Köpfe & Positionen

"Auskömmliche Versorgung muss das Ziel sein"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Den deutschen Rentnern geht es gut - glaubt man dem aktuellen Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung, der heute im Bundesrat beschlossen werden soll. Die Politik erwartet bis 2023 sechs weitere gute Rentenjahre mit steigenden Renten und einem stabilen Rentenniveau. Man habe "wirklich Weitsicht bewiesen", erklärt Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung, gegenüber VWheute.
VWheute: Die Bürger sorgen sich um die Sicherheit der gesetzlichen Rente. Die Diskussionen der Politiker um die Flexirente verunsichern zusätzlich. Gilt überhaupt noch der Spruch von Norbert Blüm: "Die Rente ist sicher"?
Gundula Roßbach: Unser Rentensystem ist gut aufgestellt. Die Finanzen entwickeln sich dank der robusten Wirtschaftslage besser als erwartet. 97 Prozent aller Rentnerinnen und Rentner können von ihrem eigenen Einkommen leben und sind nicht auf Leistungen der Grundsicherung angewiesen. Trotz eines deutlich höheren Anteils älterer Menschen ist der Beitragssatz heute niedriger als vor drei Jahrzehnten. Zum Jahreswechsel ist er sogar noch gesenkt worden.
Gleichzeitig sind die Rentenerhöhungen in den letzten zehn Jahren höher ausgefallen als die Preissteigerungen. Die Rentner haben also auch real mehr in der Tasche. Und auch in den nächsten Jahren, bis 2030, werden die vom Gesetzgeber festgelegte Untergrenze beim Rentenniveau und die Obergrenze beim Beitragssatz eingehalten. Das ist schon eine sehr positive Entwicklung und macht die Stärke der gesetzlichen Rentenversicherung deutlich. Wir müssen die Rentenversicherung aber immer wieder an die sich verändernden gesellschaftlichen Veränderungen anpassen, so dass sie auch künftigen Herausforderungen standhalten kann.
VWheute: Hand aufs Herz. Würden Sie sich manchmal mehr Zuverlässigkeit durch die Politik wünschen?
Gundula Roßbach: Die Politik hat ja schon sehr frühzeitig damit begonnen, grundlegende Reformen in der Alterssicherung durchzuführen. Sie hat damit wirklich Weitsicht bewiesen. Die Rentenversicherung ist heute gut auf die künftigen Herausforderungen vorbereitet. Dennoch gibt es in der Alterssicherung weiterhin Handlungsbedarf. Um den langfristigen Anforderungen der demografischen Entwicklung nach 2030 gerecht zu werden, wäre es aus meiner Sicht sinnvoll, dass sich die Politik auch mit den Alterssicherungssystemen insgesamt befasst.
Dazu gehören neben der gesetzlichen Rente auch die beiden anderen Pfeiler, die private und die betriebliche Absicherung. Insbesondere wäre hier ein regelmäßiges Monitoring nötig, in welchem Umfang die Bürger für das Alter abgesichert sind und sein werden. Auf einer solchen Grundlage wäre über die langfristigen Reformschritte in der Alterssicherung zu entscheiden. Ich hoffe, dass die Politik auch in dieser Legislaturperiode die Weiterentwicklung der Alterssicherung weiter im Blick behalten wird. Die Rentenversicherung und ihre Selbstverwaltung bieten in diesem Prozess ihre Expertise an.
VWheute: Warum brauchen wir eine sogenannte "Haltelinie", also eine Balance zwischen Beitragssatzanstieg und Rentenniveau?
Gundula Roßbach: Für die Zeit bis 2030 ist festgelegt, dass der Beitragssatz nicht über 22 Prozent steigen und das Rentenniveau nicht unter 43 Prozent fallen soll. Für die Zeit danach gibt es bisher noch keine gesetzlich fixierten Festlegungen. Hier gibt es aus meiner Sicht Handlungsbedarf. Es muss zum einen sichergestellt sein, dass das Rentenniveau auch nach 2030 nicht zu stark absinkt. Eine auskömmliche Versorgung nach einem langen Erwerbsleben, in dem Vollzeit gearbeitet wurde, muss auch auf lange Sicht unser Ziel sein.
Gleichzeitig müssen wir aber auch den Beitragssatz im Blick haben. Er muss auch in der langen Perspektive bezahlbar bleiben. Rentenniveau und Beitragssatz muss man aus meiner Sicht immer im Zusammenhang sehen. Nur wenn es hier ein ausgewogenes Gleichgewicht gibt, wird das Rentensystem auf lange Sicht auch bei den jüngeren Menschen Akzeptanz finden. Wir haben uns bei den Rentenreformen in breitem Konsens darauf verständigt, weder den Rentnern noch den Beitragszahlern einseitige Lasten aufzubürden, und das halte ich für richtig.
VWheute: 2014 betrug das Rentenniveau noch etwa 48 Prozent eines Arbeitnehmergehalts. Wird die weitere Absenkung das Risiko der Altersarmut verstärken?
Gundula Roßbach: Den Begriff des Rentenniveaus sollte man nicht falsch interpretieren. Es geht dabei um einen Vergleich zwischen der Standardrente und dem Durchschnittsentgelt, nicht um einen Prozentsatz des eigenen Gehalts, den man im Alter als Rente bekommt. Das Rentenniveau ist auch nicht die entscheidende Stellschraube, um Altersarmut zu vermeiden. Ein sinkendes Rentenniveau führt ja nicht dazu, dass die Rente sinkt.
Das ist gesetzlich sogar ausgeschlossen. Aus meiner Sicht müssen wir aber genau hinsehen bei den Menschen, bei denen das Risiko von Armut im Alter besonders hoch ist. Bei diesen Personengruppen sollten wir mit zielgenauen Maßnahmen ansetzen, um Altersarmut zu vermeiden. Hierzu zählen etwa viele Selbstständige mit oft unstetigen Erwerbsbiografien oder auch Menschen, die lange im Niedriglohnsektor gearbeitet haben.
Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auch darauf, dass die Mehrzahl der Menschen, die Grundsicherung beziehen, nicht erst mit Erreichen des Rentenalters arm wird. Rund drei Viertel von ihnen erhielt auch unmittelbar vor Erreichen der Altersgrenze Grundsicherung.
VWheute: Wie stabil wird der Beitragssatz in den nächsten zehn Jahren sein können?
Gundula Roßbach: Der Beitragssatz in der Rentenversicherung wird nach unseren Vorausberechnungen bis 2022 stabil bei 18,6 Prozent bleiben können. Danach wird er ansteigen und 2028 voraussichtlich bei 21 Prozent liegen. Die im Gesetz festgelegte Obergrenze von 22 Prozent im Jahr 2030 wird danach eingehalten.
Die Fragen stellte VWheute-Korrespondent Wolfgang Otte.
(wo/vw)
Bild: Gundula Roßbach (Quelle: Deutsche Rentenversicherung)
Das vollständige Interview mit Gundula Roßbach lesen Sie im Business- und Managementmagazin Versicherungswirtschaft.
Rente · Rentenversicherung · Gundula Roßbach
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