Schlaglicht

"Vertriebsqualität sollte Versicherer mehr umtreiben"

Von David GorrTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Politiker sind nicht begeistert, wenn Versicherer ihre Bestände in den Run-off schicken. "Es ist mir etwas zu einfach zu sagen, bei den und den Schwierigkeiten verkaufe ich den Versichertenbestand", kritisiert CDU-Finanzexperte Ralph Brinkhaus. Im Exklusiv-Interview mit der Versicherungswirtschaft erklärt er, wann ein Run-off sinnvoll ist und wie er diesen Bereich in Zukunft regulieren will.
VWheute: Die Ankündigung einiger Versicherer, Altbestände von klassischen Lebensversicherungen zu verkaufen (Run-off), haben Sie als "massiven Vertrauensbruch gegenüber den Versicherten" bezeichnet, weil dabei die Renditeoptimierung über die Interessen der Kunden gestellt werde. Ist das nicht übertrieben und populistisch? Schließlich will die Mehrheit der Versicherer diesen Schritt gar nicht gehen.
Ralph Brinkhaus: Ein Versicherungskunde bindet sich mit seiner Police oft für viele Jahrzehnte. Ich sage manchmal scherzhaft: Unter Umständen länger, als er sich an seinen Ehepartner bindet. Um diese Bindung einzugehen, braucht es Vertrauen. Die Branche wirbt seit Jahr und Tag mit ihrer Solidität und der Konstanz über einen langen Zeithorizont. Genau dieses Vertrauen wird zerstört, wenn einige Versicherer dann in einem Moment, in dem zum Beispiel die Rendite nicht mehr stimmt oder das Kapital anderweitig gebraucht wird, sagen, jetzt gebe ich das Geschäft an Dritte ab. Das Vertrauen wird übrigens zu Lasten der gesamten Branche beschädigt, auch wenn bislang – das ist richtig – nur einige wenige Versicherer den Weg über Run-off-Verkäufe gehen.
VWheute: Der Stabilitätsausschuss der Bundesregierung sieht in der Niedrigzinsphase Gefahren für die Lebensversicherung. Die erwirtschafteten Erträge würden die langfristigen Verpflichtungen nicht decken. Können Sie dann die Run-off-Pläne der Versicherer nicht nachvollziehen? Schließlich sind einige Lebensversicherer aufgrund der Niedrigzinsen und der hohen Kapitalanforderungen durch Solvency II bereits Pleite gegangen.
Ralph Brinkhaus: Die Situation ist nicht einfach, ganz klar. Aber mit der Niedrigzinsphase kämpfen nicht nur die Versicherer, sondern die Finanzbranche insgesamt. Die Politik hat bereits an einigen Stellen eingegriffen. Zum Beispiel haben wir mit dem Lebensversicherungs-reformgesetz dafür gesorgt, dass auch noch künftige Generationen von Versicherten, deren Verträge erst in Jahren oder Jahrzehnten fällig werden, an den Bewertungs-reserven partizipieren. Wir sind auch in anderen Bereichen, etwa bei den Bauspar-kassen, tätig geworden.
Mir geht es darum, dass die Versicherungsbranche – wie es eigentlich seit jeher ihr Markenzeichen ist – in langen Furchen denkt. Kurzfristig mag ein Run-off einer Gesellschaft aus einer herausfordernden Situation helfen. Aber das Produkt Lebensversicherung an sich wird beschädigt – zu Lasten der gesamten übrigen Branche. Und wenn wir schon einmal über Erträge und Kosten reden, dann können wir gerne auch einmal über den Komplex "Vertriebskosten" und "Vertriebsqualität" sprechen. Das sollte, ganz vorsichtig gesagt, Teilen der Branche mehr Bauchschmerzen bereiten als die Niedrigzinsphase.
VWheute: Welchen anderen Weg – als den Run-off – sollten Versicherer gehen, um die Garantiezusagen zu erfüllen?
Ralph Brinkhaus: Wenn sich jemand entscheidet, eine Lebensversicherungsgesellschaft zu gründen, muss ihm klar sein, dass er nicht nur Schönwetterphasen vor sich hat. Die Niedrigzinsphase ist eine große Herausforderung, keine Frage. Aber sie kann nicht ewig dauern. Es mag auch Situationen geben, in denen ein Run-off im Sinne eines Verkaufs für den Kunden die bessere Alternative ist. Aber es ist mir etwas zu einfach zu sagen, bei den und den Schwierigkeiten verkaufe ich den Versichertenbestand. Der Begriff Run-off umfasst ja auch mildere Maßnahmen als nur den Verkauf. Zum Beispiel können Dritte auch über eine Beratung oder eine Auslagerung von Funktionen eingebunden werden. Als Politiker achte ich in der Regel sehr darauf, keine geschäftspolitischen Entscheidungen von einzelnen Unternehmen zu kommentieren. Aber noch einmal: Hier wird durch das Verhalten einiger weniger das Vertrauen in das gesamte Produkt Lebensversicherung beschädigt. Das bekommen dann auch die Versicherer zu spüren, die weiter an ihrem Geschäft festhalten wollen.
VWheute: Die Abwicklung von Altbeständen wird in der Versicherungsbranche seit Jahren praktiziert. Auch in anderen europäischen Ländern wie Großbritannien. Hierzulande hat die Frankfurter Leben die Lebenpolicen der Basler und der Arag erworben. Die Run-off-Plattform Viridium verwaltet inzwischen die Altverträge der Mannheimer, der Heidelberger und der Skandia Deutschland. Warum will die CDU erst jetzt gegen diese Methode vorgehen?
Ralph Brinkhaus: Seit Jahren sagen wir den Menschen: Ihr müsst auch über die gesetzliche Rente hinaus vorsorgen. Also sorgt jemand vor, entscheidet sich zum Beispiel für eine Lebensversicherung, weil vielleicht noch Herr Kaiser persönlich oder der Vertriebler vor Ort ihn von der Solidität der heimischen Versicherer überzeugt hat – und bekommt dann nach einigen Jahren die Mitteilung, dass jetzt Finanzinvestoren übernommen haben und der Bestand gegebenenfalls zum Wanderpokal wird. Das alles kommt in einer Phase, in der das Produkt Lebensversicherungen eh unter Druck steht. Die Run-off-Debatte ist da wenig hilfreich.
In anderen Ländern mögen Run-offs gängige Praxis sein. Aber das ist für mich kein Argument. Der angelsächsische Markt ist von einer ganz anderen Kultur geprägt. Der springende Punkt ist, die Dimensionen haben zugenommen. In der Vergangenheit ging es um eher kleine Bestände, und noch einmal: Ich schließe nicht aus, dass das im Einzelfall sogar aus Sicht des Kunden sinnvoll war. Im letzten Jahr war dann schon von mehreren Millionen Verträgen die Rede. Wir sind sehr froh, dass man gerade in einem dieser größeren Fälle noch umgedacht hat. Im Übrigen stellt sich die Frage, von welchen Kunden trennt sich eigentlich jemand, der seine Lebensversicherungsbestände verkauft, als nächstes (siehe UNTERNEHMEN & MANAGEMENT).
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur David Gorr.
Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen März-Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Bild: Ralph Brinkhaus (Quelle: Tobias Koch)
Run-off · Ralph Brinkhaus