Quelle: wo)
Jens-Uwe Rohwer · Belegschaftsgeschäft · for you Insurance Services GmbH