Märkte & Vertrieb

"Der integrierte Gesundheitsmarkt kommt in zehn Jahren"

Von Alexander KasparTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Einheitskasse, Kopfpauschale oder Bürgerversicherung? Nach Monaten der Unsicherheit lichten sich mit der wahrscheinlichen Bildung einer weiteren Großen Koalition langsam aber sicher die finanzpolitischen Nebel über dem Krankenkassen- und Gesundheitsmarkt. Themen, die den Marktteilnehmern auf den Nägeln brennen, haben sich im Koalitionsvertrag bereits niedergeschlagen, Stichwort Morbi-RSA.
Dennoch bleibt weiterhin viel Raum für Spekulationen wo und wie stark in den einzelnen Bereichen nachgebessert wird. Auf dem diesjährigen Kassengipfel in Berlin nutzten nun die Vertreter der Bundestags-Parteien die Gelegenheit zur Präzisierung ihrer jeweiligen Positionen, erwartbar kontrovers und nicht konsensual.
Auch wenn die "Lauterbachs" der Welt (FDP-Bundestagsabgeordnete Christine Aschenberg-Dugnus) das Thema Bürgerversicherung immer wieder aufs Neue ventilieren, für die Bürger ist der Topos nicht prioritär, das wurde auch in der gesundheitspolitischen Diskussionsrunde mit der Fragestellung "Die GKV und PKV - Bürgerversicherung konsensfähig?" von den anwesenden gesundheitspolitischen Sprechern der Parteien bestätigt.
Dennoch wurde in den einzelnen Statements über alle Parteigrenzen hinweg ein deutliches Unbehagen über den status quo sichtbar. Zwar gilt das deutsche Gesundheitssystem weltweit als einzigartig, damit dies aber auch in Zukunft so bleibt müsse sich etwas verändern, so die Politiker unisono. Die FDP ist unter Korrekturen weiter für die freie Wahl der Versicherten zwischen privat oder gesetzlich, die SPD hält weiter an der Bürgerversicherung fest, aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und fordert zudem eine einheitliche Gebührenordnung, so deren Sprecherin Sabine Dittmar.
Die Vertreterin der Grünen war sich sicher in zehn Jahren einen "integrierten Gesundheitsmarkt" vorzufinden, denn zwei Systeme, so Maria Klein-Schmeink weiter, "generieren keinen Wettbewerb, sondern produzieren Schwierigkeiten", zudem würde dies den Bürger überfordern. Als erklärter Anhänger des Dualen Systems forderte Michael Hennrich von der CDU den Begriff Bürgerversicherung nicht mehr zu verwenden. Dass Änderungen kommen werden, davon war auch Hennrich überzeugt, aber dafür benötige man Zeit und Vertrauen in eine demnächst noch zu bildende Kommission.
"Das PKV-System ist wettbewerbsfeindlich" befand hingegen der Vertreter der Partei Die Linke Harald Weinberg, außerdem sei ein Sofortprogramm für den Sektor Pflege und Krankenhaus notwendig. Robby Schlund, AfD-Gesundheitsexperte und praktizierender Arzt bot den anderen Parteien die Mitarbeit seiner Fraktion zur Überwindung der Unwuchten an, gleichzeitig befürchtete Schlund, dass eine Bürgerversicherung erst Recht eine Zwei-Klassen-Medizin produzieren würde, Entflechtung sei deshalb das Gebot der Stunde. Viel Stoff für Kontroversen also, wie im Video deutlich wird.
Zuvor hatte der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem in seinem Impulsvortrag den Finger in die Wunde gelegt und den Zustand der gesetzlichen Kassen in einer ganzen Reihe von Thesen zusammengefasst: Es gäbe eine dyamische Ausgabenentwicklung in den letzten Jahren und damit wären auch die Deckunslücken größer geworden. Nur der Bundeszuschuss habe schlimmeres verhindert, dieser sei in den letzten Jahren von elf Mrd. Euro auf nunmehr 14 Mrd. Euro angestiegen gestiegen.
Zudem seien die Beitragssätze für die kommende Wahlperiode noch nicht fixiert. Die Zusatzbeiträge hätten noch die Ausgaben überkompensiert, so daß die Kassen nicht existenzgefährdet sind, allerdings seien die Rücklagen ungleich verteilt. Beitragssätze wären aber nach wie vor die wichtigste Treiber für einen Kassenwechsel, so Wasem weiter und dies kommuliere "gute Risiken" bei bestimmten Kassen", eine "sich selbst verstärkende Spirale" nannte dies der Wissenschaftler.
Immerhin, Kassenzusammenbrüche stünden zwar nicht an, ob aber bei Bedarf kriselnde Kassen gerettet werden müssten, könne durchaus kontrovers diskutiert werden, so der Forscher. Ausserdem sei eine gute Kassensituation nicht unbedingt ein Ausweis guten Managements. Positiv sei jedoch, das laut Koalitionsvertrag der Morbi-RSA weiterentwickelt und beständig angepasst werden soll. Skeptisch zeigte sich Wasem aber, dass vor 2020 wohl keine politischen Konsequenzen gezogen werden.
"Wir zahlen alles, aber wir reden nicht über den Preis", kritisierte Jürgen Wasem abschließend und für die Zukunft prognostiziert er heftige Verteilungskämpfe. In der anschließenden Diskussionsrunde, moderiert von Alexander Ehlers, diskutierten Wasem, Frank Plate, Präsident des Bundesversicherungsamtes und Eva Walzik von der DAK Berlin über die Stellschrauben zur Absicherung der Gesundheitsmarktes in Deutschland.
Wie die Ausgestaltung des Morbi-RSA konkret geschehen soll, präzisierte Plate in seinem eigenen Vortrag, hier im Video:
Noch schwimmen die Kassen zwar im Geld, wie allenthalben auch in den Medien berichtet wird. Dies ist aber wohl nur eine vorübergehende Situation, denn klar ist auch, die Kassenlandschaft befindet sich in einem dramatischen Wandel: Bestanden 1990 noch rund 1.200 Krankenkassen, sind es heute nur noch 113. (vwh/ak)
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