Köpfe & Positionen

Von Menschen, Männern und Frauen – Gedanken im März

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Von Meinhard Miegel. "Und Gott schuf den Menschen... als Mann und Frau". Auch wenn diese Erkenntnis ihren Niederschlag bereits vor schätzungsweise 3000 Jahren im Alten Testament gefunden hat, hat sie bisher die Kulturen nur in Bruchstücken durchdrungen. Manche haben sich ihr sogar ganz verschlossen. Der Mensch als Mann und Frau!
Die Lebenswirklichkeit ist immer noch manndominiert. Zwar hat hier vornehmlich in der sogenannten westlichen Welt in historisch neuer Zeit ein gewisses Umdenken eingesetzt. Aber das Frauenwahlrecht gibt es in den meisten Ländern gerade einmal hundert Jahre, Frauen an der Spitze eines Unternehmens oder Orchesters sind immer noch Ausnahmen und die Forderung nach speziellen Frauenquoten hat sich längst nicht erübrigt. Lediglich im Erziehungs- und Gesundheitsbereich und zunehmend in der Justiz sind Frauen inzwischen unübersehbar präsent.
Frauen, die außerhalb dieser Bereiche ihren Weg gehen wollen, tun sich jedoch nach wie vor leichter, wenn sie sich in Präferenzen, Sprache, Habitus und anderem mehr der Männerwelt anpassen. In Maßen dürfen sie sein wie Frauen. Aber denken und handeln sollen sie möglichst wie Männer.
Wie schwer es offenkundig nicht nur Männern sondern auch Frauen fällt, das Weibliche im gesellschaftlichen Miteinander zu akzeptieren und vielleicht sogar zu schätzen, zeigt sich in diesen Wochen und Monaten geradezu paradigmatisch bei der Kritik an der Bundeskanzlerin. Prüft man etwas genauer, woran sie sich entzündet, dann sind dies ausnahmslos Entscheidungen, die die meisten Männer vermutlich anders, wenn auch nicht richtiger getroffen hätten.
Im Kern ging es jedes Mal um einen Konflikt zwischen Menschen und Normen, der durch die Kanzlerin zugunsten von Menschen entschieden wurde: Rettungsschirme für Griechenland, Abschaffung der Wehrpflicht, eine Energiewende unter dem Eindruck der Kernkraftkatastrophe von Fukushima und schließlich die Entscheidung, Kriegs- und andere Flüchtlinge in großer Zahl nach Deutschland einreisen zu lassen.
Die Art und Weise, wie diese Entscheidungen zustande kamen und begründet wurden, haben vielen nüchternen Beobachtern nicht ohne Grund die Haare zu Berge stehen lassen. Wieder und wieder wurden Recht, Gesetz und althergebrachte Gewohnheiten gestaucht und gedehnt. Aber allen diesen Entscheidungen liegt eine gewisse Fürsorglichkeit zugrunde, die bei Männern eher selten anzutreffen ist: Das kann man den Menschen nicht zumuten! Hier müssen kreative Lösungen her! Hier müssen Normen weichen!
Wenn nicht alles täuscht, bahnt sich hier ein tiefgreifender kultureller Wandel an, der uns allen noch viel abverlangen wird. Nicht nur staatliche und rechtliche Ordnungen, auch die Kunst, die Technik, die Formen, in denen wir miteinander umgehen, Feste feiern, Konflikte austragen und im äußersten Fall Kriege führen, werden – je länger je mehr – von Menschen gestaltet werden, die geschaffen wurden als Mann und Frau. Das ist nicht mehr und nicht weniger als der Beginn einer kulturellen Epoche, mit der wir bisher nicht vertraut sind, die aber mit Sicherheit spannend und fruchtbar sein wird.
Autor: Meinhard Miegel (Stiftung kulturelle Erneuerung)
Bildquelle: Tim Reckmann / PIXELIO / www.pixelio.de
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