Unternehmen & Management

Leitermann: "Man muss die Mitarbeiter mitnehmen"

Von VW-RedaktionTagesaktuelle Informationen und Neuigkeiten aus der Versicherungsbranche. Alle Nachrichten des Tagesreports auch als Newsletter abonnierbar.
Mit gemischten Gefühlen betrachtet Ulrich Leitermann, Vorstandschef der Signal Iduna Gruppe, die allgemeine Lage, wie er beim diesjährigen Pressegespräch deutlich machte. Gut für das Geschäft seines Unternehmens, das einen starken Schwerpunkt auf mittelständische Betriebe legt, ist sicher, dass "das Handwerk boomt", schlecht ist dagegen der daraus resultierende Fachkräftemangel.
Ähnlich sieht es bei den Zinsen aus. Hier erwartet er vor 2025 keine signifikante Veränderung – schlecht für die deutschen Sparer, gut für die Staatshaushalte und die zart aufkeimende Konjunktur in den südeuropäischen Ländern, die dem EZB-Rat deutlich mehr am Herzen liegt.
Eindeutig ist dagegen seine Ablehnung aller Bestrebungen, in die Richtung einer Bürgerversicherung zu gehen, nicht zuletzt dadurch, dass die Krankenversicherung mit 2,7 Mrd Euro Beitragseinnahmen rund 50 Prozent zu den Einnahmen der gesamten Gruppe beiträgt. Sollten die Koalitionsverhandlungen doch einen Schritt zur Abschaffung des dualen Krankenversicherungssystems machen, sind nach seiner Einschätzung 300.000 Arbeitsplätze im Gesundheitswesen gefährdet.
Die Kritik an der privaten Krankenversicherung hält er in weiten Teilen für unberechtigt. Die hohen Beitragssteigerungen seien in erster Linie eine Folge der Tatsache, dass es gesetzlich vorgegebene Auslöser für Tariferhöhungen gibt, die ein moderates, kontinuierliches Ansteigen verhindern. Außerdem seien davon vor allem Versicherte betroffen, die sich erst relativ spät privat krankenversichert oder häufiger gewechselt hätten. Wer in jungen Jahren bei der PKV einsteige, müsse im Alter dank der Rückstellungen sogar weniger zahlen.
Und auch die Kritik, dass Privatversicherte bei der Wartezeit bevorzugt würden, hält er für unberechtigt. Dies sei vielmehr eine Folge der Budgetierung in der gesetzlichen Krankenversicherung, die von einer SPD geführten Bundesregierung eingeführt wurde und die dazu führt, dass die niedergelassenen Ärzte am Ende eines Quartals quasi umsonst arbeiten müssen. Da sei es wirtschaftlich sinnvoller, den nächsten Termin auf das folgende Quartal zu legen – ein Problem, das es bei privatversicherten Patienten nicht gibt.
Immerhin, in einem Punkt ist sich Leitermann mit Karl Lauterbach wahrscheinlich einig – in der Forderung nach mehr Studienplätzen für Medizinstudenten und nach einer Abschaffung des "Kernproblems" Nummer Clausus als wichtigster Zugangsvoraussetzung, wie es ja auch das kürzlich ergangene Urteil des Bundesverfassungsgerichts verlangt.
In seiner eigenen Unternehmensgruppe ist Leitermann vor allem mit der Umsetzung des "Zukunftsprogramms“ beschäftigt, in dessen Rahmen in den letzten drei Jahren über 300 Maßnahmen umgesetzt, gut 100 Teilprojekte in Angriff genommen und über 35 Vereinbarungen mit dem Betriebsrat geschlossen wurden. Dazu kamen gut 80 Veranstaltungen mit den Mitarbeitern, deren Zahl um 1.400 auf jetzt rund 10.000 schrumpfte, darunter 3.000 selbstständige Außendienst-Mitarbeiter.
Außerdem wurden die drei Lebensversicherungssysteme in ein System migriert, die beiden Krankenversicherer zu einer Versicherung – Signal Iduna Krankenversicherung – verschmolzen. Nach wie vor gibt es aber zwei Marken, die Deutsche Ring Krankenversicherung soll als vor allem im Maklervertrieb etablierte Marke nicht angetastet werden. Auch die anderen Gesellschaften, wie die Iduna Lebensversicherung oder die Signal Unfallversicherung, firmieren jetzt unter Signal Iduna. Insgesamt hat die Gruppe 90 Mio Euro für diese Migrationsprozesse investiert.
Mit der "Vision 2023" blickt das Unternehmen jetzt nach vorne und will bis 2023 die Beitragseinnahmen von heute 5,7 Mrd Euro auf sieben Mrd erhöhen, der Ertrag soll um 30 Prozent wachsen. So habe man damit unter anderem die Ausbildungsquote bei den Azubis erhöht, um dem mittelfristig drohenden Fachkräftemangel – bei einem Altersdurchschnitt von 47 Jahren und einer gut 21-jährigen Betriebszugehörigkeit ihrer Mitarbeiter – zu begegnen.
Daneben versucht sie, die Digitalisierung in alle Prozesse einzubinden, eine separate Digitalisierungsstrategie lehnt Leitermann ab. Dafür setzt er auf eine vielfältige zusammenarbeit mit Start-Ups und die Bereitschaft aller Mitarbeiter zu einem permanenten Lern- und Weiterbildungsprozess. "Ganz entscheidend sind die Mitarbeiter, sie müssen in Gänze mitgenommen werden", betonte der Signal Iduna-Chef. (sgk)
Bild: Ulrich Leitermann (Quelle: sgk)
Signal Iduna · Ulrich Leitermann
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