Schlaglicht

"Am Ende des Tages muss ein Geschäft rentabel sein"

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"Um ein Unternehmen nachhaltig zu führen, müssen manchmal kontroverse Maßnahmen ergriffen werden", erklärt Barmenia-CEO und AGV-Chef Andreas Eurich im Exklusiv-Interview mit der Versicherungswirtschaft. Er plädiert für Umstrukturierungen ohne betriebsbedingte Kündigungen, aber "vorzeitiger Ruhestand oder Aufhebungsverträge müssen zuerst ausgeschöpft werden."
VWheute: Unternehmen gelten als Grenzgänger. Auf der einen Seite bauen Traditionskonzerne in Industrie und Finanzbranche immer wieder Stellen ab. Auf der anderen präsentieren sie sich als nachhaltig und sozial verantwortlich gegenüber Personal wie Kunden. Wie erklären Sie sich diese Dichotomie des Managements?
Andreas Eurich: Um ein Unternehmen nachhaltig zu führen, müssen manchmal kontroverse Maßnahmen ergriffen werden. Nachhaltigkeit bedeutet die Stabilität des Systems zu gewähren, also den Fortbestand des Unternehmens langfristig zu sichern. Unternehmen müssen auf Veränderungen der Umwelt immer wieder reagieren; auch darin zeigt sich Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Kunden. Nichtsdestotrotz fällt es einem Unternehmen immer sehr schwer, wenn es solche Maßnahmen wie Personalabbau ergreifen muss.
VWheute: Ist das Streben nach Rentabilität, Kosteneffizienz und schlanken Strukturen vereinbar mit dem Prinzip der sozialen Verantwortung gegenüber dem Arbeitnehmer?
Andreas Eurich: Die Beschäftigten sind die wichtigste Ressource in der Versicherungswirtschaft, ohne die das Versicherungsgeschäft keinen Bestand hat. Versicherer bieten ihren Arbeitnehmern im Vergleich zu anderen Branchen hohe tarifliche Löhne und zahlreiche Sozialleistungen. Natürlich muss ein Geschäft am Ende des Tages effizient und rentabel sein, sonst wäre es kein Geschäft. Auf genau diesem Streben nach der möglichst effizienten Schaffung von Kundennutzen basiert ja auch unser marktwirtschaftliches System. Dies steht nicht im Widerspruch zum Prinzip der sozialen Verantwortung.
VWheute: Der Druck auf die heutigen Wirtschaftsmächte ist enorm. Die Firmen müssen bei jeder Botschaft an ihr Image denken, stehen permanent unter Beobachtung. Fehler werden kaum geduldet. Ist Ehrlichkeit in diesem harten Umfeld zu viel verlangt? Wieso (nicht)?
Andreas Eurich: Ehrlichkeit und Transparenz sind wichtige Faktoren, um Vertrauen aufzubauen und zu erhalten. Deshalb ist Ehrlichkeit ein absolutes Muss. Der Druck von außen und aus dem Wettbewerb heraus ist tatsächlich enorm. Doch Fehler passieren. Geht man aber offenen und ehrlich damit um, wird ein Fehler eher verziehen als bei dem Versuch ihn zu vertuschen. Ein ehrlicher Umgang verbessert das Image und das Vertrauen in ein Unternehmen. Vertrauen ist dabei für unsere Branche besonders wichtig, denn das Versicherungsgeschäft basiert stets auf Vertrauen und der daraus abgeleiteten Sicherheit für den Kunden und damit auch für die Gesellschaft.
VWheute: Wird am Standort Deutschland Ihrer Meinung nach zu viel und zu schnell an der Personalschraube gedreht?
Andreas Eurich: Im Vergleich zu anderen Ländern geht die Beschäftigungskultur in Deutschland mit einer niedrigen Fluktuationsrate einher. In Ländern wie zum Beispiel der USA herrscht eine deutlich höhere Beschäftigungsdynamik. Dies hat mit einem lockereren Kündigungsschutz in den USA zu tun. Arbeitnehmer in Deutschland genießen deutlich mehr Rechte und einen höheren Schutz.
Tendenziell wird von Seiten der Arbeitnehmer eine höhere Flexibilität bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes / der Arbeitszeit gewünscht. Früher waren Arbeitnehmer in Deutschland oft ein ganzes Arbeitsleben lang im gleichen Unternehmen beschäftigt. Heutzutage möchten sich die Beschäftigten jedoch nicht mehr so lange auf ein Unternehmen festlegen und wechseln häufiger den Arbeitgeber.
Laut einer Umfrage von Xing, bei der 856 Mitglieder befragt wurden, sind die Deutschen sehr wechselwillig. Über ein Drittel der Befragten sucht aktiv nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Über die Hälfte der Arbeitnehmer sucht nicht aktiv, ist jedoch offen für interessante Jobangebote. Bereits den Job gewechselt haben immerhin über 20 Prozent der Teilnehmer.
Die Unternehmen müssen sich auf diese von den Arbeitnehmern gewünschte Flexibilität einstellen, indem sie ihnen zum einen mehr Freiheiten in der Gestaltung von Arbeitszeit und -ort bieten und zum anderen offen für die Wechselfreude der Arbeitnehmer sind. Dazu gehört auch die Kontaktpflege zu ehemaligen Mitarbeitern des Unternehmens, auch um diese gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt wieder für das Unternehmen zu gewinnen.
In der aktuellen wirtschaftlichen Lage wird übrigens auch gar nicht so viel an der Personalschraube gedreht. Obwohl in manchen Unternehmen Umstrukturierungen bevorstehen und vielleicht auch Personal abgebaut werden muss, herrscht quasi Vollbeschäftigung in Deutschland. Wirft man einen Blick in die Unternehmen, dann stellt man schnell fest: Viele suchen händeringend nach Fachkräften. Das heutige Problem heißt nicht Personalabbau, sondern Personal- oder besser noch Fachkräftemangel.
VWheute: In den Unternehmen wird häufig von sozialverträglichen Umstrukturierungen gesprochen. Wie interpretieren Sie das?
Andreas Eurich: Gewerkschaften und Betriebsräte fordern immer wieder die sozialverträgliche Gestaltung einer Umstrukturierung. Dies ist wichtig und richtig und im Sinne der Unternehmen – soweit es eben möglich ist. Das bedeutet in erster Linie zu versuchen, die Umstrukturierungen ohne betriebsbedingte Kündigungen durchzuführen. Möglichkeiten wie vorzeitiger Ruhestand oder Aufhebungsverträge müssen zuerst ausgeschöpft werden.
VWheute: Zeit für ein kurzes Schlussfazit: Soziale Verantwortung versus kühl kalkulierte Effizienz. Ist das Eine ohne das Andere in Zukunft überhaupt noch möglich?
Andreas Eurich: Schließt das eine denn das andere aus? Effizienz spielt in jedem Unternehmen eine wichtige Rolle, um langfristig erfolgreich zu sein. Wie bereits erwähnt, müssen Effizienz und soziale Verantwortung ein Zusammenspiel bilden und sollten nicht gegeneinander wirken. Effiziente Führung bedeutet nachhaltige Führung mit Blick auf den gesellschaftlichen Beitrag.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Michael Stanczyk.
Da vollständige Interview mit Andreas Eurich lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Versicherungswirtschaft.
Bild: Andreas Eurich ist Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen und Vorstandsvorsitzender der Barmenia. (Quelle: Barmenia)
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