12.02.2018Köpfe & Positionen

"Es gibt Überarbeitungsbedarf bei Solvency II"

Von Maximilian VolzVW heute
Solvency II trifft in der Branche nicht unbedingt auf uneingeschränkte Zustimmung. So sieht Fred Wagner von Vers Leipzig "bei Solvency II noch Überarbeitungsbedarf". Demnach sei das Regelwerk "in einigen Eckpunkten, insbesondere unter Steuerungsaspekten, kritisch zu beurteilen". Einen grundsätzlichen "Zwang zum Run-off" sieht er hingegen nicht. Wagner wird am 27. und 28. Februar auf der vierten Vorstandskonferenz der Versicherungswirtschaft in Köln sprechen.
VWheute: Herr Prof. Wagner, was ist bei der LV das Kernproblem – und wie kann es von den Versicherern gelöst werden?
Fred Wagner: Das eigentliche Kernproblem gibt es nicht. Ich befürchte, es ist eine komplexe Gemengelage vorhanden, die das traditionelle Geschäftsmodell der Lebensversicherung angreift. Das geht vom Niedrigzinsumfeld, über die zunehmende Regulierung (Solvency II, LVRG, IDD etc.) bis hin zur abnehmenden Sparneigung in unserer Bevölkerung, die es den Lebensversicherern schwermacht, Produkte der Altersversorgung an die Frau und an den Mann zu bringen.
Hinzu kommt eine schwache Kommunikationspolitik der Branche, die offenbar zu wenig in der Lage ist, ihr Geschäftsmodell für den Kunden attraktiv darzustellen. Eine einfache Lösung ist vor dem Hintergrund der Komplexität in den Problemsituationen leider nicht ohne Weiteres zu präsentieren.
Ein erster Ansatzpunkt liegt aber meines Erachtens tatsächlich in der Kommunikationspolitik, die mehr Präsenz in der Öffentlichkeit und die offene und ehrliche Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Problemen erfordert, die es in der Branche ja gibt.
VWheute: Sie sprachen kürzlich in Ihrem neuen Videoformat #fredwagner mit Ideal-Vorstand Rainer M. Jacobus, der Solvency II abspecken will. Debeka Vorstand Weber sprach davon, dass die Reform einigen Versicherern "den Run-off aufzwingt". Bei der Bafin sieht man das ganz anders. Wer hat recht?
Fred Wagner: In der Tat ist Solvency II in einigen Eckpunkten, insbesondere unter Steuerungsaspekten, kritisch zu beurteilen. Herr Jacobus hat Recht, wenn er z.B. die große Zinssensitivität der Eigenmittelanforderungen beklagt, die somit schwer zu steuern ist.
Ich sehe aber nicht, dass Solvency II vom Grundsatz her den Run-off aufzwingen würde. Solvency II ist vom Prinzip her ein geeignetes Konzept, um das ökonomische Risikomanagement im Versicherungsunternehmen zu unterlegen, allerdings in der Tat mit einigen Haken und Ösen. Überarbeitungsbedarf liegt als vor.
VWheute: Die Versicherer stöhnen und ächzen über zu viel Regulierung, die Zahlen stimmen jedoch. Viel Lärm um nichts?
Fred Wagner: Ich habe Verständnis dafür, dass die Versicherer über das Maß und das Tempo der Regulierung stöhnen. Ein großer Teil des Betriebs dreht sich inzwischen ausschließlich darum, Regulierungstatbestände zu erfüllen und das ist mit Kapazitätsbedarf, d. h. Personal, und Kosten verbunden. Der neue GDV-Präsident, Wolfgang Weiler, hat deswegen ja gleich zu Beginn seines Mandats den Wunsch nach einer Regulierungspause ausgerufen; und das kann ich wirklich gut nachvollziehen.
VWheute: An welchen Stellschrauben sollten der Gesetzgeber und die Aufsicht noch drehen?
Fred Wagner: Wie bereits angesprochen, gibt es bei Solvency II noch Überarbeitungsbedarf. Dazu gehören – neben der Zinssensitivität – die hohen und pauschalen Eigenmittelanforderungen für Aktien und Immobilien bzw. Infrastruktur. Wirklich herausfordernd ist zudem vor allem für kleine und mittelgroße Versicherer der administrative Aufwand, den Solvency II mit sich bringt, vor allem in "Säule 2".
Das Proportionalitätsprinzip sollte daher deutlich klarer mit Leben gefüllt werden. Ernsthafte Schwierigkeiten könnten auch die Regelungen zur Zinszusatzreserve mit sich bringen; über Entlastungen sollte hier unbedingt noch einmal sehr kurzfristig nachgedacht werden. Hier ist allerdings die Regierung gefragt, die es ja aber zur Zeit nur kommissarisch gibt und die sich im Grunde seit Monaten nur mit sich selbst beschäftigt.
VWheute: Alle reden von Digitalisierung – wie weit sehen Sie die Branche, ist sie zukunftsready? Und wo sehen Sie den größten Aufholbedarf?
Fred Wagner: Anfangs hat die Versicherungswirtschaft unter dem Stichwort Digitalisierung insbesondere Möglichkeiten gesehen, Prozesse zu automatisieren und auf Basis individuellerer Kundendaten ihre Tarifierungssysteme zu optimieren. Für mich ist das zu kurz gesprungen.
Viel weitgehendere Chancenpotenziale, die andere Branchen bereits nutzen, sehe ich in der Generierung von Mehrwerten für Kunden. Die Kunden denken nicht in den klassischen Produkten, wie Hausrat-, Haftpflicht- oder Unfallversicherung. Sie sind vielmehr in ihren Lebenswelten zu Hause, das sind die Gesundheit, die Familie, Reisen, Wohnen, Mobilität etc., in denen sie Sicherheit und Komfortabilität suchen.
Genau dort bietet die Digitalisierung und bieten Informationen über die Kunden zahlreiche Möglichkeiten, neue Lösungen und mehrwertige Angebote hervorzubringen, übrigens nicht nur im Sinne von Versicherungsschutz im engeren Sinne. Und diese Lösungen kann nicht nur ein Anbieter oder eine Branche alleine generieren, sondern sie werden vielfach in Netzwerken, heute wird von "Ökosystemen" gesprochen, generiert und angeboten.
Die Versicherungsunternehmen werden hier ihre Rollen suchen müssen, teilweise als Orchestrator in einem solchen Netzwerk, teilweise als Zulieferer, und zwar jeder Versicherer für sich alleine – in Abhängigkeit von seinen Kompetenzen, Marktzugängen, Image und Marke, Schnittstellenfähigkeit. Genau über diese Rolle der heutigen Versicherungsunternehmen in den Netzwerken der Zukunft wollen wir auf unserer Vorstandskonferenz sprechen, und ich freue mich bereits sehr auf die Diskussion mit Matthias Maslaton (Arag SE), Benno Schmeing (SDK) und Sahin Albayrak (TU Berlin) zu diesem Thema.
VWheute: Ihre Prognose für die Branche im laufenden Jahr?
Fred Wagner: Es bleibt herausfordernd.
Die Fragen stellte VWheute-Redakteur Maximilian Volz.
Mehr Informationen zur vierten Vorstandskonferenz der Versicherungswirtschaft in Köln finden SIE HIER
Bild: Fred Wagner (Quelle: Vers Leipzig)
Solvency II · Fred Wagner · Vers Leipzig
Maximilian Volz
Maximilian Volz
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